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Flüchtlingsinitiative : Helfen an der Ruhr

  • -Aktualisiert am

Vom großen Erfolg überrascht: Reinhard Jehles zeigt zwei Besucherinnen das Warenhaus der Flüchtlingsinitiative in Mülheim an der Ruhr Bild: Edgar Schoepal

Vor einem Jahr rief Reinhard Jehles dazu auf, eine Flüchtlingsfamilie zu unterstützen. Heute betreibt sein Verein in Mülheim an der Ruhr ein Projekt, das vielen als Beispiel für ehrenamtliche Flüchtlingshilfe gilt.

          An manchen Tagen kommt Reinhard Jehles diese Geschichte wie ein Märchen vor. Dass sich alles so scheinbar mühelos fügen, dass seine Flüchtlingsinitiative „Willkommen in Mülheim“ so weite Kreise ziehen würde - Jehles schüttelt lächelnd den Kopf. Dann brummt er zufrieden: „Erstaunlicher Schneeballeffekt.“

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Reinhard Jehles führt in Mülheim an der Ruhr ein kleines Unternehmen, das Tassen mit Werbe-, Marketing- und Fansprüchen bedruckt. Ziemlich große Namen aus Wirtschaft und Showbusiness hat er schon in Keramik gebrannt. Eigentlich hat er genug zu tun mit seiner Firma und mit seinen manchmal nicht ganz einfachen Kunden. Als er sich vor einem Jahr etwas unbedarft an den Computer setzte, um über Facebook zu Spenden für eine kinderreiche irakische Flüchtlingsfamilie aufzurufen, wollte er nur eben mal schnell seiner Frau beispringen.

          Schon seit einiger Zeit kümmerte sie sich um die Leute. Endlich hatte die Familie eine Wohnung gefunden. Aber woher sollten die Möbel, das Geschirr kommen? Also bat Reinhard Jehles über das soziale Netzwerk um Hilfe. „Wenig später konnte ich mich kaum noch retten.“ In kurzer Frist reagierten 180 Facebook-Nutzer. Etwa ein Drittel der Kommentare waren „braune Soße vom Übelsten“, erinnert sich Jehles. Aber zwei Drittel der Leute wollten helfen: mit konkreten Angeboten. „Am liebsten hätten die mir ihre Kühlschränke, Kinderwagen, ihre Kleiderspenden gleich vorbeigebracht.“

          Hilfsgruppe mit eigenem Warenhaus

          Zusammen mit Freunden von der Arbeiterwohlfahrt bewältigte Jehles den ersten Strom der Spenden. Sicherheitshalber wechselte der Unternehmer aber in eine geschlossene Facebook-Gruppe und gab ihr den Namen „Willkommen in Mülheim“ (Wim). Der Gabenstrom versiegte nicht. Und immer mehr Leute vernetzten sich in der Gruppe. Schon nach wenigen Tagen war aus einem Internetaufruf eine Hilfsgruppe mit eigenem „Warenhaus“ geworden. Seit die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Anfang September 2014 unter dem Titel „Das Wunder von Mülheim“ über Wim berichtete, gilt die Initiative auch überregional als Beispiel für praktische ehrenamtliche Flüchtlingshilfe. Regelmäßig kommen mittlerweile Fernsehteams vorbei. Anfang September wird die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Aydan Özogus, zu Gast sein.

          Als im vergangenen Sommer auch nach Mülheim mehr Flüchtlinge kamen als in den Jahren davor, wuchsen unter den Einheimischen zunächst die Bedenken. Manche befürchteten, dass es in einigen Gegenden ihrer Stadt bald so aussehen könnte wie in Problemvierteln von Duisburg oder Dortmund. Doch die Lage entspannte sich, weil die Verwaltung sich bemüht, die Flüchtlinge dezentral unterzubringen, also über das ganze Stadtgebiet zu verteilen. Sozialdezernent Ulrich Ernst würdigte schon im vergangenen Jahr, dass zudem die Arbeit ehrenamtlicher Initiativen wie „Willkommen in Mülheim“ die Stimmung in der Stadt positiv verändert hat. Jedenfalls gab es im Herbst und Winter in Mülheim - anders als etwa in den Nachbarstädten Düsseldorf und Duisburg - keinen öffentlich sichtbaren Pegida-Ableger.

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