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Flucht aus der DDR : Eine Liebe im geteilten Deutschland

„Für mich war klar: In den Westen gehe ich nicht”, sagte Ann-Kathrin Köpke Bild: Christoph Busse

Anne-Kathrin und Hans Köpke waren ein Paar, obwohl sie in der DDR lebte und er im Westen. Da es keine Möglichkeit gab, dass einer von beiden offiziell das Land wechselte, entschloss sich Anne-Kathrin zu einer spektakulären Flucht.

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          Als Hans Köpke am 25. September 1972 abends auf den Zeltplatz am Rande Sofias zurückkehrt, ist seine Freundin Anne-Kathrin stumm vor Schreck. "Für mich war klar: Jetzt ist alles aus." Dabei hatten sie so sorgfältig geplant, nichts dem Zufall überlassen. Am Morgen hatten sich beide verabschiedet, nicht mit Tränen, sondern einfach Lebewohl gesagt. "So haben wir es auch vorher immer gehalten", erzählt Anne-Kathrin Köpke. Vorher, das waren drei Jahre, in denen Hans sie in der DDR besuchte. "Wir haben gebetet und uns gesagt: Blick nie zurück, denk' an das nächste Wiedersehen, das gibt dir die Kraft, durchzuhalten."

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          An diesem Montag wollte Hans mit dem Zug über Rumänien und Ungarn nach Wien fahren und dort auf sie warten. Sie sollte am nächsten Tag mit dem Flugzeug über Budapest nach Wien fliehen. Für den Fall, dass man sie entdeckte, würde wenigstens Hans in Sicherheit sein. Doch nun war er wieder hier - was war schiefgelaufen? "Als ich an diesem Abend wieder vor ihr stand, war sie wahrlich nicht begeistert", erinnert sich Hans Köpke und lacht. Er ist dreiundsechzig Jahre alt, Pfarrer, nimmt das Leben eher pragmatisch und schildert detail- und anekdotenreich die damaligen Ereignisse. Seiner Frau, neunundsechzig und Kinderärztin, fällt es schwer, darüber zu reden. "Das Thema berührt mich immer noch sehr."

          Kennengelernt in Ost-Berlin

          Es war 1969, als sich beide bei einem Treffen der evangelischen Studentengemeinden in Ost-Berlin kennenlernten; er studierte Theologie in Göttingen, sie Medizin in Halle. "Es war ein sehr intensives Treffen", erzählt Hans Köpke, obwohl er wie alle Westler täglich spätestens um 24 Uhr wieder am Grenzübergang sein musste. Am Ende schlug ein Kommilitone vor, sich in vier Wochen wiederzusehen. Doch Anne-Kathrin, die damals noch Hofmann hieß, passte das überhaupt nicht. "Da kann ich nicht, da sind in Halle Händel-Festspiele", beschied sie die beiden jungen Männer. Die aber sahen in dem Ereignis nun den perfekten Anlass, ihre Einreise in die DDR zu begründen.

          1972 änderte sie ihre Meinung und flüchtete in den Westen. Heute lebt Anne-Kathrin Köpke mit ihrem Mann Hans in der Nähe von Hamburg

          "Das war natürlich mehr als naiv", sagt Hans Köpke, dauerte doch die Bearbeitung von Einreiseanträgen schon mal mehrere Monate. Dann aber geschah das Unglaubliche: "Wir durften nach Halle fahren." Trotz ihrer auf die Stadt beschränkten Aufenthaltserlaubnis reisten sie entlang von Saale und Unstrut, besichtigten Naumburg und Leipzig. Danach war für Hans und Anne-Kathrin klar, dass sie sich wiedersehen mussten. Sie erfanden neue Einreisegründe, trafen sich zur Leipziger Messe, mit der Studentengemeinde in Berlin, privat in Prag und immer wieder in Halle bei den Händel-Festspielen.

          „In den Westen gehe ich nicht“

          So ging das beinahe drei Jahre, inzwischen hatten sie sich verlobt und diskutierten häufig darüber, ob eine gemeinsame Zukunft überhaupt vorstellbar sei. Doch dafür hatten sie die denkbar ungünstigsten Berufe gewählt. Als Kinderärztin, soviel war klar, würde die DDR Anne-Kathrin niemals ziehen lassen - und sie wollte auch gar nicht weg, wegen der Eltern und der Heimat. Sie hatte schon viele Ärzte gehen sehen; es können doch nicht alle abhauen, habe sie gedacht, und dass sie nun mal hierhergehört. "Für mich war klar: In den Westen gehe ich nicht, und das wusste Hans auch."

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