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„Wegweisendes Urteil“ : Auch Frauen dürfen jetzt mitfischen

Ein Bach voller Männer: Bisher war das „Ausfischen“ des Memminger Bachs Frauen nicht gestattet. Bild: dpa

Die Teilnahme am traditionsreichen „Ausfischen“ der Stadt Memmingen war jahrhundertelang nur Männern gestattet. Das Memminger Amtsgericht hat nun entschieden, dass das diskriminierend ist.

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          Der Fischertag in Memmingen hat eine jahrhundertelange Tradition. Weil sich aber darüber streiten lässt, ob alte Gewohnheiten beibehalten werden sollten, haben sich der Memminger Fischertagsverein und eines seiner langjährigen Mitglieder nun vor Gericht getroffen. Denn Christiane Renz, die seit mehr als 30 Jahren im Verein aktiv ist, möchte, dass am Höhepunkt des jährlichen Fischertags, dem „Ausfischen“ des Memminger Stadtbachs, auch Frauen teilnehmen dürfen.

          Die Ehre, Forellen zu fangen, womöglich gar zum „Fischerkönig“ gekrönt zu werden, wurde bisher nur Männern zuteil. So sei die Tradition, sagt der Verein. Diese Tradition, sagt Renz, sei mit dem Grundsatz der Gleichberechtigung nicht vereinbar. Deshalb hatte sie im Juni 2019 Klage eingereicht. Ihr ging es nicht nur um sich: „Natürlich will ich auch in den Bach neijucken, wie man bei uns sagt. Aber vor allem wollte ich eine klare Entscheidung herbeiführen: dass niemand aufgrund seines Geschlechts ausgeschlossen werden darf.“

          Das ist ihr gelungen: Das Amtsgericht Memmingen gab Renz am Montag recht. Bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung sei eine männliche Tradition kein zulässiger Grund für Diskriminierung. Ohnehin handele es sich um eine „Pseudotradition“, sagt Renz: „Die Regeln wurden im Verlauf der Zeit ständig geändert. Allein die Tatsache, dass nur Männer und Jungen teilnehmen dürfen, ist gleich geblieben.“ Auch diesen Punkt berücksichtigte das Gericht.

          „Fischerkönigin“ Christiane Renz.
          „Fischerkönigin“ Christiane Renz. : Bild: dpa

          Sarah Lincoln von der Gesellschaft für Freiheitsrechte, die Renz unterstützt hat, sagt, das Urteil sei wegweisend: „Jetzt ist klar: Auch Geselligkeitsvereine dürfen nicht mehr nach Lust und Laune diskriminieren.“ Denn in Deutschland sei zwar festgelegt, dass staatliche Diskriminierung nicht rechtens sei, in Bezug auf private Vereine habe es ein solches Urteil bislang aber nicht gegeben. Deshalb komme Diskriminierung dort immer wieder vor. Dabei sei das Bundesverfassungsgericht 1991 zu der Entscheidung gekommen, dass Diskriminierung nicht aus Traditionsgründen aufrechterhalten werden dürfe – sonst werde die Gleichberechtigung nie erreicht. Das, sagt Lincoln, sei der Punkt. Wenn es nur um Tradition ginge, dürften Frauen vieles nicht: „Weder Hosen tragen noch Fußball spielen.“

          Es bestreite im Übrigen niemand mehr, dass Tradition kein Grund für Diskriminierung sei, sagt Lincoln. In Memmingen sei es um die Frage gegangen, inwiefern der Fischertagsverein eine soziale Machtstellung einnehme, die ihn wie den Staat dazu verpflichte, niemanden aufgrund seines Geschlechts auszuschließen. Das sei hier der Fall: „Es gibt kein zweites Ausfischen, an dem man alternativ teilnehmen kann.“ Das Fischerfest, zu dem jährlich Zehntausende Zuschauer kommen, sei das zentrale Ereignis der Stadt, es gehe um soziale Teilhabe. Und die schließe eben auch Frauen ein. Der Verein zeigt sich „verwundert“ über das Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist. Nun will er entscheiden, ob Berufung eingelegt wird.

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