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Flüchtlinge : Hotel Hoffnung

  • -Aktualisiert am

28.000 Menschen haben im Nachbarland 2014 einen Asylantrag gestellt. Verglichen mit Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Schweden ist das eine sehr kleine Zahl. Die meisten Flüchtlinge kamen aus Syrien und Afghanistan, so wie Sameer. Er weiß, dass in Österreich viele Menschen Vorurteile gegenüber Asylbewerbern haben. Dabei will er sich doch einbringen in seiner neuen Heimat. Er will endlich legal arbeiten, weiter Deutsch lernen – und auch, wie man den perfekten Kaiserschmarren zubereitet. Für seinen neuen Job in der Küche des Hotels.

Nur zurück nach Afghanistan, das will Sameer nicht. Wie viele Flüchtlinge, die hier im Hotel arbeiten, hat er eine Odyssee hinter sich. Er floh allein nach Pakistan, da war er noch keine 20 Jahre alt. Über die Türkei brachten ihn Schlepper in einem Boot nach Griechenland. „Immer wieder landete ich in Gefängnissen, ohne Papiere, ohne Arbeit“, erzählt der junge, schmächtige Mann. Mehrfach wurde er zurück in die Türkei geschickt. Sameer erinnert sich an Hubschrauber, die über Flüchtlingsbooten kreisten, um sie abzufangen. Und an vieles mehr, worüber er nicht sprechen will. Er habe viel Leid gesehen, sagt Sameer. Und dass die Flucht ihn zu einem alten Mann gemacht habe.

Minderjährige Mitarbeiter leben im Hotel

2012 kam er nach Österreich. Vor vier Monaten wurde schließlich Sameers Antrag auf Asyl genehmigt. Inzwischen wohnt er in Wien bei einer älteren Dame. Ob seine Familie in Afghanistan noch lebt, weiß er nicht. Er will jetzt nicht mehr zurückschauen. „Das ,Magdas‘ ist meine neue Familie“, sagt er. Und seine neue Familie ist groß: 20 erwachsene Flüchtlinge aus 16 Ländern; ihre Porträts schmücken den Eingangsbereich des neuen Hotels. Dazu kommen 25 Minderjährige, die ohne ihre Eltern nach Österreich kamen. Sie leben im Gegensatz zu den erwachsenen Mitarbeitern im Hotel. Einige von ihnen werden hier im Herbst als Lehrlinge anfangen.

„Hier werde Vorurteile abgebaut“: Das „Magdas“ wirbt für sich selbst
„Hier werde Vorurteile abgebaut“: Das „Magdas“ wirbt für sich selbst : Bild: STEFANIE J. STEINDL

Die Flüchtlinge bekommen fünf Branchenprofis und einen Job-Coach zur Seite gestellt. In Wiener Luxushotels wurden die Einsteiger in den vergangenen Monaten auf ihren neuen Alltag vorbereitet. Die Gäste sollen schließlich den gleichen Komfort und Service erwarten dürfen wie in anderen Hotels auch. Und so gibt es im „Magdas“ eine Bibliothek und einen Fahrradverleih, Wäscheservice, W-Lan und Kinderbetreuung.

Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien, bezeichnet den Umgang mit vielen gut ausgebildeten Flüchtlingen in Österreich als zynisch. „Oftmals sind sie jahrelang zum Nichtstun gezwungen, sehen die einzige Möglichkeit der Beschäftigung in der Illegalität, etwa der Prostitution.“ Während in Deutschland seit kurzem Asylbewerber und Geduldete nach drei Monaten arbeiten dürfen, wenn es für die entsprechende Stelle keinen geeigneten EU-Bewerber gibt, entfällt diese Richtlinie für Österreich. „De facto gibt es ein Arbeitsverbot für Flüchtlinge in Österreich“, so Schwertner. Er kennt viele Fälle, in denen Flüchtlinge über zehn Jahre keinen Zugang zum Arbeitsmarkt hatten. „Das macht die Menschen psychisch kaputt.“

Hotelmanager hofft auf Nachahmer

Aus ökonomischer Sicht läuft das Hotel als „Social Business“. Das Unternehmen muss sich selbst tragen, anstatt durch öffentliche Förderungen finanziert zu werden. Eine Tochterfirma der Caritas der Erzdiözese Wien betreibt das „Magdas“. 1,5 Millionen Euro investierte die Caritas selbst, 60.000 kamen durch Crowdfunding zusammen. Initiiert hat das Flüchtlingshotel der Projektmanager Clemens Foschi, 2013 erreichte es bei dem Wettbewerb „European Social Innovation Competition“ das Finale.

Hotelmanager de Vos ist stolz auf das Haus und seine Truppe. Er kennt die Geschichte jedes einzelnen. Nach den Bewerbungsgesprächen war er manchmal den Tränen nahe. Er hofft, dass die Gespräche und Erlebnisse mit den Flüchtlingen auch für Hotelgäste eine Bereicherung sein werden. De Vos hofft auf Nachahmer – europaweit.

Auf fünf Jahre ist das Projekt zunächst angelegt. Sameer und seine Kollegen haben ohnehin gelernt, nicht zu weit in die Zukunft zu planen. Jetzt ist erst mal der Start wichtig. Der 15. Februar 2015 ist nicht nur der Geburtstag des „Magdas“, sondern ein bisschen auch der erste Tag im neuen Leben von Sameer.

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