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Auf dem Cover des Time Magazine: Person des Jahres 2017 ist die #MeToo-Bewegung, deren Mitglieder ihre Geschichten über sexuelle Übergriffe und Belästigungen erzählt haben. Bild: dpa

Die Floskel des Jahres : „Wir leben im Jahr 2017..!“

Besorgniserregend konsensfähiger Rassismus, um sich greifender Chauvinismus – oder die Suche nach einem zeitgemäßen Feminismus: Dieses Jahr bot genug Anlässe um an seiner eigentlichen Fortschrittlichkeit zu zweifeln.

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          Für Momente, in denen man in den vergangenen elfeinhalb Monaten den Kopf hätte schütteln und betreten zu Boden schauen können, gibt es eine Formel, die das Ganze in wenigen Worten auf den Punkt bringen soll: Wir leben im Jahr 2017. Auch oft in der Kurzversion gehört: Und das im Jahr 2017. „Im Jahr 2017“ ist jetzt mehr als eine Zeitangabe. Es war ein Jahr für diesen Satz. 2017 hatte schließlich genug Anlässe zu bieten, dass 2017 zur Floskel taugt. Der besorgniserregend konsensfähige Rassismus zum Beispiel. Oder der noch immer um sich greifende Chauvinismus. Oder die Suche nach einem zeitgemäßen Feminismus.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ja, wir leben im Jahr 2017, einem eigentlich so fortschrittlichen Jahr mit unheimlich viel Potential, und es gab auch Errungenschaften. Die Einführung der Ehe für alle oder des dritten Geschlechts sind, so gesehen, typisch 2017. Oder die Gewissheit, dass Männer nun tatsächlich Sorge haben müssen, einpacken zu können, wenn sie ihre Macht willkürlich missbrauchen. Wo wir schon bei den Anlässen zum Entsetzen wären: „MeToo“ gibt genug Stoff für eine wochenlange Debatte. „Was sagt eigentlich eine Künstlerin wie Dita Von Teese zu Feminismus und Geschlechterkampf im Jahr 2017?“ („SZ“). Oder die britische Regierung. Man müsse ihr, so erzählte es Wolfgang Schäuble der „NZZ am Sonntag“ im Hinblick auf den Brexit schon im Januar, mitteilen, „wir leben im Jahr 2017“. Oder Kevin Kurányi, der im Interview mit dieser Zeitung über rassistische Fußballfans erklärte, „wir leben im Jahr 2017 – ich finde es erschreckend, dass es solche Menschen noch immer gibt“. Oder die Sozialwissenschaftlerin Esra Küçük, die der „taz“ sagte, „wir leben im Jahr 2017, vielleicht sollten wir einen Plural des Worts Heimat einführen“.

          Nur irgendein Jahr

          Das Jahr mag so gut wie vorbei sein, aber die Vermutung liegt nahe, dass wir ihm noch immer nicht so recht gewachsen sind. Dass 2017 die Bedingungen für eine Hochkultur bietet, die faktisch von Höhlenmenschen bevölkert wird. Also zum Beispiel von Männern, die sich nach dem Abendessen eher aufs Sofa knallen, statt wie selbstverständlich zu helfen, die Spülmaschine einzuräumen. Dabei schreiben wir doch das Jahr 2017 nach Christi Geburt. Eine Zeit, da es laut Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer so wirklichkeitsferne Strukturen gibt, so viele Nicht-Angekommene in der engen Taktung des digitalen Zeitalters, dass „Sie in Deutschland im Jahr 2017 morgens um neun nicht ins Büro kommen dürfen, wenn Sie abends um elf noch an einer Power-Point-Präsentation gearbeitet haben“. („Handelsblatt“)

          Natürlich, auch das Jahr 2016 war bedeutungsschwer. Das Pendant zu „MeToo“ war damals „Nein heißt Nein“: „Denn wie kann es sein, dass wir im Jahr 2016 noch Zweifel daran zulassen, dass eine Frau mit einem ,Nein‘ etwas anderes meint?“ („Frankfurter Rundschau“). Oder 2004: Wer als Mann keine Kondome dabeihat, so schrieb damals die „Welt am Sonntag“, dem könne man entgegnen: „Hallo? Wir sind im Jahr 2004, und wir wollen uns mit aufgeklärten, umsichtigen Männern verabreden.“ Der Hinweis auf 2017 hat im Sprachgebrauch trotzdem noch mal an Fahrt aufgenommen, man kann ihn jetzt auf alles und jenes anwenden. Man steht dann wie jemand da, der die Dinge ein bisschen klarer sieht, zweitausendsiebzehnermäßig. Klischeehafter als beim Avocadoschneiden wie Julia Engelmann „kann man sich als junger Mensch im Jahr 2017 eigentlich nicht verletzen“ („SZ“).

          Nur, die Floskel bekommt jetzt immer zügiger Patina. Nicht mehr lange, und man fühlt sich an „Downton Abbey“ erinnert, diese Instanz in Sachen Anachronismus in der Serienlandschaft. „Butler, Unterbutler, Hausdiener, Kammerdiener, Kammerzofen, um nicht zu erwähnen die Hausmädchen, die Wäscherei, die Gärten“, sagt Lord Grantham etwa zu Beginn der sechsten Staffel. Und seine Mutter, die Countess of Grantham, entgegnet: „Und nun glaubst du, es könnte ein wenig zu viel sein, im Jahre 1925.“ Noch ein paar Tage, dann wird 2017 nicht viel mehr sein als 1925. Irgendein Jahr. Dann leben wir im Jahr 2018.

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