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Und alles war anders

Text von JULIA SCHAAF, Fotos von JENS GYARMATY

18.11.2017 · Sie waren fünf von knapp 900.000. Fünf Jugendliche, die im Jahr 2015, als Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland strömten, in einer Berliner Willkommensklasse landeten.

Wir haben sie damals begleitet und miterlebt, wie sie erste Vokabeln lernten, sich in überfüllten Notunterkünften einrichteten, das Brandenburger Tor erkundeten – und um ihre Eltern in Syrien oder die Duldung bangten. Ihre Zukunft war offen. Zwei Jahre später sprechen sie Deutsch. Aber was ist aus ihnen geworden, welche Hoffnungen, Ängste und Träume haben sie heute? Ein Wiedersehen mit Edona, Ahmad, Wael, Taim und Valeria.


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Warum bist du so traurig?


Warum bist du so traurig?

Edona, 16 Jahre

D ie Polizei bringt sie quasi direkt von der Ausländerbehörde zum Flughafen. Kurzer Zwischenstopp in der Notunterkunft, um die Diabetes-Tabletten für den Vater und die Psychopharmaka für die Mutter zu holen. Die gepackten Koffer bleiben zurück. Dezember 2015: Bis zuletzt hat Edonas Vater, der Ende der neunziger Jahre als Bürgerkriegsflüchtling aus Ex-Jugoslawien in Brandenburg lebte, auf ein Einsehen der Härtefallkommission gehofft. Er hat ein fast erwachsenes Kind mit einer Deutschen, seine Sprachkenntnisse sind alltagstauglich. Und im Kosovo herrscht Armut. Nun, nach einem guten Jahr in Berlin, soll die fünfköpfige Familie abgeschoben werden. Dann jedoch spielt das Wetter Schicksal. Wegen Schnee und Eis im Kosovo könnte dort kein Flugzeug landen. „Das war ein schöner Moment“, sagt Edona.

Eine Woche Aufschub. Noch einmal zwei. Der Vater stellt einen Asylantrag, obwohl das Kosovo kurz zuvor zu einem sicheren Herkunftsstaat erklärt worden ist. Der Antrag wird abgelehnt. Seitdem wechselt der Aufenthaltsstatus der Familie manchmal monatlich zwischen Duldung und „weißem Papier“. So nennt Edonas Vater die Bescheide, auf denen steht, dass sie zur Ausreise verpflichtet sind. Die Familie bleibt trotzdem, und Berlin ist kein Bundesland, das bei Abschiebungen besonders konsequent wäre. „Die Kinder wollen die Schule fertig machen, und bei uns ist keine Perspektive“, sagt Edonas Vater. Anders als vor anderthalb Jahren ist sein faltiges Gesicht vom Wetter gegerbt. Er sammelt Pfandflaschen. Zehn Euro am Tag seien drin, sagt er: „Dann habe ich für die Kinder ein bisschen zu geben und für mich.“

Edona sieht immer noch aus wie Schneewittchen persönlich: weiße Haut, dunkle lange Haare und ein Lächeln, das ihr gesamtes Gesicht erhellt. Als älteste von drei Geschwistern besucht die Sechzehnjährige die zehnte Klasse einer Sekundarschule. Seit sie umgezogen sind, braucht sie für den Weg dorthin eine Stunde. Aber alles ist besser als die Turnhalle, in der sie ein Jahr gelebt haben. 200 Männer, Frauen, Kinder, Bett an Bett, die Gestelle nur notdürftig mit Laken als Sichtschutz abgespannt. Von der Massenverpflegung bekam das Mädchen Bauchschmerzen. Der Lärm pfiff einem noch in den Ohren, wenn man die Halle verließ. Die neuen Nike-Turnschuhe, die der Bruder von Verwandten geschenkt bekommen hatte, waren am nächsten Morgen verschwunden. „Die Leute waren sehr schlimm“, sagt Edona. Sie habe weder schlafen noch sich konzentrieren können. Hausaufgaben? Wo und wie bitte schön? „Warum bist du so traurig?“, fragte die Lehrerin.

