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Einsiedler-Doku : Der Moorbewohner kommt zurück

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Hühnerzüchter war er auch: Ernst Otto Karl Grassmé auf seinem Moorgrundstück Bild: Olaf Plotz

Der berufslose Moorbewohner war Bastler, Sammler, Phantast – und weithin bekannter Exzentriker. Nun entsteht über das Schicksal des Einsiedlers Ernst Otto Karl Grassmé ein Dokumentarfilm. Auf den Spuren eines ewigen Außenseiters.

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          „Baugeschäft Ernst Grassmé Altona Elbe Bürgerstraße 87“ steht auf dem alten Holzschild, das Dieter Staack in der Garage aufbewahrt. Es ist das kuriose Relikt einer bürgerlichen Existenz. Den Betrieb in Altona – Hamburger Adressbücher belegen ihn durchgehend von 1938 bis 1949 – hat Staack allerdings nie gesehen. Der Kunsterzieher am Elmshorner Elsa-Brandström-Gymnasium war 1979 gerade frisch in den Gemeinderat des Nachbarortes Horst eingerückt, als ihn dort der Bürgermeister ansprach. Er suchte einen neuen Betreuer für Ernst Otto Karl Grassmé – und so war Dieter Staack jahrzehntelang ehrenamtlich gesetzlicher Vormund des Firmeninhabers.

          Dass Grassmé mal ein eigenes Unternehmen gehabt hatte, war da kaum noch vorstellbar: Seit mehr als drei Jahrzehnten lebte er damals schon in einem acht Hektar großen Birkenmoor-Wäldchen, in einer Einsiedelei aus Müll, Gerümpel, Behausungen und vergammelten Wohnwagen. Hier starb er auch 1992.

          Nun holt Staack seine Erinnerungen wieder hervor. Das liegt an Vermächtnissen, die sein Schützling anderswo hinterließ: In Grassmés Namen treffen im Südholsteinischen zurzeit öfter Menschen aufeinander, die mit einem Dokumentarfilm sein Schicksal noch einmal aufrollen wollen. Auch Dieter Staack ist gespannt: „Es wird interessant, endlich die Geschichte hinter der Geschichte zu erfahren.“

          So sieht es auch Olaf Plotz, Perkussionist, Fotograf, Musikdozent, Bücher- und Projektemacher und seinerzeit ebenfalls mit Grassmé befreundet. Dieter Staack konnte er ein unverhofftes Déjà-vu bescheren: Dreimal, an Grassmés letztem Geburtstag und kurz nach seinem Tod, hatten er und sein Freund Lothar Pigorsch Grassmés verwunschenes Trümmerfeld in 45-Minuten-Videobildern eingefangen. Die Videos sind Rohmaterial für den Film, ebenso viele Fotos, die Plotz damals machte. Erhalten sind zudem etwa 80 Grassmé-Briefe, etliche Familienbilder und ein alter Pappkarton mit Fotos, die Grassmé geknipst und entwickelt hat.

          Mit all dem wollte Plotz schon immer etwas machen. Anfang 2014 hatte er Glück: In einem örtlichen Cineasten-Club konnte er die Filme dem Regisseur Kai Ehlers zeigen, der schon die Helene-Fischer-Dokumentation „Allein im Licht“ für die ARD gedreht hat, aber auch experimentell arbeitet. Ehlers erkannte das Potential.

          Rätsel für die Chronisten

          Tatsächlich reizt Grassmés Biographie das Tragikomische bis an die Schmerzgrenzen aus: Der berufslose Moorbewohner war Bastler, Sammler, Invalide, Hühner- und Ziegenzüchter, Fotograf, Hobbyfunker, Gärtner, Maurer, Phantast, frommer Adventist, ewiger Außenseiter, Stimmungskanone für Bauernhochzeiten – und weithin bekannter Exzentriker. Mehrmals wurde er von der Polizei als Sittenstrolch inkriminiert, weil er Mädchen Geld zusteckte, ihnen Brieffreundschaften antrug und sie zu Porträtfoto-Sitzungen überredete.

          Im April 1939 war Grassmé laut seinem Vormund Staack im Krankenhaus von Neustadt an der Ostsee aufgrund des nationalsozialistischen „Gesetzes zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses“ zwangssterilisiert worden. Mitte der achtziger Jahre durfte Staack Unterlagen zu dem Sonderling im Hamburger Staatsarchiv einsehen. Womit der Eingriff begründet wurde, weiß er bis heute nicht, wegen des Personenschutzes wurde ihm damals nur eine begrenzte Akteneinsicht gestattet. „Aber es muss einen gravierenden Vorfall gegeben haben, sonst hätte man die Akten nicht aufbewahrt.“

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