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Einsiedler-Doku : Der Moorbewohner kommt zurück

  • -Aktualisiert am

Höft war auch Jagdpächter auf Grassmés Land, hat zwischen bemoosten Autos und alten Kühlschränken manchen Rehbock gestreckt. Landwirt Dirk Schäfer hat als Junge miterlebt, wie auf dem Hof der Eltern plötzlich Abgesandte der Firma Neckermann erschienen und sich nach dem „Reichspräsidentenweg“ erkundigten. Das Versandhaus hatte für seine neuen Fertighäuser per Inserat nach Grundstücken gesucht, Grassmé hatte sich daraufhin mit dieser Adresse gemeldet, um einige Parzellen von seinem Moor anzubieten. Schäfer weiß auch noch, wie stolz Grassmé 1988 ein Dankschreiben der Familie Strauß präsentierte, nachdem er bei der bayerischen Staatskanzlei kondoliert hatte. Selbst im Hochhaus der Itzehoer Polizeidirektion, das er gelegentlich aufsuchte, um mit einem ihm bekannten Beamten zu plauschen, kursierte seinerzeit eine Juxtüte mit Grassmé-Eingaben.

„Wie eine Gestalt aus dem deutschen Märchenwald“

In Erinnerung blieb er als Gestalt, die unentwegt mit zwei Blecheimern Hühnerfutter am Lenker auf den Landstraßen herumradelte und unterwegs jedem fröhlich etwas zurief. Doch dieser Grassmé wird wohl nicht von der Leinwand zurückkehren. Sondern jemand, von dessen Altonaer Vergangenheit seine Mitmenschen so gut wie nichts wussten. „Zeigen lässt sich mit alldem ja nicht nur ein möglicherweise Schizophrener, der sich eine Welt baute, in der er einigermaßen leben konnte oder wie sein Anderssein seine Umgebung herausforderte“, sagt Regisseur Ehlers. „Auch der Zuschauer wird ja ständig mit der Irritation konfrontiert, wie viel denkbarer Freiraum womöglich jenseits seiner eigenen Lebensführung existiert. Und so was kommt tief aus dem norddeutschen Hinterland.“

Am stärksten beeindruckten Ehlers die Auftritte Frau Grassmés in den Video-Filmen. Dort läuft sie erschlagen von den Müll- und Trümmerbergen herum, die ihr Mann hinterließ. „Wie eine Gestalt aus dem deutschen Märchenwald.“

An einem Herzschlag war Grassmé eines Septembernachmittags gestorben, gerade als er sie bat, ihm eine Flasche Mineralwasser zum Trinken zu reichen. Berta Grassmé verteilte alles Brauchbare, soweit es nicht schon gestohlen war, im Bekanntenkreis. Staack rückte mit einigen Schülern und Bauern an, man schaffte das Sammelsurium auf Container einer Elmshorner Entsorgungsfirma oder verbrannte es an Ort und Stelle. Die angesparte Summe reichte dafür gerade hin, Staack dokumentierte seine Aktion noch mit einer Fotomappe. Heute findet man im Grassmé-Moor keine Spuren mehr, es wirkt wie ein unberührtes Naturschutzgebiet.

Die Anwohner sehen dem Film mit gemischten Gefühlen entgegen. Für die Verwirklichung des Vorhabens hat Regisseur Ehlers inzwischen Fördermittel der Filmwerkstatt Kiel bewilligt bekommen. Einen wichtigen Tipp gab sein Filmheld ihm noch aus dem Jenseits: Genau in diesem Haus, in dem sich einst Grassmés Baugeschäft befand und in dem Frau Grassmé noch bis zu ihrem Tode 2002 lebte, gründete sich vor 30 Jahren ein Zusammenschluss dokumentarisch arbeitender Filmemacher, „die thede“, der Filmemacher „bei No- und Low-Budget-Projekten“ unterstützt. Von Grassmé hatte man dort noch nicht gehört. Aber es ist für ihn trotzdem zweifellos die richtige Adresse.

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