Trotzdem steht auf der Beurteilung für das Schülerpraktikum, das Edona vergangenen Winter in einer Apotheke absolviert hat: „Sehr höfliches und freundliches Auftreten. Etwas schüchtern. Positive Ausstrahlung. Lernbereit. Wissbegierig. Danke für die tolle Zusammenarbeit, und wir wünschen ihr für die Zukunft alles Gute.“ Auch in den aufgelisteten Bewertungskriterien – Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Sorgfalt, Teamfähigkeit, Haltung gegenüber Kritik – ist überall „sehr gut“ angekreuzt.

Seit Berlin die Notunterkünfte in Turnhallen aufgelöst hat, lebt Edona mit ihrer Familie in einer ehemaligen Schule im Südosten der Stadt. Ehemalige Klassenräume sind mit Schränken und Tüchern in Familienzimmer unterteilt. Es sieht aus, als wären die Bewohner nicht vor drei Jahren, sondern vor drei Tagen in Deutschland angekommen. Die Tapete ist schmuddelig, das Mobiliar karg; offensichtlich versucht keiner, es sich hier schön zu machen. Gemeinschaftstoiletten ohne Klopapier. Edonas Vater sagt, er habe beim Amt um eine eigene Wohnung gebettelt und gedroht, sonst schlafe er unter einer Brücke. Die Behörde blieb hart. Im Zweifelsfall werde man das Jugendamt rufen und ihm die Kinder wegnehmen.

Wieder liegt der Fall bei der Härtefallkommission. Edonas Schulleiter hat in einem Brief auf die „fortgeschrittene Integration“ der Geschwister hingewiesen, Mitschüler und Lehrer haben Unterschriften gesammelt. Die aktuelle Duldung gilt bis Ende November. „Aussetzung der Abschiebung“ steht auf dem Dokument. Die schönste Zeit in Berlin, sagt Edona, sei gleich nach der Ankunft gewesen, als ihnen noch niemand gesagt habe, dass sie das Land wieder verlassen müssten. Schlimm sei die Ungewissheit: „Wenn man weiß nicht, was passiert weiter.“


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Lieber habe ich gebetet


Lieber habe ich gebetet

Ahmad, 17 Jahre

N och am Nachmittag seiner letzten MSA-Prüfung im Frühsommer 2017 sitzt Ahmad auf einer Wiese auf der Museumsinsel und hadert. Berlin, zwanzigmal größer als seine Heimatstadt im Nordosten Syriens, ist ihm einfach zu viel. Die Masse der Menschen. Ihre Extravaganz, der Grad ihrer Verlotterung, die Vielfalt der Lebensstile. Der fehlende Zusammenhalt in deutschen Familien befremdet ihn genauso wie Mütter, die zu ihren Kindern „danke“ und „bitte“ sagen, anstatt selbstverständlich Respekt zu erwarten. Selbst die Maisonne ist ihm einfach zu heiß.

Nach den Sommerferien wirkt der Siebzehnjährige wie ausgewechselt. Er war zwei Wochen in Holland, wo mittlerweile seine Großeltern und eine Handvoll Tanten und Onkel zu Hause sind. Und zum ersten Mal hat er die Stadt vermisst, in der er seit zwei Jahren lebt. „Mir geht es besser, weil ich weiß, okay, es gibt Leute, die ich liebe, hier in der Nähe“, sagt Ahmad in seinem akzentfreien, beinahe fehlerlosen Deutsch. Und dass er sich motiviere, indem er sich das Gute an seinem jetzigen Leben vor Augen halte und versuche, dankbarer zu sein.

