https://www.faz.net/-gum-7ztl9

Flüchtlinge : Hotel Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Zimmer im „Magdas“-Hotel in Wien. Bild: Foto Caritas

In einem Hotel in Wien wird Gastfreundschaft neu definiert: Das „Magdas“ beschäftigt hauptsächlich Flüchtlinge, die sonst auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben. Ein Besuch kurz vor der Eröffnung.

          5 Min.

          Sameer kann nicht sagen, wie alt er ist. Vielleicht 25. Vielleicht auch schon 28. Er hat vor langer Zeit alles hinter sich gelassen. Seine Erinnerungen, seine Familie, seine Heimat – in Afghanistan. Jetzt sitzt Sameer in einem schicken Hotelzimmer in Wien. Draußen hat sich eine dicke Schneeschicht über den Prater gelegt. Wie eine Festung ragt das berühmte Riesenrad durch das Schneegestöber in die Höhe. Weiter östlich kann man die Donauinsel erahnen. Es gibt kaum eine bessere Adresse für ein Hotel in Wien.

          Aber Sameer ist kein Hotelgast. Er darf hier arbeiten. Er ist einer von 20 Flüchtlingen aus Krisenregionen, die in dem Hotel Geschäftsreisende und Touristen empfangen, als Rezeptionist, Koch oder Reinigungskraft ihr Geld verdienen werden. Gastfreundschaft neu definiert: Das „Magdas“ ist das erste Hotel Europas, in dem hauptsächlich Flüchtlinge arbeiten. Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt hier – und auch sonst in Westeuropa – keine Chance haben.

          Flüchtlinge haben bei Renovierung geholfen

          Kurz vor der Eröffnung gleicht die Herberge im 2. Wiener Bezirk noch einer Baustelle. Im hellen Eingangsbereich stapeln sich Stühle im Retrostil, letzte Lampen werden montiert, Betten bezogen. Das Gebäude war mal ein Seniorenheim der Caritas, in dem Demenzkranke gepflegt wurden. Viele Möbelstücke erinnern an die alten Zeiten des Hauses. In den letzten Wochen haben Flüchtlinge bei der Renovierung der 95 Zimmer mitgeholfen.

          Hinter der Rezeption stehen im „Magdas“ Menschen aus aller Herren Länder.

          Fernseher gibt es nur in den schicken Zimmern der obersten Etage. Denn eigentlich soll hier erzählt und zugehört werden. Der soziale Mehrwert ist neben der Beschäftigung und Ausbildung für Flüchtlinge das Konzept des Hauses. Und das ist voll mit Geschichten. Sie schwirren durch die langen Hotelflure, werden von dem Zimmermädchen erzählt oder dem Kellner an der Bar. Es sind Geschichten von Flucht und Vertreibung, von Krieg und Einsamkeit. Aus Nigeria, Algerien und Somalia.

          Da ist die Geschichte von Antonio aus Iran, der in seiner Heimat als Elektrotechniker in Öl- und Gasraffinerien arbeitete. Er wurde politisch verfolgt, musste fliehen. In Österreich bekam er zwar schnell Asyl – aber keine Arbeit, abgesehen von Gelegenheitsjobs auf Baustellen. Im „Magdas“ ist er nun der Haustechniker. Oder die Geschichte von Maryam aus Marokko. Wegen ihrer sexuellen Orientierung musste die lesbische Frau ihre muslimische Heimat verlassen. Ganze zwölf Jahre wartete sie auf ihren Asylbescheid, arbeitete hin und wieder schwarz. Dabei ist Maryam hochgebildet, spricht fünf Sprachen. Jetzt ist sie Servicekraft in der Küche des „Magdas“.

          Nachbarschaft war zunächst misstrauisch

          Die Eröffnung des Hotels fällt in eine Zeit, in der sich die Pegida-Bewegung langsam auch in Österreich formiert. Vor zwei Wochen fand der erste „Spaziergang“ in Wien statt; vergangenen Sonntag marschierten die „Patriotischen Europäer“ dann in Linz. Anders als in Deutschland kamen jeweils nur ein paar hundert Teilnehmer zusammen. Das heißt aber nicht, dass fremdenfeindliche Thesen hier kein Gehör finden. Im Gegenteil, in der rechtspopulistischen FPÖ haben fremdenfeindliche und islamkritische Österreicher schon vor Jahren eine Heimat gefunden. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache bezeichnete seine Partei jüngst als „die wahre Pegida“.

          Auch in der Nachbarschaft des „Magdas“ gab es zunächst Ablehnung und Misstrauen. Einige Anwohner fürchteten, hier entstehe ein Flüchtlingsheim wie die umstrittene und stets überfüllte Erstaufnahmestelle im niederösterreichischen Traiskirchen. Hotelmanager Sebastiaan de Vos suchte das Gespräch, erklärte den Anwohnern das Konzept des Hotels, dass es darum gehe, Flüchtlinge in die österreichische Gesellschaft zu integrieren. „Hier werden Vorurteile abgebaut“, steht auf einem riesigen Plakat an der Außenfassade. Nach der Eröffnung soll das Hotel auch Nachbarn offenstehen, die dann zum Beispiel Gemüsebeete im Garten bewirtschaften können.

