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Fotograf Hannes Schmid : Meine Jahre mit den Rockstars

  • Aktualisiert am

Bild: Hannes Schmid

Als der Schweizer Fotokünstler Hannes Schmid jung war, begleitete er sieben Jahre lang Rockbands auf ihren Tourneen. Er fotografierte sie in ihren Wohnzimmern, Umkleidekabinen und Küchen. Jan Grossarth sprach mit ihm über seine Begegnungen mit den Stars.

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          Als der Schweizer Fotokünstler Hannes Schmid jung war, begleitete er sieben Jahre lang Rockbands auf ihren Tourneen. Er fotografierte sie in ihren Wohnzimmern, Umkleidekabinen und Küchen. Jan Grossarth sprach mit ihm über seine Begegnungen mit den Stars.

          Herr Schmid, Sie haben als junger Mann jahrelang Rockstars fotografiert. Jetzt, nach 30 Jahren, ist ein Bildband erschienen. Ein Foto zeigt den Bassisten der Band Uriah Heep in seiner Wohnung – auf einem Biedermeier-Sofa vorm Kamin, mit braven Kindern, einem Teddybären, seiner Frau im Wollrock. Nur Trevor Bolders Stiefel und seine Pudelfrisur verraten den Rockstar. War ihm das Foto peinlich?

          Nein, ich war oft bei ihm in England, und damals sahen die Wohnzimmer dort eben so aus. Diese Bands kamen ja nicht aus der Upper Class, sondern aus einfachen Verhältnissen. Und dann betraten sie die Bühne, und 20 000 Hände gingen in die Luft. Diese Verwandlung hat mich fasziniert, dieser kurze Weg vom Normalen zum Ikonenhaften. Deswegen habe ich sehr oft die Einfachheit fotografiert.

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          Fotograf Hannes Schmid : Meine Jahre mit den Rockstars

          Wie haben Sie es geschafft, den Rockstars so nahe zu kommen?

          Ich hatte zuvor vier Jahre Asien und Südostafrika gearbeitet, da habe ich mit Orang-Utans gelebt und habe Neuguinea zu Fuß bereist. Ich kam gerade zurück in die Schweiz, und ein guter Freund nahm mich zu einem Konzert von Status Quo mit. Ich kannte die Beatles, hatte aber keine Ahnung von dieser neueren Musik. Beim Essen nach dem Konzert schaute mich Francis Rossi an und sagte: „Raus, wir wollen keine Fotografen!“ Mein Freund sagte ihm: Nein, das ist kein normaler Fotograf, das ist ein Irrer, der hat mit Steinzeitmenschen gelebt und Kannibalen fotografiert. Dann erzählte ich lange davon, und nach dem Essen sagte der Manager: „Du hast wirklich Kannibalen fotografiert? Dann musst Du auch meine Band fotografieren!“

          Status Quo hatte sich also so sehr mit den Kannibalen identifiziert, dass Ihnen diese zum Türöffner wurden!

          Ja, die Kannibalen! Am nächsten Morgen machte ich mit Status Quo eine Fotosession im Hotel. Für die war ich wirklich ein Verrückter. Sie erkannten sich in den Bildern so sehr wieder, dass sie mich begeistert fragten: Willst du mit uns auf Tour mitkommen? Dann begleitete ich sie drei Monate.

          Sie haben von 1977 bis 1984 nichts anderes gemacht, als mit Rockbands um die Welt zu touren.

          Ich war mit 258 Bands auf Tour. Ich habe nur aus dem Koffer gelebt. Diese Bands hatten eigentlich keine Lust auf Journalisten. Aber ich war immer ein Teil der Crew, ich gehörte zum engsten Kreis. Die Bands sagten den Magazinredaktionen: Geht zum Hannes, der hat Bilder. Die Redaktionen archivierten die Aufnahmen in verschiedenen Kästen: Top-Bilder, mittelmäßige und „don’t use“. Meine Bilder lagen immer im Ordner „don’t use“. Aber oft gab es keine anderen. Mein Stil waren damals nicht populär. Man wollte glamouröse Bilder, ich war aber an dieser glamourösen Welt nie interessiert.