Als Ahmad im Sommer vor zwei Jahren nach einer albtraumhaften Reise über die Türkei und Griechenland in Deutschland eintraf, war er keine 15 Jahre alt. Sein Vater hatte sein Auto verkauft, um genug Geld für die Schlepper zu haben. Später sollte der älteste Sohn die Familie nachholen. „Und dann bin ich hierhergekommen, und alles war anders“, sagt Ahmad. Dabei hatte der Junge noch Glück: Noch gab es Plätze für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in bestehenden Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Gleichaltrige, die später aufschlugen, lebten monatelang in Hostels. Und Ahmad entpuppte sich in seiner Willkommensklasse schnell als derjenige, der bei seinen Mitschülern die Genitive verbesserte. Der junge Syrer war fleißig, ehrgeizig und zuverlässig, immer wissbegierig, sehr ernsthaft. Aber er konnte auch aufbrausend sein, arrogant und harsch. Ganz gleich, ob es um seine musikalischen Leidenschaften (Michael Jackson) oder um Fußball ging (Cristiano Ronaldo) oder um sein Unbehagen an öffentlich gelebter Homosexualität – manchmal wirkte es fast, als suchte er Streit. In der Wohngruppe beschimpfte er Kinder, die er nicht leiden konnte, als „wertlos“. Wie es in ihm aussah, wusste niemand. Nur der Islam gab ihm Halt. „Das war die Hölle“, sagt Ahmad, wenn er mit zwei Jahren Abstand an seine ersten Monate in Deutschland zurückdenkt. „Wenn ich nicht gebetet habe, habe ich geweint. Deshalb habe ich lieber gebetet.“

Ein Jahr nach Ahmads Ankunft entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, dass der Minderjährige kein Asyl in Deutschland, sondern nur subsidiären Schutz erhält. Er darf bleiben, er darf reisen. Aber er darf seine Familie nicht zu sich holen. Der Bescheid ist ein Schock. „Stell dir vor, du bist in Sicherheit, und deine ganze Familie ist irgendwo im Krieg. Das ist einfach schwer“, sagt Ahmad. Täglich telefoniert der inzwischen Siebzehnjährige mit zu Hause. Seit im Umfeld seiner Eltern ein Internetcafé aufgemacht hat und die Verbindung besser ist, funktionieren sogar Video-Calls. Für ein Gespräch mit seiner Mutter verschiebt er jeden dringend nötigen Einkauf. Hat er Kummer, hält er sich lieber an den Vater, der ihm zuredet, auf schwere Zeiten würden bessere folgen. In Syrien, erzählt Ahmad, habe sein Vater nie Gefühle gezeigt. Jetzt nenne er ihn manchmal liebevoll „mein Großer“.

Mathe: 2, Englisch: 3, Deutsch: 4 – nach dem bestandenen Mittleren Schulabschluss geht Ahmad in die elfte Klasse. Demnächst darf er aus der verhassten Wohngruppe ausziehen; natürlich will er studieren. Flugzeugmechaniker möchte er werden. Oder Arzt. Früher hätte ihn das nie gereizt. Aber seit seine Schwester in Damaskus Medizin studiert, malt er sich aus, morgens gemeinsam mit ihr aus dem Haus zu gehen, sich ein Auto zu teilen und zwei Praxen nebeneinander zu haben. Ahmads Zukunftsträume spielen alle in Syrien. Von seinem geschliffenen Deutsch könnte sich mancher Oberschüler aus dem Wedding eine Scheibe abschneiden. Aber der Junge fühlt sich wie auf Durchreise.

Seine drei wichtigsten Menschen in Deutschland? 1. Sein Cousin in Freiburg. 2. Sein Vormund. Eine junge Mutter mit ägyptischen Wurzeln, die ihm in der Anfangszeit als Übersetzerin zur Seite stand, einen überlasteten westdeutschen Amtsvormund ersetzte und ihn sogar bei sich zu Hause aufgenommen hätte, wenn das Jugendamt mitgespielt hätte. 3. Angela Merkel. „Viele Deutsche hassen sie“, sagt Ahmad. „Wahrscheinlich weil sie die Grenzen einfach so aufgemacht hat. Da bin ich auch dagegen. Aber ich kann zu Frau Merkel nur danke sagen. Für mein Leben gerade.“


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Viereinhalb Zimmer und Billigmöbel


Viereinhalb Zimmer und Billigmöbel

Weal, 15 Jahre

A uf einem flachen Tisch stehen nebeneinander eine Packung amerikanischer Cookies, deutsche Schoko-Butterkekse und arabisches Gebäck, es gibt Nüsschen und tellerweise frisches Obst. Wenn Besuch kommt, machen Wael, seine beiden jüngeren Geschwister und die Eltern gemeinsam ihre Aufwartung. Ein gemütlicher Samstagabend, es wird erzählt und viel gelacht: ein Paar, das gleichberechtigt miteinander diskutiert, Kinder und Erwachsene, die einander zuhören und sich liebevoll foppen. Wie in vielen deutschen Mittelschichtsfamilien auch. Wael hat seinen krausen Rotschopf mit Gel gebändigt. Er beneidet seine deutschen Freunde um ihre weniger widerspenstigen Haare, draußen ist er nur mit Kappe unterwegs. Seine Schwester mit ihrer dunklen Mähne wiederum wird von den einheimischen Kinder bewundert. Die Geschwister sehen sich an und lachen.

