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Film-Meisterklasse : Assessment-Center in Hollywood

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Vom Privatfernsehen zum Weltkino: Häcker hat klare Vorstellungen von seiner Karriere. Bild: Jonas Mohr

Eintrittskarte für die große Traumfabrik: Ein Filmstudio hat den deutschen Jung-Regisseur Erwin Häcker eingeladen - dank eines verfilmten Albtraums.

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          Der Supper Club am Hollywood Boulevard ist eine kleine Traumfabrik in der großen. Auf wenigen hundert Quadratmetern taucht der Gast in eine phantastische Welt ein: Dicke Marihuana-Wolken wabern durch das loftartige Gebäude, bestrapste Kellnerinnen servieren ein Vier-Gänge-Menü, während die Besucher auf weißen Leinensofas fläzen; barbusige Artistinnen schweben in Bettlaken durch eine Luke von der Decke und übergeben die Dreiliterflasche Dom Pérignon (Stückpreis: 6000 Dollar). Das Balzverhalten der körpergetunten Großstadt-Burschen in ihren Holzfällerhemden kennt auf der Tanzfläche nur ein Beuteschema: blondierte Püppchen im hautengen Röhrenkleid auf extrahohen Pumps. Willkommen in Hollywood! Regisseur Erwin Häcker, 45, aus Köln ist beeindruckt: „Ganz großes Casting.“

          Der Filmemacher selbst braucht hier nicht mitzuspielen, er hat bereits eine Eintrittskarte für die große Traumfabrik in der Tasche. Als einziger Deutscher ist Häcker von Universal, dem größten Studio in Hollywood, zum „Filmmasters Program“ eingeladen worden, einer Art Assessment-Center für die begabtesten Jung-Regisseure aus Europa. Sein Debüt, der Kurzfilm „Souterrain“, hat die Amerikaner begeistert. Häcker gewann mit dem elfminütigen Thriller Festivalpreise in New York und Los Angeles; auch den „Shocking Shorts Award“ in München, den vielleicht wichtigsten Kurzfilmpreis in Deutschland, räumte er ab. Verbunden mit der Einladung ist für Häcker, der mit Glatze und Zottelbärtchen ein bisschen an einen rheinischen Kojak erinnert, die Teilnahme an der Film-Meisterklasse in Los Angeles.

          Diesen Traum von Hollywood hat sich Häcker mit einem verfilmten Albtraum verwirklicht, in dem er sich selbst als abgetrennten Kopf im Wandschrank inszenierte. Für solche Cameo-Auftritte in den eigenen Filmen war bislang vor allem einer berühmt: Alfred Hitchcock. Ist das nicht ein bisschen frech, gleich in seinem Erstling den „Hitchcock“ zu machen? Häcker schmunzelt. Er habe sich tatsächlich in der Vorbereitung seines Films viele Hitchcock-Filme noch einmal angesehen, sagt er. Kein anderer Filmemacher könne Spannung so subtil erzeugen wie der „master of suspense“, der ebenfalls stolz eine Glatze auftrug. Sein eigener Auftritt sei aber eher der Not einer kleinen Produktion geschuldet, sagt Häcker: „Wir hatten erst einen künstlichen Kopf, aber der sah Scheiße aus.“

          Von 3000 Drehbüchern werden am Ende 15 verfilmt

          „Souterrain“ ist ein subtiler Serienkiller-Film, der in elf Minuten mehr falsche Fährten glaubhaft machen kann als jeder durchschnittliche „Tatort“ oder „Polizeiruf“. Die Grundkonstellation „Zwei Männer und ein Schrank“ fand Häcker, anders als Roman Polanski in dessen erstem Film, nicht lustig, sondern gruselig. Und ohne zu viel zu verraten: Der Dieb ist nicht der Täter, der Mann im Schrank nicht der Killer und die blonde Frau nicht das Opfer.

          „Very, very clever“, lobt Universal-Boss Adam Fogelson anderntags Häckers Horrorfilm auf dem Studiogelände am Lankershim Boulevard. Seit 2009 verantwortet der ehemalige Marketing-Experte die gesamte Filmproduktion von Universal, sein tägliches Brot sind Blockbuster mit einem Budget von 100 Millionen Dollar und mehr. Und wenn er von Hollywood spricht, dann sagt er gerne: „This is a unique place.“ Trotzdem lässt er sich die naive Freude für ein ebenso kleines wie billiges Meisterwerk wie „Souterrain“ nicht nehmen. „Ich war mehr als einmal überrascht, wie oft der Film seine Richtung ändert“, sagt Fogelson. „Und keinen dieser Twists habe ich vorausgesehen.“

          Im Gespräch mit Häcker erklärt Fogelson seine dreistufige Expertise, mit der er erfolgversprechende Ideen testet: „Erstens: Ist die Geschichte so gut, dass sie groß erzählt werden kann? Zweitens: Kenne ich mein Publikum? Drittens: Kann ich damit Geld verdienen?“ Rund 3000 Bücher werden bei Universal jedes Jahr gesichtet, sagt Adam Torchia von der Drehbuch-Abteilung. 125 davon werden durch das sogenannte Greenlighting-Verfahren geschickt, ein Prozedere, in dem das Potential der Stoffe anhand verschiedener Erfolgsszenarien ermittelt wird; von Szenario 1: „Totales Desaster“ bis Szenario 6: „Weltweiter Erfolg“.

