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Einsiedler-Doku : Der Moorbewohner kommt zurück

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Er erinnert sich auch an heftige Erregungszustände Grassmés, die auf eine zeitweilige KZ- oder Zuchthaushaft hindeuten. Und wirklich fand sich eine Karteikarte der Hamburger Staatsanwaltschaft, nach der er sich zumindest vom 16. bis 31. Juli 1940 im KZ Fuhlsbüttel in Gestapo-Schutzhaft befand.

Trotzdem gibt er seinen Chronisten weiter Rätsel auf. Vom 2. August 1942 datierte Fotos zeigen ihn unverkennbar in SA-Uniform. Auffällig waren auch seine Briefe: „Der Hitler hat 1937 doch selber gesagt, er weiß nicht, warum das in allen Krankenhäusern so viel Geld kostet?“, schrieb er am 19. November 1989. „Musst dir mal selber ansehen, habe ich gedacht, 1937, als er die Rede geschwungen hatte. Also habe ich an den Führer geschrieben 1937. Die Post kannste noch nachlesen im Oberlandesgericht Schleswig.“

„Altonaer Bürgermeister im Exil“

Auch Erlebnisse bei den Bombenangriffen auf Hamburg 1943, als er in einem Räumkommando eingesetzt wurde, traumatisierten ihn. Und Operationen im Wandsbeker Krankenhaus: „Sieben Mal wurde ich schon zusammengenäht im Leben – wenn man das überhaupt noch ein Leben nennen kann.“

Wie anders man leben kann: Grassmé mit seiner Frau Berta

Allerdings stehen solche Einlassungen zwischen Schilderungen seines täglichen Kampfs mit Wasserratten und Hühnerhabicht, Bibel-Erörterungen, dem aktuellen Stand von Reklamationen bei Foto Quelle und seiner Gemüseernte, in ihrer Sprunghaftigkeit und Spontaneität sind sie oft ungewollt amüsant. Und übersät mit etlichen Stempel-Abdrücken, mit denen Grassmé sich selbst zur Wahrnehmung verschiedenster Aufgaben befugte: Zum „Altonaer Bürgermeister im Exil“, „Reichsbundesbishop“, Bevollmächtigten einer „Versicherten Hilfe/Hannover Altona“, einer „Euromotel Organisation“ des „Europäischen Werften-Gemeinschaftsverbands“. Nach anderen Stempeln befanden sich auf seinem Flurstück ein „Europa-Frischei-Service“, ein „Doppeldetektor- und Duplo-Antennen-Radiobau“, eine „Seemannsmission mit eigener Tischtennishalle“, eine „Mastfütterung für Seehunde und Hunde“ und ein „Wassersportfreunde-Club“, alles angeblich geleitet vom „Farbphotoblitzsynchronisationserfinder & Erbauer“ Ernst Otto Karl Grassmé. Dutzende solcher Gummistempel, alle seinerzeit postlagernd bei einer Spezialfirma geordert, hat Betreuer Staack bis heute in Verwahrung.

Dabei war Grassmé kein hoffnungsloser Wirrkopf, den Töchtern seines Freundes Pigorsch half er bei Mathe-, Chemie- und Physikhausaufgaben. Als Tüftler arbeitete er schon als Schüler in einer Klempnerei. „Bald habe ich das Löten dort gelernt“, schreibt er, „und dann den ersten Kofferradioapparat der Welt aus Holz und einem Stück Zinkblech als Erde mit Antenne innen und einem vier Volt Akku aus Glas und einer Doppelröhre erbaut. Sofort war der Apparat auf’m Bau verkauft!“

Und auch später behalf er sich originell: Da er auf seinem Grund keinen Stromanschluss hatte, brachte er in einem Autowrack den Motor wieder in Gang und konnte damit seinen Campingfernseher so lange über die Autobatterie speisen, bis der Benzintank leer war.

Frau Berta kümmerte sich um die Wäsche

Die gute Seele des Ganzen hielt sich im Hintergrund: Grassmés Frau Berta, die es vor dem Krieg als Hauswirtschafterin für einen erblindeten Offizier von Ostpreußen nach Hamburg verschlagen hatte, die er erst nach dem Ende der Nazi-Zeit heiraten konnte. Seit Mitte der fünfziger Jahre lebte Grassmé ganz auf seinem Grundstück, mutmaßlich um einer Einweisung in die psychiatrische Anstalt zu entgehen. Berta Grassmé blieb in der Wohnung in Hamburg-Altona, fuhr aber jede Woche mit dem Zug zur nahegelegenen Bahnstation Dauenhof. Sie kümmerte sich um seine Wäsche, bepflanzte die Beete und fuhr mit Koffern voller Hühnereier und dem einen oder anderen Suppenhuhn zurück, um alles in ihrer Hamburger Nachbarschaft zu verkaufen. Und das fast 40 Jahre lang.

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