Weil Wael und seine Familie Palästinenser aus Syrien sind, erhielt die Mutter mit ihren Kindern schon im Herbst 2015 Asyl in Deutschland. Ein halbes Jahr später durfte der Vater nachziehen, der sich damals in Algerien aufhielt. Weil er nachts eintraf und die Kinder nicht wach werden sollten, lag er eines Morgens einfach im Bett: Was eine Überraschung. Was ein Jubel. Wael strahlt, wenn er erzählt, wie sie sich auf ihn stürzten.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Familie jetzt vollständig ist. Vielleicht gibt die eigene Wohnung den Ausschlag, viereinhalb Zimmer, neunzig Quadratmeter. Waels Mutter jedenfalls wirkt gelöster und selbstbewusster als im Winter 2015. Sie ist akkurat geschminkt und kann schon witzig sein auf Deutsch: Unter eine Whatsapp-Nachricht schreibt sie mit einem verzweifelten Smiley, für gerade mal fünf Zeilen habe sie zwanzig Minuten gebraucht. Beide Eltern haben ihren Deutschkurs mit Bravour bestanden, die Mutter beginnt demnächst den Aufbaukurs. Der Vater arbeitet inzwischen Vollzeit. Als Familienhelfer in der Flüchtlingsarbeit will er seine Sprachkenntnisse so ausbauen, dass er sich danach in seinem Beruf als Computeringenieur bewerben kann. „Siemens“, sagt er mit der festen Überzeugung eines Mannes, der weiß, was er kann. Schon jetzt zahlt er Steuern. Wenn seine Frau erzählt, wie sehr sie Aleppo vermisse, ihren Vater dort, die Nachbarinnen, tröstet er: „Du kannst auch in Deutschland eine Nachbarin haben mit der Zeit.“ Wenn er bemerkt, dass jemand abfällig auf das Kopftuch seiner Frau reagiert, ist er verletzt. „Das ist mein Land jetzt“, sagt der Dreiundvierzigjährige. „Die deutschen Leute sollen uns auch eine Chance geben.“

Vier Monate lang hat er Tag für Tag Hausverwaltungen und Wohnungsbaugesellschaften abgeklappert, bis er eine Bleibe in einem Hochhaus in Marzahn ergatterte. Inzwischen ist die Wohnungssuche für Geflüchtete in Berlin noch schwieriger. Eichen-Laminat, frisch sanierte weiße Wände und ein Balkon mit Blick ins Grüne: Nach und nach hat die Familie auf dem Flohmarkt eine weiße Ledercouch ergattert und beim Billigeinrichter Poco Flurregale gekauft. In wenigen Jahren, hofft Waels Vater, könne man sich höherwertige Möbel leisten, Höffner oder Ikea. Über seinem Schreibtisch hängt eine Deutschland-Karte von der Bundeszentrale für politische Bildung: Für den Integrationskurs haben die Eltern Bundesländer gepaukt. Wael verabredet sich nachmittags mit seinen deutschen Freunden zum Skateboardfahren. Heimweh hat er trotzdem.


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Ich habe nur ein Leben


Ich habe nur ein Leben

Taim, 17 Jahre

D ie Tee-Vorräte in der Verselbständigungs-WG, wie diese Form des betreuten Gruppenwohnens in der Jugendhilfe heißt, sind für alle da: Pfefferminze. Erdbeere-Orange. Nur auf dem Schlaf- und Nerventee steht mit schwarzem Edding: Taim. Der Siebzehnjährige (Name geändert) lacht vielsagend und zieht einen Beutel aus einer anderen Packung. Weil an seiner Schule Studientag war, hat er bis zum späten Vormittag geschlafen. Das kann er inzwischen, und er braucht nicht einmal Spezialtee dafür. Aber bis dahin war es ein weiter Weg.

