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Fotograf Richard Drew : Zwei Mal die Weltgeschichte aufgenommen

Zeichen der Hoffnung: Robert F. Kennedy mit seiner Frau Ethel kurz vor dem Attentat bei seiner Rede im Hotel Ambassador Bild: AP

Richard Drew, der am 11. September 2001 den „Falling Man“ fotografierte, war auch bei der Ermordung Robert F. Kennedys vor 50 Jahren dabei.

          5 Min.

          In den vergangenen Tagen hat er wieder viel fotografiert: den Starbucks-Vorstandsvorsitzenden Kevin Johnson; die Aktienhändler Kevin Walsh und William Lawrence auf dem Parkett der New Yorker Börse; Michael Avenatti, den Anwalt der Pornodarstellerin Stormy Daniels; und Harvey Weinstein, der zum Gericht geführt wird.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Alltag für Richard Drew. Der dienstälteste Fotograf im New Yorker Büro der Nachrichtenagentur AP macht immer weiter: Wahlkämpfe, Börsenszenen, Preisverleihungen, Polizeieinsätze, Modenschauen. Er hört einfach nicht auf, obwohl er 71 Jahre alt ist und seit einem halben Jahrhundert im Dienst. Er ist der geborene Fotograf, hartnäckig, schnell, unsentimental. „Wenn es darauf ankommt“, sagt er, „schalte ich auf Autopilot.“

          Wenn man ihn also am 4. Juni 2018 befragt zu seinem Einsatz am 4. Juni 1968, dann muss er sich kurz besinnen angesichts all der aktuellen Aufträge, die ihm im Großraumbüro zugeschoben werden. Und er muss ja auch noch die Fotos hochladen von Maria Fernanda Espinosa, der Außenministerin von Ecuador, die er gerade im Hauptquartier der Vereinten Nationen aufgenommen hat.

          Gespür für wichtige Termine

          „Aber ich erinnere mich an den Tag damals, als wäre es gestern gewesen, oder vielleicht vorgestern.“ Er war 21 Jahre alt und doch schon erfahren. Als Schüler hatte er einen Unfall fotografiert, einen umgestürzten Wagen der Straßenreinigung, und das Bild an die örtliche Zeitung in Arcadia im Los Angeles County verkauft. Ein hoffnungsvoller Beginn. Bald ging er zum „Pasadena Independent – Star News“ (der erste Titel bezog sich auf die Morgen-, der zweite auf die Abendzeitung), wurde erst „copy boy“, also eine Art Laufbursche im vorelektronischen journalistischen Zeitalter, und dann, mit gerade einmal 20 Jahren, „junior photographer“.

          Richard Drew in Manhatten

          Robert F. Kennedy fotografierte er oft. Der Senator von New York, Bruder des fünf Jahre zuvor ermordeten Präsidenten John F. Kennedy, wollte bei den Wahlen am 5. November 1968 amerikanischer Präsident werden. Gerade hatte er die Vorwahlen in South Dakota und Kalifornien gewonnen. Im Hotel Ambassador in Los Angeles hielt er am 4. Juni 1968, spät am Abend, seine Dankesrede. Richard Drew hatte gar keinen Auftrag seiner Redaktion. Aber schon damals war er nicht von wichtigen Terminen fernzuhalten. Schließlich bahnte sich da ein historisches Ereignis an. Nie zuvor war der Bruder eines Präsidenten ebenfalls Präsident geworden. Und wie sein Bruder damals, so war auch „Bobby“ Kennedy noch sehr jung, gerade einmal 42 Jahre alt, und eine charismatische Figur.

          Deckung statt Rettung

          Richard Drew also hatte sein Auto geparkt, drängte sich auf die Bühne und fotografierte während der Rede. Irgendwann nach Mitternacht bekam er Durst, ging hinunter in die Küche und nahm sich ein Glas Wasser. Kennedy, der auf dem Weg zu seiner Rede schon durch die Küche gekommen war und die Hände der Küchenfrauen geschüttelt hatte, kam mit seinen Begleitern bald nach. Drew stellte sein Glas ab und folgte dem Senator. Plötzlich stand der Attentäter Sirhan Bishara Sirhan vor Kennedy und schoss. Drew bückte sich, um nicht auch getroffen zu werden. „Ich meine fünf Schüsse gehört zu haben.“

          Das Bild: Drew fotografierte den tödlich getroffenen Senator

          Dann stieg er auf einen Metalltisch, um den am Boden liegenden Senator besser aufnehmen zu können. Denn Bewacher, Ersthelfer und Polizisten standen dicht um den Schwerverletzten, der von vier Kugeln getroffen worden war. Der 17 Jahre alte mexikanische Hilfskellner Juan Romero, dem Kennedy gerade die Hand hatte schütteln wollen, hielt den Kopf, so dass er nicht auf dem Boden zu liegen kam.

          Hätte sich Richard Drew nicht dazwischenwerfen können? Das fragte ihn einige Wochen nach dem Ereignis in einem Brief ein Deutscher, der von dem Einsatz des Fotografen gelesen hatte. „Ich fuhr damals einen Volkswagen und ließ mir den Brief von meinem deutschen VW-Händler übersetzen“, sagt Drew. „Meine Antwort war klar: Ich stand hinter dem Senator, es ging alles sehr schnell, ich ging instinktiv zu Boden.“ Und, natürlich: Er hatte auf Autopilot geschaltet.

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