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Flüchtlingsinitiative : Helfen an der Ruhr

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Reinhard Jehles ist froh über Leute wie die Dirakis, die motiviert und zuverlässig sind. „Denn ein Warenhaus für Flüchtlinge, das ist wirklich kein Ponyhof. Hier prallen Kulturen und Religionen aufeinander.“ Weil es immer wieder vorkam, dass eine Flüchtlingsgruppe eine andere auszugrenzen versuchte, verpflichtet Wim jeden neuen „Kunden“ nun per viersprachigem Handzettel zur Toleranz und droht unverhohlen mit Hausverbot. In den Anfangsmonaten durften sich die Flüchtlinge im „Warenhaus“ noch selbst bedienen. „Manchmal mussten wir dann zwei Tage lang aufräumen.“ Mittlerweile gibt es deshalb eine Theke, an der Flüchtlinge ihre Bedürfnisse und Wünsche äußern. Helfer wie Peshwar und Wasilina geben dann die Kleider, Schuhe oder Haushaltswaren aus. Zudem wird jeder „Warenhaus“-Nutzer nun registriert. „Wie unter allen Menschen gibt es auch unter Flüchtlingen schwarze Schafe.“ Jehles erzählt von einem Familienclan vom Balkan, dessen Mitglieder die guten Gaben ohne Hemmungen in großen Mengen aus dem „Warenhaus“ zu einem um die Ecke geparkten Kleintransporter trugen. „Hilfe braucht klare Regeln - auch weil sonst die Bereitschaft der Leute zu geben zurückgeht.“

Ein Spender pro Stunde

Seit einem Jahr fließt der Gabenstrom unvermindert. „Die Leute öffnen ihr Herz.“ Bis heute meldet sich an jedem Wochentag im Schnitt ein Spender pro Stunde bei Wim - nicht nur aus Mülheim, sondern aus ganz Deutschland. Vor wenigen Wochen bekam Jehles vier Europaletten mit Kuscheltieren. Sieben Paletten mit zweisprachigen Kinderbüchern stellte ein Verlag dem Unternehmer in einen eilig gemieteten Lagerraum. Wim verteilt Sachen wie diese über sein Hilfsnetz, das der Verein inzwischen mit anderen Organisationen nicht nur im Ruhrgebiet geknüpft hat. „In der Szene ist mittlerweile bekannt, dass Wim auch komplexe logistische Aufgaben lösen kann“, erzählt Jehles.

Manchmal sind die Helfer von Wim auch Seelsorger. Manchmal nämlich kommen Spender, denen selbst geholfen werden muss. Immer wieder bringen ältere Damen die Sachen ihrer gerade erst gestorbenen Ehemänner ins „Warenhaus“ der Flüchtlinge. „Sie tun Gutes und bringen zugleich ihre Probleme zu uns mit“, sagt Jehles. „Man kann da natürlich nicht sagen: Stellen Sie das mal schön da hin. Da muss man sich schon Zeit nehmen.“

Hilfstransporte auch nach Syrien

Vor wenigen Wochen meldete sich ein Verwandter des Mülheimer Ehepaars, das beim Absturz des Germanwings-Flugzeugs im März ums Leben kam. Alle Kleider, den gesamten Hausstand solle Wim übernehmen, das sei im Sinne der Toten. Jetzt, wo alles längst verteilt ist, erzählt Jehles zum ersten Mal davon. Noch mehr aber hat den Wim-Gründer ein anderes Erlebnis berührt. „Willkommen in Mülheim“ bekommt mittlerweile so viele Spenden, dass der Verein auch schon Hilfstransporte nach Syrien zusammenstellen konnte. Als die Helfer von der zweiten Tour zurückkehrten, wunderte sich Jehles über den Aufruhr im „Warenhaus“: „Einer unserer Kurden erkannte auf den Fotos, die unsere Helfer in einem Flüchtlingslager aufgenommen hatten, seinen totgeglaubten Bruder.“

Freude und Trauer, das weiß Jehles heute, müssen Geschwister sein. Vor ein paar Wochen erst hat Wim wieder einmal einen kompletten Hausstand mit Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmern gespendet bekommen. Das traf sich gut, denn eine Flüchtlingsfamilie hatte genau an diesem Tag nach langem Suchen endlich eine eigene Wohnung gefunden. Jehles beugte sich über den Grundriss und maß aus, was wohin gestellt werden könnte. Es passte perfekt. Er organisierte einen Transporter und Helfer, die alles an einem Tag ab- und in der Wohnung der Flüchtlinge wieder aufbauten. „Die Leute bedankten sich tausendmal“, erzählt Jehles. „Aber als alles fertig war, schauten wir trotzdem in traurige Gesichter.“ Denn da erinnerten sich die Flüchtlinge wieder daran, wie schwer es ist, so weit weg von der Heimat zu leben.

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