Im Winter 2015/16 konnte man Taim an den Handgelenken ablesen, was es bedeutet, es ohne Eltern aus dem Bürgerkrieg nach Deutschland geschafft zu haben. Je weniger der Junge aus Syrien schlief und aß, desto schmaler wurde der Umfang. „Es macht alles keinen Sinn“, sagte er damals. Er wusste, er brauchte Geduld. Er dachte, ihm fehle die Kraft zum Durchhalten. Es fühlte sich an, als habe er keine Zeit. Der Vater, die Mutter, der kleine Bruder daheim in Idlib, während auf dem Handy fast täglich neue Kriegsnachrichten eintrafen. Seine Angst. Die Last der Verantwortung. Bei einem Ausflug in den Grunewald, beim Fährefahren auf dem Wannsee holte ihn die Erinnerung ein an die Flucht, an die Nächte im Freien, an die Überfahrt nach Griechenland. Als seinen Großeltern im Frühjahr 2016 die Reise in die Türkei glückte, als die Mutter ihn am Telefon anflehte, doch bitte irgendwie ein Einreisevisum zu organisieren, wisperte er anschließend mit tonloser Stimme: „Wie soll ich das schaffen? Ich bin doch nur ein Jugendlicher.“ Immer wieder schien die Verzweiflung ihn zu erdrücken.

Ob es an Taims gewinnendem Wesen liegt oder ein Hoch auf die deutsche Jugendhilfe fällig ist – von Anfang an hatte dieser sensible, beeindruckend reflektierte und politisch wache Junge engagierte Unterstützer. Die Betreuer im Wohnheim organisierten einen Psychotherapieplatz für ihn. Sein Vormund in Sachsen brachte zur Anhörung im Asylverfahren einen Anwalt mit, der aus der Befragung – auf Deutsch – zwar die Hölle machte, aber sein Ziel erreichte: die Anerkennung als Flüchtling mitsamt Anspruch auf Familiennachzug. Im Januar 2017 erreichten Taims Mutter und sein Bruder die Türkei, wo sie bei einer Cousine unterkamen. Der junge Syrer wirkte unbeschwert, geradezu euphorisch – und wild entschlossen, endlich die Freiheit der Jugend auszukosten. Er lachte viel, erzählte von den Skiferien mit der Wohngruppe, schimpfte über Trump. Jetzt, in Sicherheit, könne die Mutter ruhig einmal zwei Tage auf seinen Rückruf warten.

Wer Taim heute trifft, hört Sätze, die vor anderthalb Jahren undenkbar gewesen wären: „Wir haben Zeit.“ – „Die Probleme, die vor mir liegen, bringen mich auf keinen Fall um.“ – „Ich bin zufrieden.“ Und dass, obwohl seine Familie noch immer auf ihr Visum wartet. In seinem Drang, Dinge auszuprobieren, hat er den Christopher Street Day gefeiert und ist vorübergehend zum Vegetarier geworden. Er kam nachts so spät nach Hause, dass es Ärger in der Wohngruppe gab, ein Wochenende ist er mit ein paar Kumpeln kreuz und quer durch Deutschland gefahren. Alkohol, Cannabis, Mädchengeschichten. Harry Potter, Eminem, Johnny Cash und amerikanische Fernsehserien.

Inzwischen träumt Taim auf Deutsch. Sein Freundeskreis ist so groß wie sein Wohngruppenzimmer karg. „Ich habe nur ein Leben“, sagt Taim, „ich muss alles ausnutzen.“ Seine Betreuer haben ihm Nachhilfe organisiert, um sich die Fachsprache draufzuschaffen, die fürs Abi nötig ist. Tragödie. Episch. Lungenarterie. Eines Tages, sagt Taim, wolle er auf jeden Fall Medizin studieren. Aber er plant nicht mehr langfristig: „Erst mal gucken.“


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Vielleicht kommen wir wieder


Vielleicht kommen wir wieder

Valeria, 17 Jahre

I hre Freunde von früher sagen, sie sei noch die Alte. „Aber ich glaube es nicht“, sagt Valeria. „Berlin hat mich verändert.“