          28.000 Menschen haben im Nachbarland 2014 einen Asylantrag gestellt. Verglichen mit Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Schweden ist das eine sehr kleine Zahl. Die meisten Flüchtlinge kamen aus Syrien und Afghanistan, so wie Sameer. Er weiß, dass in Österreich viele Menschen Vorurteile gegenüber Asylbewerbern haben. Dabei will er sich doch einbringen in seiner neuen Heimat. Er will endlich legal arbeiten, weiter Deutsch lernen – und auch, wie man den perfekten Kaiserschmarren zubereitet. Für seinen neuen Job in der Küche des Hotels.

          Nur zurück nach Afghanistan, das will Sameer nicht. Wie viele Flüchtlinge, die hier im Hotel arbeiten, hat er eine Odyssee hinter sich. Er floh allein nach Pakistan, da war er noch keine 20 Jahre alt. Über die Türkei brachten ihn Schlepper in einem Boot nach Griechenland. „Immer wieder landete ich in Gefängnissen, ohne Papiere, ohne Arbeit“, erzählt der junge, schmächtige Mann. Mehrfach wurde er zurück in die Türkei geschickt. Sameer erinnert sich an Hubschrauber, die über Flüchtlingsbooten kreisten, um sie abzufangen. Und an vieles mehr, worüber er nicht sprechen will. Er habe viel Leid gesehen, sagt Sameer. Und dass die Flucht ihn zu einem alten Mann gemacht habe.

          Minderjährige Mitarbeiter leben im Hotel

          2012 kam er nach Österreich. Vor vier Monaten wurde schließlich Sameers Antrag auf Asyl genehmigt. Inzwischen wohnt er in Wien bei einer älteren Dame. Ob seine Familie in Afghanistan noch lebt, weiß er nicht. Er will jetzt nicht mehr zurückschauen. „Das ,Magdas‘ ist meine neue Familie“, sagt er. Und seine neue Familie ist groß: 20 erwachsene Flüchtlinge aus 16 Ländern; ihre Porträts schmücken den Eingangsbereich des neuen Hotels. Dazu kommen 25 Minderjährige, die ohne ihre Eltern nach Österreich kamen. Sie leben im Gegensatz zu den erwachsenen Mitarbeitern im Hotel. Einige von ihnen werden hier im Herbst als Lehrlinge anfangen.

          „Hier werde Vorurteile abgebaut“: Das „Magdas“ wirbt für sich selbst

          Die Flüchtlinge bekommen fünf Branchenprofis und einen Job-Coach zur Seite gestellt. In Wiener Luxushotels wurden die Einsteiger in den vergangenen Monaten auf ihren neuen Alltag vorbereitet. Die Gäste sollen schließlich den gleichen Komfort und Service erwarten dürfen wie in anderen Hotels auch. Und so gibt es im „Magdas“ eine Bibliothek und einen Fahrradverleih, Wäscheservice, W-Lan und Kinderbetreuung.

          Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien, bezeichnet den Umgang mit vielen gut ausgebildeten Flüchtlingen in Österreich als zynisch. „Oftmals sind sie jahrelang zum Nichtstun gezwungen, sehen die einzige Möglichkeit der Beschäftigung in der Illegalität, etwa der Prostitution.“ Während in Deutschland seit kurzem Asylbewerber und Geduldete nach drei Monaten arbeiten dürfen, wenn es für die entsprechende Stelle keinen geeigneten EU-Bewerber gibt, entfällt diese Richtlinie für Österreich. „De facto gibt es ein Arbeitsverbot für Flüchtlinge in Österreich“, so Schwertner. Er kennt viele Fälle, in denen Flüchtlinge über zehn Jahre keinen Zugang zum Arbeitsmarkt hatten. „Das macht die Menschen psychisch kaputt.“

          Hotelmanager hofft auf Nachahmer

          Aus ökonomischer Sicht läuft das Hotel als „Social Business“. Das Unternehmen muss sich selbst tragen, anstatt durch öffentliche Förderungen finanziert zu werden. Eine Tochterfirma der Caritas der Erzdiözese Wien betreibt das „Magdas“. 1,5 Millionen Euro investierte die Caritas selbst, 60.000 kamen durch Crowdfunding zusammen. Initiiert hat das Flüchtlingshotel der Projektmanager Clemens Foschi, 2013 erreichte es bei dem Wettbewerb „European Social Innovation Competition“ das Finale.

          Hotelmanager de Vos ist stolz auf das Haus und seine Truppe. Er kennt die Geschichte jedes einzelnen. Nach den Bewerbungsgesprächen war er manchmal den Tränen nahe. Er hofft, dass die Gespräche und Erlebnisse mit den Flüchtlingen auch für Hotelgäste eine Bereicherung sein werden. De Vos hofft auf Nachahmer – europaweit.

          Auf fünf Jahre ist das Projekt zunächst angelegt. Sameer und seine Kollegen haben ohnehin gelernt, nicht zu weit in die Zukunft zu planen. Jetzt ist erst mal der Start wichtig. Der 15. Februar 2015 ist nicht nur der Geburtstag des „Magdas“, sondern ein bisschen auch der erste Tag im neuen Leben von Sameer.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.