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Fotos von Pflastersteinen : „Wie eine Welle durch die Stadt“

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„Mich hat interessiert, wie eine Flächenarchitektur entsteht“, sagt Heiko Neumeister. Bild: Heiko Neumeister

Der Künstler Heiko Neumeister hat Pflasterklinker fotografiert. Ein Gespräch über zuviel des Roten, schöne und hässliche Steine – ohne über Minimal Art oder den Subjektbegriff zu sprechen.

          Herr Neumeister, Sie haben fotografiert, wie in einer deutschen Stadt rote Pflasterklinker verlegt werden, wie man sie von überall kennt. Was ist daran inspirierend?

          2010 erhielt ich ein Stipendium des Landes Schleswig-Holstein und konnte im Künstlerhaus Eckernförde arbeiten. Vor dem Haus gab es eine Baustelle. Da wurde die Straße gemacht. Zuerst wurde der Asphalt entfernt, dann die Steine verlegt. Ich habe das etwa drei Monate lang mit dem Fotoapparat begleitet. Mich hat daran interessiert, wie eine Flächenarchitektur entsteht.

          Finden Sie die Steine schön?

          Manchmal schön, manchmal hässlich. Wenn man genauer hinguckt, sind sie auch gar nicht so gleich, wie man denken mag. Mal sehen sie ein bisschen gelber aus, mal grauer. Das changiert je nach Flammierung. Und dann spielt das Licht auch eine große Rolle. Der Sonnenuntergang schlug schräg darauf, das ergab ein intensives Leuchten.

          Es kann aber auch des Roten zu viel sein.

          Ja. Wenn die weißen Häuserfassaden rot werden, sogar die Augen der vorbeigehenden Leute, dann ist das, als würde alles mit einer Haut überzogen. Rote Brennnessel – das finde ich denn doch absurd. Aber beim Fotografieren ging es mir nur darum, die Steine ganz neutral zu sehen.

          Deutschland ist zugepflastert mit solchen Steinen. War Ihnen das zuvor nicht aufgefallen?

          Klar. Ich habe sogar mal welche für meine eigenen Arbeiten benutzt – als Sockel für kleine Betonskulpturen auf einer Wiese. Aber natürlich achte ich mehr darauf, seit ich mich so intensiv damit beschäftigt habe. Es liegen da übrigens noch andere künstlerische Themen als Klinkersteine im Wortsinn auf der Straße: Gullydeckel, Gehwegplatten, Verkehrsleitflächen.

          „Mal sehen die Steine ein bisschen gelber aus, mal grauer. Das changiert je nach Flammierung.“

Bilderstrecke

          Wie haben die Bauleute es aufgenommen, dass Sie dort fotografierten?

          Freundlich. Es waren überhaupt erstaunliche Leute, immer gut gelaunt. Dabei knien sie acht Stunden lang. Ich denke, es hat sie beeindruckt, dass es da eine Parallelität gab: Sie haben mit Millimetersorgfalt die Steine verlegt. Klick, klick, klick – so ging es den ganzen Tag. Und ich habe mit ähnlicher Sorgfalt meine Fotos gemacht. Die Bauleute sind da wochenlang beschäftigt, sie identifizieren sich mit ihrer Aufgabe. Aber wenn die Fläche fertig ist, gehen sie einfach weg. Mir erging es ähnlich. Bei der fertigen Fläche verschwindet aller Zauber. Der Zwischenzustand hat etwas Verzückendes.

          Bewegung ist alles, das Ziel ist nichts.

          Genau. Ich habe die Werkzeuge fotografiert, die Stapel von Steinen, die schon zur Markierung gelegten Steine, die ersten Muster, die Schlagschnur. Das ist ein perfekt durchlaufendes Flächensystem. Das Muster legt sich in die Fläche hinein wie eine Welle, die durch die Stadt spült und sich nicht mehr aufhalten lässt. Dann ist es auf einmal fertig – und man nimmt es nicht mehr wahr. Eigentlich eine Bizarrerie, überall in Deutschland zu finden.

          Das teilt sich auch in Ihrem Buch über Ihr Eckernförder Abenteuer „Selbstbehauptung im Angesicht des Absoluten“ mit. Danke für die Auskünfte!

          Aber wir haben noch gar nicht über die Minimal Art gesprochen und Malewitschs „Rotes Quadrat“, auch nicht über den Subjektbegriff. Aber wahrscheinlich ist das gar nicht nötig.

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