Mehr als ein Jahr schon ist die vierköpfige Familie wieder zurück in Moldau in ihrem kleinen Dorf mit den staubigen Straßen, mit Omas Gemüsegarten, Papas Kuh und den Hühnern hinterm Haus. „Wir haben ein gutes Leben“, sagt die Siebzehnjährige am Telefon. „Aber es ist schwierig“, sagt sie, „einfach mit der Arbeit.“ Zunächst seien die Eltern wie früher zum Geldverdienen nach Russland gegangen. Jetzt liebäugele der Vater mit Polen, die Mutter mit Italien. Klar sei nur, dass sie nicht wieder beide im Ausland arbeiten und die zwei Töchter bei den Großeltern lassen wollten.

Wer Valeria im Herbst 2015 kennenlernte, traf auf eine Familie, die einem Respekt abnötigte. Mit der Kraft und der Kühnheit, mit der die Eltern sich eine Zukunft in Deutschland aufbauen wollten, entschieden sie sich nach der Ablehnung ihres Asylantrags für eine zügige Ausreise. Wer weiß schon in Moldau, dass das deutsche Asylrecht kein Einwanderungsgesetz ist für Menschen, die der Korruption ihrer Heimat entkommen wollen und sich bessere Bildung für ihre Kinder erhoffen? Valerias Eltern verbrachten im Herbst 2015 ganze Tage in der schier unendlichen Warteschlange der überforderten Berliner Flüchtlingsbehörde, um zwei Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft zu ergattern. Stolz hängten sie Gardinen auf und buken eigenes Brot. Die Mädchen lernten Deutsch, der Vater jobbte auf dem Bau und mühte sich um eine Arbeitsgenehmigung. Valeria frönte ihrem Faible für Neonfarben, Fußball und anstrengende Musik; ihr Lachen war unbekümmert, ihre Begeisterungsfähigkeit ansteckend. Sie fotografierte viel, sie verliebte sich. Wenn sie Internetzugang hatte, postete sie Selfies mit ihren neuen Freundinnen. Als der Asylantrag der Familie abgelehnt wurde, hatte das Mädchen gerade die Zusage für einen Platz an ihrer Wunschschule erhalten.

In Moldau hört sie russischen Rap, manchmal stellt sie neue Fotos ins Netz. Valeria mit verwuschelten Locken oder glattgeföhnter Mähne. In Camouflage-Leggings oder in Schuluniform, dieser Kombination aus Röckchen und Bluse, die ihr auf die Nerven geht, weil sie sich zu erwachsen fühlt, um sich vorschreiben zu lassen, was sie anziehen soll. Eigentlich, sagt sie am Telefon, möge sie Naturfotos inzwischen viel lieber. „Aber das kriegt nicht so viele Likes.“ Mehr als 3000 Facebook-Freunde hat sie, die Berliner Kontakte inklusive. Die Beziehungen im Dorf haben an Bedeutung verloren. Und weil die örtliche Schule mit der neunten Klasse endet, fährt sie seit den Sommerferien morgens eine Stunde mit dem Bus in die nächste Stadt. Wenn sie es bis zur zwölften Klasse schafft, könnte sie anschließend studieren. Die erste Zeit war hart, ihre Facebook-Einträge klingen traurig. „Bei mir war eine kleine Depression“, sagt sie.

In manchen Nächten träumt Valeria von Berlin. Vom Alexanderplatz, von ihren Freunden von damals. Fragt man sie, was genau sie vermisse, sagt sie spontan: „Alles.“ Und dann: „Ich weiß es nicht, ehrlich. Ich finde es einfach besser.“ Kurz vor ihrer Abreise, als sie bei Primark billige Armkettchen zum Andenken kaufte, sagte sie, die Stadt mache ihr Schmetterlinge im Bauch. „In Berlin war ich noch ein Kind. Jetzt denke ich wie ein Erwachsener.“ Seit irgendwer behauptet hat, dass man in Moldau rumänische Pässe beantragen könne, hegt sie die Hoffnung, auf diese Weise von der Freizügigkeit der EU zu profitieren. „Vielleicht 2018 kommen wir wieder“, sagt Valeria. „Wenn es klappt.“

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 17.11.2017 12:19 Uhr