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Einsiedler-Doku : Der Moorbewohner kommt zurück

  • -Aktualisiert am

Auf Vormund Staacks Anraten wurde ein Teil von Grassmés Entschädigungsrente beiseitegelegt, um die unvermeidliche Grundstücksräumung zu finanzieren. Schon öfter hatte das Ordnungsamt Grassmé-Bauten wieder abreißen lassen, bis er sie geschickt mit Müllhaufen tarnte. Als seine Heimstatt nach einem Lokaltermin von Ordnungsamt und Jagdbehörde zwangsgeräumt werden sollte, setzte sich Staack für ihn ein: „Wenn Sie versuchen, das durchzusetzen, wird der Mann sich vielleicht vor den Zug werfen oder noch Schlimmeres machen.“

So ging die Verwaltung lieber zu stillschweigender Duldung über, nicht ohne gelegentlich Vorschriften und Anweisungen vorgesetzter Stellen diskret zu ignorieren. Bürgermeister Mohrdieck und Amtmann Kühl im Horster Rathaus reagieren zurückhaltend, wenn man sie darauf anspricht. Solche Einblicke dürften zum Interessantesten gehören, was der Film atmosphärisch über das heikle Nebeneinander des Sonderlings und der norddeutsch-ländlichen Bevölkerung vermitteln kann. Bürgermeister wie Amtmann erinnern sich, dass sie sich als Kinder davor fürchteten, mit dem Rad über Grassmés Liegenschaft zur Schule zu fahren, weil er da plötzlich mit Gebrüll aus dem Unterholz hervorbrechen konnte. Selbst auf Freunde wie Staack und Plotz ging er bisweilen los: Den einen verdächtigte er, seine Rente unterschlagen und sich davon ein Segelboot kaufen zu wollen, den anderen, ihm den Hund gestohlen zu haben.

Andererseits spielte man ihm auch übel mit, verprügelte und bestahl ihn oder verkaufte ihm wertlosen Schrott. Benachbarte Bauern schikanierten ihn, indem sie den Weg zu seinem Grundstück mit einem Zaun verschlossen, Stege dorthin zerstörten, sein Fahrrad in den Graben warfen oder auf den umgebenden Wiesen junge Bullen weiden ließen – die dann Frau Grassmé auf dem Weg zur Bahnstation in den Graben jagten.

Auf der Suche nach Augenzeugen

Die Dokumente sind inzwischen durchforscht, Anfragen bei den Staatsarchiven Hamburgs und Schleswig-Holsteins brachten positive Bescheide: In beiden liegen noch Aktenstücke zu seinem Fall vor. Der Vormund Staack will jetzt vollständige Einsicht beantragen, geplant ist, die Grassmé-Freunde bei der ersten Begegnung mit der amtlichem Dokumentenlage zu filmen. Zurzeit klappern die Freunde die Gegend nach weiteren Augenzeugen ab: Etliche der fotografierten Mädchen sind schon aufgesucht worden, auch die Frau vom Dorfpostamt, bei der Grassmé seine postlagernden Stempel abholte und Briefe an Prominente abschickte, hat Lothar Pigorsch schon ausfindig gemacht.

Nebenbei wurde viel geklärt, etwa warum sich Grassmé während des Krieges mitten im kontrollwütigen Nazi-Deutschland in seinem Moor aufhalten konnte. Es war schlicht sein Eigentum, schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte sein Vater, ein gutsituierter Landschaftsgärtner mit Villa in der Seestraße 24 in Hamburg-Groß Flottbek, es gekauft, um dort Torf für den Hausbrand zu stechen. Wie sich der neunzigjährige Altbauer Herbert Höft erinnert, hatte der dort auch schon eine Unterkunft aus Torfballen errichtet.

Dank Höft ist nun auch klar, warum das Grassmé-Gebiet eine so seltsame Form hat. Aus der Luft wirkt das schnurgerade abgegrenzte Areal wie eine spiegelverkehrte ARD-Eins. „Im Ersten Weltkrieg“, so Höft, „wurde das ursprünglich viel größere Moor von russischen Kriegsgefangenen urbar gemacht. Nur Grassmés Stück ist noch im alten Zustand.“

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