          Sind Sie selbst zum Punk geworden?

          Nein, mein Interesse war nicht die Musik, ich war an einer künstlerischen Umsetzung des Verhältnisses von Rockstars, deren Publikum und der Gesellschaft interessiert. Nur von Meat Loaf war ich begeistert, deshalb habe ich sie auch fast nicht fotografiert.

          Auf einem Bild kocht Ihnen ein Musiker von Barclay James Harvest etwas Fleischiges. War das lecker?

          Ich war oft bei ihm, und er wollte immer nur kochen! Ich weiß nicht mehr, was es gab und wie es schmeckte. Die Jungs hingen jedenfalls sehr an diesem ganz normalen Leben. Die Einsamkeit nach dem Konzert war für sie kaum zu verkraften.

          Die Abgründe kommen bei Ihnen nicht vor. Der Morgen danach, der Exzess: Warum haben Sie das ausgespart?

          Wenn Sie in einer Familie sind: Welche Momente fotografieren sie? Es ging ja auch um Loyalität.

          Die Rockstars kokettieren in Lack, Leder und pinkfarbenen Sakkos mit dem Bösen. Aber jedes ihrer Bilder macht deren kleinbürgerliche Mutter im Nacken sichtbar. Alles wirkt so harmlos.

          Alles stinknormal, ja. Für mich war dieser Gegensatz der Wahnsinn: Wenn Motörhead auf die Bühne ging, war nichts als Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Doch nach dem Konzert blieb gar nichts mehr davon. Das waren dann die biedersten Leute.

          Mussten Sie viele Drogen schlucken?

          Ich war davor immer gefeit, ich habe nicht getrunken und auch keine Drogen genommen. Die Musiker haben mich auch so toleriert. Die englischen Hardrocker tranken natürlich viel Alkohol, aber das tun Engländer ja sowieso.

          Sie waren auch mit dem AC/DC-Sänger Bon Scott auf Tour, kurz bevor er nach einem Alkoholexzess umkam.

          Es war eine tragische Zeit. Je genialer die Leute waren, desto schwieriger war es für sie, mit dem Leben jenseits der Bühne umzugehen. Als ich mit Bob Marley in Zürich war, war er schon schwer krank. Auch Freddy Mercury hat bis zum Schluss durchgehalten. Das Thema Krankheit wurde aber immer ausgesperrt.

          Wäre es heute noch möglich, Popstars so spontan so nahe zu kommen? Die nehmen ja längst Millionen Dollar für die Bildrechte ihrer Hochzeiten.

          Heute ist der Aufstieg einer Band von Anfang an vom Marketing gesteuert. Vielleicht wäre das noch mit einer einzelnen Band möglich, aber nicht mehr mit 258. Heute wollen Popstars auch nicht mehr so einfach dargestellt werden. Nehmen Sie mein Bild von Depeche Mode. Das war ihr zweites Konzert, die Jungs hatten die Hosen voll. „Wir sind so nervös“, sagten sie vor Beginn, „mach das letzte Bild von uns.“ Schauen Sie sich die Gesichter an – etwas jungfräulicheres gibt es nicht!

          Jeder Paparazzo träumt von solchen Aufnahmen. Haben Sie wenigstens viel Geld verdient mit Ihren Fotos?

          Ach nein, nur einmal bot mir der „Stern“ viel. Supertramp galt ja als die cleanste Band, und dann hatte ihr Promoter in Zürich 20 Prostituierte aus Hamburg einfliegen lassen. Da ging der Punk ab. Aber ich habe diese Bilder nicht verkauft. Man kann nicht die eigene Familie in den Käse reiten. Jetzt ist die Sache ja verjährt. Und das Interesse ist riesig: Meine Ausstellungen in New York im Brooklyn Museum hatte allein am Wochenende mehr als 3000 Zuschauer.

          Sind Ihnen aus Ihrer Zeit als Rockstar viele Freundschaften geblieben?

          Nein. Vom einen Tag auf den anderen hatte ich genug und hörte auf. Das war nur eine Familie auf Zeit.

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