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Flüchtlingsinitiative : Helfen an der Ruhr

  • -Aktualisiert am

„Man sieht nur mit dem Herzen gut.“

Trotzdem war Jehles niedergeschlagen, als er die Berichte über die Demonstrationen von Pegida in Dresden und Legida in Leipzig verfolgte. „Ich dachte, jetzt kippt das in Deutschland um.“ Saßen er und seine Helfer womöglich auf einer Insel der Seligen? Aber dann kam es wieder einmal zu einer jener Wendungen, die Jehles seit nun schon einem Jahr immer rechtzeitig erlebt. Ende Januar erreichte ihn ein großes Paket mit Kinderkleidern und Spielzeug von einer Familie aus Leipzig. „Die Leute haben das ganz bewusst zu Wim in den tiefen Westen geschickt, um ein persönliches Zeichen zu setzten gegen Pegida und Co im Osten.“ Ein guter Freund kommentierte das mit der Kernaussage aus der Geschichte des „Kleinen Prinzen“ von Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Jehles brachte das auf eine neue Idee: Eine gemeinsame Aufführung des „Kleinen Prinzen“ für Flüchtlinge und Mülheimer. Und damit sich Neu- und Alt-Mühlheimer auch ein wenig näher kämen, rief Wim im März Bürger auf, Flüchtlinge und ihre Kinder im Auto abzuholen und nach der Vorstellung noch ein paar Stunden mit ihnen zu verbringen. 400 Mülheimer und Flüchtlinge kamen.

Seither gibt es nicht nur das Wim-„Warenhaus“, in dem sich Flüchtlinge mit dem Nötigsten versorgen können, seither organisiert der Verein regelmäßig Veranstaltungen, um Mülheimer und Flüchtlinge zusammenzubringen. Jehles packt jede Gelegenheit beim Schopf. Im Frühjahr beklagte sich einer der Flüchtlinge, die im „Warenhaus“ helfen, Spargel schmecke einfach nur scheußlich. „Dem guten Mann war nicht klar, dass man Spargel schälen und kochen muss.“ Aus der Sache entwickelten die Wim-Leute ein internationales Wett-Spargelschälen. Im Juni organisierte Wim auf der Ruhr eine Bootsfahrt mit 180 Flüchtlingen und Mülheimern. Zum ersten Geburtstag von „Willkommen in Mülheim“ am Wochenende gab es ein großes Fest auf Jehles’ Betriebshof.

Die Wim-Kernmannschaft besteht mittlerweile aus 50 ehrenamtlichen Helfern. Die Hälfte von ihnen sind selbst Flüchtlinge wie der 33 Jahre alte Peshwar Diraki. Während seines Pharmazie-Studiums in Weißrussland hatte Diraki seine spätere Frau Wasilina kennengelernt. Nach ihrem Abschluss entschieden sich die beiden, mit ihrer kleinen Tochter Elonara nach Damaskus zu ziehen, um dort zu arbeiten. Doch kaum war die kleine Familie in Damaskus angekommen, wurde Peshwar Diraki festgenommen. Der syrische Geheimdienst war im Internet auf Bilder von einer Anti-Assad-Demonstration in London gestoßen - Diraki, der zu Besuch bei einem seiner Brüder in der britischen Hauptstadt gewesen war, hatte an der Kundgebung teilgenommen. Eineinhalb Jahre saß Diraki im Gefängnis. „Dort schlugen sie mir mit einem Hammer auf die Füße und stellten mir immer dieselbe Frage: Warum bist du gegen Assad?“ Die großen und mittleren Zehen beider Füße verlor er. Schließlich gelang es seinem Vater, ihn freizukaufen. Peshwar und Wasilina verkauften ihr Hab und Gut, kratzten ihr Erspartes zusammen und machten sich auf die Flucht. Drei Monate blieben sie in der Türkei, bevor es mit Hilfe von Schleppern über Griechenland weiterging. „Tagelang saßen wir in Lastwagen und kleinen Booten.“

Ein Warenhaus für Flüchtlinge ist kein Ponyhof

Am 1. Juni erreichten sie endlich Deutschland. „Wir wollten unbedingt nach Deutschland, weil meine Mutter und zwei meiner Geschwister schon hier leben.“ Die Dirakis würden gerne in ihrem Beruf arbeiten. Doch über ihren Asylantrag ist noch nicht entschieden. Einstweilen verbringt das Ehepaar jeden Tag einige Stunden damit, Deutsch im Selbststudium zu lernen. „Aber wir brauchten dringend einen Lehrer, der uns mit der Aussprache hilft.“ Seit Ende Juni helfen die Dirakis im „Warenhaus“ von Wim mit. „Wir sind so glücklich, in Sicherheit zu sein, und möchten gerne anderen Flüchtlingen helfen“, sagt Wasilina Diraki. „Außerdem haben wir viel Zeit. Es ist so wichtig, eine Beschäftigung zu haben.“

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