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Fotoband „Perryworld“ : Perry Kretz geht der Welt auf den Grund

Sicherheitszone: Bei US Marshals, die Kronzeugen in Mafia-Prozessen bewachen mussten, waren Fotografen nicht gern gesehen. Perry Kretz gelang trotzdem ein Bild vom Abtransport eines ehemaligen Mafioso. Bild: Fotoband „Perryworld“

Mafia-Prozesse, Genozide und das Gefangenenlager Guantanamo: Perry Kretz begibt sich dahin, wo niemand sein will. Die Bilder, die er dort schießt, erzählen von Gewalt und Tod – aber auch von Verletzlichkeit und dem Leben.

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          Die Szene ist bizarr. Ein idyllischer Garten irgendwo im Süden, weiße Mauern, grüner Rasen, schattenspendende Bäume. Mittendrin ein leuchtend blauer Pool. Es könnte ein Ferienvilla in Mallorca sein oder in Miami – lägen am Beckenrand nicht neben einem Paar Sandalen sechs Maschinenpistolen auf den Fliesen. Und reckte der Mann, der im Pool steht, nicht eine weitere Schusswaffe in einer Triumph-Geste in die Höhe. Der Mann holt Relikte des einstigen Hausherren hervor, eines Sohns des kongolesischen Diktators Mobutu Sese Seko, den die Rebellen im Mai 1997 aus seinen Häusern und seinem Land vertrieben, das er jahrzehntelang geplündert hatte. Das Bild von Perry Kretz wurde im Jahr darauf mit einem Preis der World Press Photo Foundation ausgezeichnet.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Bei Perry Kretz geht es immer wieder um Spuren der Gewalt, Gesichter der Gewalt. Um Leben und Tod. Das ist in seinen Bildern so, bei Drogenrazzien, Mafia-Kronzeugen und verdeckten Ermittlern, beim Horror des Genozids in Ruanda und im Anti-Terror-Krieg in Afghanistan und Guantánamo. Und es ist bei ihm selbst so. Am 15. September 1971, Kretz berichtete für den „Stern“ über den Vietnam-Krieg, war er in einem Nachtclub in Saigon, als dort eine Bombe explodierte. 15 Menschen kamen ums Leben, 57 wurden verletzt. Kretz überlebte, trug aber einen bleibenden Hörschaden davon.

          Street-Gangs, Drogensüchtige und Straßenkinder

          Perry Kretz wurde 1933 in Köln geboren. Er trieb sich als Kind auf dem Schwarzmarkt herum, wanderte dann als Siebzehnjähriger nach New York aus. Er belegte Journalismus-Kurse und sammelte Wetteinsätze für die Mafia ein. 1953 zog er für die Vereinigten Staaten in den Korea-Krieg – als Army-Fotograf. Später arbeitete er für die „New York Post“ und die Bildagentur Keystone, danach war er jahrelang Fotoreporter für den „Stern“. Nun ist eine Auswahl seiner Bilder in dem Band „Perryworld“ zu sehen.

          Von Leuten, die mit ihm unterwegs waren, wird Kretz als Hitz- und Dickkopf beschrieben – aber auch als ein Mann, der es schaffte, Ton und Sprache der Gangster, Drogenhändler, Ermittler, Militärs so perfekt zu treffen, dass er schnell zu einem Teil ihrer Welt wurde und sie ihm ungewöhnliche Einblicke ermöglichten. Im Bürgerkrieg in Nicaragua gelang es Kretz, das Vertrauen beider Kriegsparteien zu gewinnen, der Sandinisten und des Diktators Somoza.

          Seine Aufnahmen machten die Menschen hinter den Namen lebendig, brachten ihre Charakterzüge ans Licht – wie beim Bild des selbstsicheren Somoza im Exil in Paraguay, kurz bevor er dort ermordet wurde. Oder beim selbstgefälligen Jean-Claude „Baby Doc“ Duvalier, Diktator des Karibikstaats Haiti, mit Frau am Pool, großmütig, stolz, ganz mondäner Gastgeber im Elend seines Landes.

          Kretz fotografierte Street-Gangs in New York (wofür er ebenfalls einen World-Press-Photo-Preis bekam) und Drogensüchtige in Philadelphia, Straßenkinder in Bogotá und Gefängnisinsassen in der „Death Row“. Es sind manchmal schockierend brutale Szenen, intensiv und direkt, aus Lebenswelten, die sonst oft verborgen bleiben.

          Dass dazwischen in dem Band auch Celebritys wie Marlene Dietrich oder Marilyn Monroe glänzen, lässt diese Welten nur noch verstörender wirken: ein Kindersoldat in Kinshasa, in dessen Hand mit lockerem Griff ein Schnellfeuergewehr baumelt, vier Dorfbewohner in Mexiko, die nach einer Drogenrazzia mit erhobenen Händen auf dem Boden knien, die Blicke verloren, gleichmütig, fatalistisch. Kretz zeigt die Posen der Menschen und auch ihre Verletzlichkeit. Und manchmal beides zugleich.

          Donald Schneider (Hrsg.): Perryworld. Perry Kretz War Photographer. Sturm und Drang, 44 Euro.

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