https://www.faz.net/-gum-8mneq

Flüchtlingslager Calais : Ein Arzt kam erst kurz vor der Geburt

  • -Aktualisiert am

Calais, Frankreich: Die Hebammen schauen häufig zur Nachsorge vorbei und haben die Frauen im Camp mit dem Nötigsten ausgestattet. Bild: Jelca Kollatsch

Seit Montag wird das Flüchtlingslager in Calais geräumt. Viele freiwillige Helfer harren trotzdem noch aus. Zum Beispiel die Hebammen der Hilfsorganisation „Gynécologie Sans Frontières“. Sie glauben, dass viele Flüchtlinge wiederkommen werden.

          7 Min.

          Der Arbeitsweg von Léa Burel und Lucile Jérôme ist staubig. Die jungen Frauen in den beigen Cargo-Westen müssen Pfützen ausweichen und über Sanddünen klettern. Vorbei an Müllbergen und Dixie-Klos, an Männern, die sich unter freiem Himmel rasieren, an Holzverschlägen, in denen Coladosen zum Verkauf angeboten werden. Zielstrebig gehen sie durch die kleinen Straßen, die zwischen den Zelten verlaufen, und passieren bunt beklebte Hütten, auf denen Schilder wie „Khyber Darbar Restaurant“ Kunden anlocken sollen. Eine Stadt in Frankreich, die eigentlich nicht in ihr Land passt, wird Burel später sagen. Eine Stadt, die auch ein afghanisches Viertel hat oder sagen wir eher: eine afghanische Wohnwagensiedlung. Eine Familie, die dort lebt, hat vor ein paar Tagen ihr zweites Kind bekommen. Burel und Jérôme wollen sehen, ob es der Mutter und dem Neugeborenen gutgeht.

          Die Hebammen arbeiten im sogenannten „Dschungel“, dem Flüchtlingslager von Calais, das seit Montag geräumt wird, ehrenamtlich für die französische Hilfsorganisation „Gynécologie Sans Frontières“ (Gynäkologie ohne Grenzen, kurz GSF). Die meisten der Tausenden Migranten, die bisher in die nordfranzösische Hafenstadt kamen, wollen über den nahen Ärmelkanal nach Großbritannien fliehen. Deshalb leben sie als Illegale. Um ihre medizinische Versorgung kümmern sich nichtstaatliche Hilfsorganisationen wie GSF.

          Der „Dschungel“ ist allerdings über die Grenzen des Landes hinaus für seine katastrophalen humanitären Zustände berüchtigt. Die Regierung lässt das Camp daher räumen und siedelt die Bewohner in Aufnahmezentren in ganz Frankreich um. GSF will trotzdem bleiben, bis sie nicht mehr gebraucht werden.

          Freiwilligenarbeit in Calais statt Urlaub

          Lucile Jérôme und Léa Burel sind am Wohnwagen der afghanischen Familie angekommen. Auf einem Tischchen neben der Wohnwagentür stehen Wasserkanister. Daneben ein dreckiges Stück Seife und ein Topf mit Essensresten. Die Hebammen klopfen an der Tür. Der Vater macht auf, zwischen seinen Beinen windet sich ein kleines Kind mit voller Windel. Eine knappe Armlänge entfernt, öffnet sich im Nachbarwohnwagen das Fenster. Ein dunkelhaariger Junge schaut zu, wie die Frauen eine Waage auspacken und mit eingezogenem Kopf zu der Mutter in den kleinen Wohnwagen klettern. Burel hockt auf dem Boden, während Jérôme das Kind wiegt. Sie notiert: Gewicht: 3,2 Kilogramm. „Wir müssen ihr erklären, dass wir die Kleine impfen lassen wollen. Vielleicht können wir den Nachbarn fragen, der Englisch spricht, ob er für uns übersetzen kann?“

          Bure, 28 Jahre alt, und Jérôme, 29, sind Hunderte Kilometer weit aus Nantes und Aix-en-Provence nach Calais gekommen, um den Frauen in dem Flüchtlingslager zu helfen. Statt Urlaub machen die Hebammen Freiwilligenarbeit. Zwei Wochen dauert ihr Einsatz im „Dschungel“, dann werden sie von anderen Helferinnen abgelöst. Für Beratungen oder kleinere Untersuchungen hat die Organisation ein kleines Sprechzimmer in einem Containerpark im Lager oder besucht die Frauen in ihren Unterkünften. Zu komplizierteren Untersuchungen fahren sie ihre Patientinnen ins Krankenhaus.

          Die Hebammen kümmern sich zudem darum, dass Schwangere dort einen Geburtstermin bekommen, oder vermitteln, falls diese abtreiben wollen. Dies kommt jedoch eher selten vor. Die Frauen kommen vor allem, weil sie Verhütungsmittel benötigen, schwanger sind, eine Infektion oder Blutungen haben. Die Hebammen legen für ihre Patientinnen eine Krankenakte an, die diese auf ihrer weiteren Flucht mitnehmen können. Wenn die Frauen zum ersten Mal zu ihnen in die Sprechstunde kommen, wissen die Freiwilligen jedoch meist wenig über den Schwangerschaftsverlauf oder Vorerkrankungen. Dazu kommt die Sprachbarriere. Die Hebammen müssen improvisieren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bielefelds Cedric Brunner (rechts) und Hamburgs Bakery Jatta im Zweikampf

          1:1 in Bielefeld : HSV verteidigt Tabellenführung

          Kein Sieger im Spitzenspiel: Arminias Klos trifft nur einmal und Bielefeld verpasst die Überraschung. Der HSV hingegen bleibt weiter an der Tabellenspitze – und hat das nächste Top-Duell bereits vor der Brust.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.