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Fotos von Demenzkranken : „Sie sind ungeschminkt ehrlich“

  • Aktualisiert am

„Menschen mit Demenz sind die Punks des Alters.“ Bild: Michael Hagedorn

Michael Hagedorn begleitet demente Menschen mit der Kamera – mittlerweile sind dabei schon 40000 Fotos entstanden. Im Interview spricht Hagedorn über Würde, Freude und Ängste.

          4 Min.

          Herr Hagedorn, Sie fotografieren Demenzpatienten und haben einmal gesagt, nirgends lernten Sie mehr über sich. Was haben Sie über sich gelernt?

          Menschen mit Demenz leben immer mehr im Hier und Jetzt. Sie schenken dem Augenblick mehr Bedeutung, und der ist oft sehr viel bunter und lebenswerter, als man denkt. Sie tun, was sie wollen, auch gegen alle Konventionen, und sind damit in höchstem Maße selbstbestimmt. Menschen mit Demenz sind die Punks des Alters. Diese Erfahrungen haben mich verändert.

          Warum fotografieren Sie Demenzkranke?

          Als ich vor sieben Jahren mit diesem Langzeitprojekt begann, wurde mir sehr schnell klar, dass ich in der Klischeefalle gesessen hatte, dass mein bisheriges Bild ganz und gar nicht mit dem übereinstimmte, was ich täglich erlebte: kein tristes Grau, sondern Farbe in allen Zwischentönen. Wir neigen zu Schubladendenken, und Menschen, die anders ticken, werden sofort pathologisiert.

          Wie sieht Ihrer Meinung das öffentliche Bild von Demenzkranken gerade aus?

          Wir haben geradezu eine Kultur des mitleidigen Gruselns statt des zugewandten Mitgefühls. Wenn sich dann noch von den Medien geschürte Horrorbilder dazugesellen, landen die Betroffenen sehr schnell am Rand der Gesellschaft. Bei Demenz ist das sehr ausgeprägt. In meiner Arbeit steht nicht die Krankheit im Vordergrund, sondern die Personen dahinter, die bis zum letzten Atemzug Persönlichkeiten bleiben. Ich spreche deshalb auch nicht von Demenzkranken, sondern von Menschen mit Demenz.

          Wie schwierig ist es, demente Menschen zu fotografieren?

          Ich empfinde es als leicht, weil sie sehr direkt sind. Sie verstellen sich nicht, sind ehrlich und geben sehr viel von sich preis. Das bedeutet für mich als Fotograf auch, dass ich sehr verantwortungsvoll mit dem Vertrauen der Leute umgehe.

          „Unser Ziel ist, das Thema Demenz im wahrsten Sinne mit neuen Bildern zu besetzen.“
          „Unser Ziel ist, das Thema Demenz im wahrsten Sinne mit neuen Bildern zu besetzen.“ : Bild: Michael Hagedorn

          In welchen Momenten legen Sie die Kamera weg?

          Ich fotografiere dann nicht, wenn ich das Gefühl habe, den Menschen nicht gerecht zu werden. Wenn ich jemanden als sehr ausgeglichene Person erlebe, die aber doch einmal traurig und niedergeschlagen dasitzt, dann möchte ich sie in dem Moment nicht aufnehmen. Ich muss auch kein Foto auf der Toilette machen, ich will niemanden despektierlich darstellen.

          Wie verhalten sich Demenzkranke vor der Kamera?

          Das hängt davon ab, wie weit die Demenz fortgeschritten ist. In einem späteren Stadium sind sie total uneitel. Und sie sind einfach, wie sie sind, ungeschminkt ehrlich.

          Wie reagieren die Demenzpatienten auf Ihre Bilder?

          Andere alte Menschen finden sich oft nicht so hübsch oder zu alt, um fotografiert zu werden. Menschen mit Demenz sagen mir oft: „Ich finde, ich sehe gut aus.“ Irgendwann passt das eigene Bild des Porträtierten dann nicht mehr mit der Person auf dem Foto zusammen, er erkennt sich nicht wieder. Beim Bilderschauen wird in der Regel viel gelacht.

          Sie zeigen Ihre Fotos in einer „Aktivierungskamapagne“, wie Sie es nennen. Warum?

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