          Übrig bleiben 15 Filme pro Jahr, die tatsächlich gedreht werden, alle mit einem Budget zwischen 50 und 200 Millionen Dollar. „Nicht jeder Stoff, den wir gut finden, wird auch gemacht“, sagt Fogelson. „Aber die Leute hier bei Universal tun alles, um dir zu deinem eigenen Film zu verhelfen.“ Und es scheint, als ob er keinen Unterschied machen will, ob der Regisseur nun Steven Spielberg oder Erwin Häcker hieße. Aber auch das gehört wohl zu dieser gigantischen Suggestionsmaschine Hollywood, bei der man nie genau einzuschätzen weiß, was wie real ist.

          Ein Film funktioniert wie eine ICE-Neubaustrecke

          Häcker hat keine Berührungsängste, wenn es um die Frage Kunst oder Kommerz geht. Der studierte Bauingenieur ist ein Mann des Mach- und Planbaren. Er sieht die Vorteile einer Industrie, die darauf aus ist, etwas richtig groß machen zu können. Ein Film, den keiner sieht, sei kein Film, sagt er. Nach dem Studium hatte der gebürtige Schwabe zwei Jahre lang als Bauingenieur die ICE-Neubaustrecke zwischen Ingolstadt und Nürnberg geplant. Dann heuerte er als Produktionsassistent bei Filmdrehs an. Und als er in der Zeitung einen Artikel über einen glücklichen Cutter las, schrieb er Bewerbungen. Per Zufall landete er bei RTL - dort war gerade einer ausgefallen.

          Er finde das Künstlerische interessant, sagt Häcker, aber auch die Frage, wie man die Mittel dafür richtig einsetze. Insoweit funktioniere ein Film wie eine ICE-Neubaustrecke: Man brauche Zeit- und Produktionspläne und müsse mit den Zahlen klarkommen. Ein Bernd Eichinger konnte das. Schreiben, Regie führen, die Zahlen beherrschen. Dass einer das ganze Paket schnüren kann, beeindruckt Häcker.

          Er selbst verdient sein Geld als Cutter im privaten Fernsehen. Er schneidet Formate wie „Big Brother“, „Bauer sucht Frau“ und „Mieten, Kaufen, Wohnen“ auf RTL, Kika oder Vox. Fernsehen ist die Pflicht, um die Miete zu bezahlen, Kino die Kür, die absolute Freiheit vom kompromisslosen Geschichtenerzählen, ohne dass ihm einer reinredet.

          “Als Cutter brauchst du ein Gefühl für Dramaturgie, weil du eine Geschichte erzählen musst. Und wenn ich etwas selbst gedreht habe, weiß ich die Dramaturgie mit dem Schnitt aufzubauen. Nicht umsonst ist die größte Ehre, die Hollywood einem Regisseur erweisen kann, der Final Cut“ - das Recht, die endgültige Version des Films zu bestimmen. Häcker, der auch mal Sänger einer ambitionierten Heavy-Metal-Band war, erzählt das so, als sei der Weg über das peinliche deutsche Privatfernsehen zum Welt-Kino die kürzeste Verbindung.

          In der ersten Woche der Meisterklasse ist Häcker zur Weltpremiere des neuen Tom-Cruise-Films „Oblivion“ eingeladen. Dort kommt Paul Getto auf ihn zu, der Strategie-Planer des Studios, und will wissen, ob es schon ein Remake von „Souterrain“ für die große Leinwand gebe. Das schmeichelt Häcker. Er arbeitet gerade an einem Drehbuch für seinen ersten eigenen Langfilm. Ein Thriller soll es werden, mehr will er noch nicht verraten.

          Deutlich sagt er hingegen, welche Hoffnungen er mit seinem Los-Angeles-Trip für seine weitere Karriere verbinden möchte. „Ziel ist es, ein tolles Drehbuch zu entwickeln. Und wenn ich das habe, dann kann mich nicht mehr viel davon abhalten, die Mittel dafür aufzutreiben. Ich hoffe, dass sich hier die Kontakte ergeben, die mir bei der Realisierung des Stoffs hilfreich sind.“

          Am Montag der zweiten Woche läuft Erwin Häcker dann auf dem Weg zum Lunch im „The Grill“, der legendenumrankten Kantine auf dem Universal-Gelände, einem eher unscheinbaren, aber ebenso zottelbärtigen Mann in die Arme: Steven Spielberg. Handshake. Von gemeinsamen Projekten ist erst mal nicht die Rede.

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