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Das Jahrzehnt der DJs : Ain’t Nobody Loves Me Better

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Die Musik wurde massenkompatibel

Wer zwischen zwanzig und dreißig ist, hat nichts gegen Techno und House. Auch Weltstars wie Rihanna und Madonna arbeiteten mehrfach mit DJs zusammen. Der Durchmarsch verdankt sich günstigen Faktoren. Einer davon ist die Demokratisierung der Produktionsmittel. Früher brauchte man ein teures Studio, um einen Hit herzustellen; heute reicht dafür ein Notebook mit Zusatzgeräten. Die digitale Revolution bringt Zehntausende junge Musikproduzenten hervor. Für elektronische Musik muss man weder singen noch ein Instrument spielen können. Außerdem: Der Musikmarkt ist kein geschlossenes System mehr. Jungtalente müssen nicht Plattenfirmen überzeugen, sondern bieten ihre Musik gratis im Netz an, bei Youtube oder Soundcloud. Mit den richtigen Klickzahlen ergibt sich der Plattenvertrag von selbst.

Als Junge lernte Felix Jaehn, der 1994 in Hamburg geboren wurde, Geige spielen. Mit 17 Jahren, da hatte er schon Clubauftritte hinter sich, machte er Abitur und zog nach London. „Dort habe ich Musikproduktion und Musikwirtschaft studiert und angefangen, meine eigenen Songs aufzunehmen“, erzählt Jaehn. Sein Remix des Reggae-Songs „Cheerleader“ fand fast zwei Millionen Käufer - weit mehr als das Original des jamaikanischen Sängers Omi. Unbekannter Künstler, starker Song, neue Version: Felix Jaehn nutzt dasselbe Erfolgsrezept wie Robin Schulz.

„Momentan reise ich nonstop um den Erdball“, sagt Schulz, während er gerade in einem Hotel in New York sitzt. Schulz’ Pläne für die zweite Jahreshälfte: „Noch mehr reisen und ein neues Album.“ Die nächste Single soll Ende Juli erscheinen, gerade trat er in Frankfurt beim „World Club Dome“ auf. Was macht seinen Sound besonders? Schulz ist ratlos: „Dass ihn die Leute einfach mögen.“

Etwas genauer antwortet Felix Jaehn: „Mein Sound ist besonders, weil ich viele echte Instrumente einarbeite: Marimbaklänge, Streicher oder Trompeten.“ Bald will er in den Pop-Hochburgen London und Stockholm neue Songs drechseln. Noch dieses Jahr soll sein Debütalbum veröffentlicht werden. Ein schwer zu erreichendes Ziel, bei diesem Reiseplan. Nicht nur in Europa stehen viele Auftritte an: „Im August habe ich in Amerika Headline-Shows, bei denen ich der Haupt-Act des Abends bin, und die Leute kommen, weil sie mich sehen wollen - hoffentlich.“

Die kreative Eigenleistung ist oft recht klein

Sein Zeitgeistradar funktioniert verblüffend präzise. Wer hätte gedacht, dass man den Achtziger-Jahre-Titel „Ain’t Nobody“ von Rufus & Chaka Khan zum Nummer-eins-Hit aufbrezeln kann? Jaehn grub den Song aus und stimmte ihn neu ab. In seiner Version schnurrt „Ain’t Nobody“ wie ein liebevoll gepflegter Zwölfzylinder. Vergoldet wird der Song aber von der Stimme der 14 Jahre alten Britin Jasmine Thompson. Jahn entdeckte sie, weil sie per Youtube zum Netzphänomen geworden war.

Es gibt genügend Eigenproduktionen von Jaehn und Schulz - hier sind keine musikalischen Parasiten am Werk. Dennoch ist die kreative Eigenleistung der DJs mitunter recht klein. Dem Nichts Melodien und Texte zu entreißen, das ist die harte musikalische Arbeit - und die haben bei ihren großen Hits andere geleistet. Ihr Verdienst: den existierenden Song neu und massentauglich zu inszenieren.

Drogenerprobte Rocker oder konfliktlustige Rapper mögen unterhaltsam sein - die neue Generation disziplinierter Charismatiker ist aber gerade erfolgreicher. Diese Männer treten vor die Pulte, hinter denen sie sich bisher versteckt hielten.

Viele DJs sind fleißig, höflich - und sie machen nicht ihre Charakterfehler zur Marke. Deshalb taugen sie eher zum Vorbild als eine selbstzerstörerische Amy Winehouse oder ein Rüpel-Rapper wie Bushido. Die Botschaft der DJs verbindet, statt zu spalten. Liebe statt Wut: Die Botschaft ist alt, aber plötzlich hören alle sie gern.

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