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Flucht aus Afghanistan : Das Ende einer jüdischen Geschichte

Einsamer Posten: Zebulon Simentov – hier im Jahre 2019 in seiner kleinen Kabuler Wohnung Bild: Alexander Davydov

Lange weigerte sich Zebulon Simentov, Afghanistan zu verlassen. Nun muss der letzte Jude des Landes aus seiner Heimat fliehen. Doch es ist nicht die Angst vor den Taliban, die ihn ins Exil treibt.

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          Immer wieder hatte Zebulon Simentov Angebote erhalten, Afghanistan zu verlassen. Und immer wieder lautete seine Antwort: Nein. Mehr als 40 Jahre Krieg hat Simentov erlebt, Anschläge und militärische Interventionen überlebt, Regime kommen und gehen sehen. Nichts konnte ihn ins Exil bewegen. Nun aber hat Simentov, der letzte Jude Afghanistans, seine Heimat endgültig hinter sich gelassen.

          Alexander Davydov
          Sportredakteur.

          Mit ihm verliert das zerrüttete Land auch ein Stück eigene Geschichte. „Unsere Vorfahren hier stammen noch aus der Zeit des Exils in Babylon“, sagte Simentov der F.A.Z. im Jahr 2019. Diese Wurzeln gäbe man nicht leichtfertig auf. Beweisen lässt sich dieser historische allerdings Ursprung kaum. Denn die meisten schriftlichen Zeugnisse, die von der Zeit vor dem Islam berichten, sind verschollen. Simentov aber glaubt daran – so wie bei den Paschtunen die Überzeugung herrscht, von einem der „verlorenen Stämme“ Israels abzustammen.

          Jedenfalls lebten im 12. Jahrhundert im Gebiet des heutigen Afghanistans etwa 80.000 Juden mit sunnitischen Muslimen friedlich zusammen. Seit den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts zwang die antisemitische Politik der letzten beiden Könige von Afghanistan jedoch immer mehr Juden ins Exil. Mit dem Einmarsch der Sowjetunion sowie dem Bürgerkrieg und der Machtergreifung der Taliban schrumpfte die Gemeinde. Simentovs Freunde und Verwandte wanderten nach Amerika aus, seine Frau und die beiden Töchter nach Israel. Er aber blieb und hielt die Stellung, als letzter Bewahrer und Beschützer seiner Kultur.

          Eine neue Gefahr

          In einem schmucklosen Gebäude in einer ruhigen Nebenstraße von Kabul konnten Besucher bis vor nicht allzu langer Zeit noch die letzte Synagoge Afghanistans besichtigen. Drinnen bewachte der Zweiundsechzigjährige die verbliebenen Relikte seines Volks, aufbewahrt in einem staubigen Gebetsraum hinter vergitterten Fenstern. „Eine Prüfung Gottes“, so beschrieb Simentov seinen einsamen Posten.

          Zerbrochene Erinnerungen an eine uralte Kultur in der letzten Synagoge in Afghanistan
          Zerbrochene Erinnerungen an eine uralte Kultur in der letzten Synagoge in Afghanistan : Bild: Alexander Davydov

          Selbst als die Taliban nach dem Abzug der internationalen Truppen Afghanistan vor wenigen Wochen im Sturm eroberten, wollte Simentov noch bleiben. Gegenüber Medien versicherten die neuen Machthaber, man werde Minderheiten nicht verfolgen. Aber die Gefahr blieb allgegenwärtig. „Sein Problem sind nicht die Taliban, sondern der ,Islamische Staat‘ und Al-Qaida“, sagte Moti Kahana dem israelischen Fernsehsender Kan 11. Der amerikanisch-israelische Eigentümer einer privaten Sicherheitsfirma verhalf Simentov letztlich zur Flucht aus dem Land.

          Finanziert wurde die Rettungsaktion laut Medienberichten von Moshe Margaretten, einem jüdischen Unternehmer, der sich bereits in der Vergangenheit dafür eingesetzt hatte, Juden aus Krisenregionen in Sicherheit zu bringen. In welchem Land sich Simentov nun befindet, ist noch unklar. Sein Ziel jedoch hat Kahana bereits verraten: Nach 100 Generationen jüdischen Lebens am Hindukusch soll Simentovs eigenes Leben nun in Amerika weitergehen.

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