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Rassismusvorwürfe : Fastnachtsverein unter Polizeischutz

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Wolfgang Schuster vom Karnevalsverein Südend Fulda nennt sein Kostüm: „Neger vom Südend“ Bild: dpa

Weil sie sich als Schwarze verkleiden, wird Mitgliedern eines Fastnachtsverein die Verharmlosung von Völkermord vorgeworfen. Fuldas Oberbürgermeister sagt, die Kritiker hätten „von der Fastnacht keine Ahnung“. Der „Neger vom Südend“ ist traurig.

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          „Ich bin stolz, ein Neger zu sein“, sagt Wolfgang Schuster und blickt daheim wehmütig auf Fotos, die ihn fröhlich bei der Fuldaer Fastnacht zeigen. Der 75 Jahre alte Rentner ist darauf schwarz geschminkt, trägt eine Perücke mit einem großen Knochen daran, eine Knochen-Kette und Leoparden-Fell. So lief er viele Jahre unter anderem beim Rosenmontagszug, dem größten in Hessen, mit. Doch am kommenden Montag wird er die wilden Knochen weglassen und sich nicht mehr schwarz schminken. Schuster und der gesamte Karnevalverein Südend Fulda sehen sich Rassismusvorwürfen ausgesetzt. Wegen möglicher Übergriffe bekommen sie beim Umzug sogar Polizeischutz.

          Polizeisprecher Martin Schäfer sagt: „Es ist traurig, dass so etwas nötig ist.“ Aber die Beamten können nicht ausschließen, dass Zaungäste die Karnevalisten attackieren. Man habe Hinweise, die auf eine erhöhte Gefährdung deuten. Von handfesten Angriffen, über Farbbeutel-Attacken oder Zug-Blockaden erscheine vieles möglich. Deswegen werden Beamte die rund 100 Teilnehmer des Vereins im Zug begleiten - und mögliche Übergriffe mit einer Bodycam aufzuzeichnen versuchen. Personenschutz für Narren - „so etwas hat es noch nicht gegeben. Das ist ein Novum - bei uns und wohl auch an anderen Orten“, sagt Schäfer, der von einem „Riesen-Hype“ rund ums Thema berichtet.

          Das alles klingt kurios, doch zum lachen ist niemand mehr zumute. „Die Angelegenheit drückt leider die Stimmung vor dem Höhepunkt der Karnevalssession“, berichtet Gardeinspekteur Volker Rippert. Er ist Sprecher der Fuldaer Garden, die beim Rosenmontagszug mitlaufen. „Wir wollen nur fröhlich Fastnacht feiern. Aber jetzt wissen wir nicht, was der Ärger noch alles mit sich bringt. Die Leute vom betroffenen Verein gehen auf dem Zahnfleisch, sind fix und fertig.“

          „Völkermord, Unterdrückung und Entrechtung verharmlost“

          Auslöser für die Provinz-Posse ist Kritik von Sozialwissenschaftlern. Sie sind Mitarbeiter der Hochschule Fulda, äußern sich aber als Privatpersonen. Sie werfen dem Verein vor, Rassismus und koloniale Bildwelten zu verbreiten. Denn die Mitglieder des Südend tragen Kolonialuniformen und stellen Schwarze in parodierender Weise dar. „Dadurch wird Völkermord, Unterdrückung und Entrechtung verharmlost und gutgeheißen“, heißt es in einer Mail, die breit gestreut wurde.

          Wolfgang Schuster  ist traurig darüber, dass er sich nicht mehr schwarz schminken wird. „Die Menschen freuen sich schließlich, wenn sie mich an Karneval sehen.“

          Die Aktivisten fordern, der Verein müsse seinen Auftritt verändern: Verschwinden müssten die Kolonialuniformen und das Blackfacing, bei dem Weißen ein schwarzes Gesicht gemalt wird. Die Darstellungsformen des Vereins seien „herabwürdigende, menschenverachtende und rassistische Praktiken“.

          Der Vorsitzende des Karnevalvereins, Andreas Beck, sagt dazu: „Die Vorwürfe sind ungeheuerlich. Man muss schon viel Fantasie haben, uns wegen der Uniformen Fremdenfeindlichkeit anzudichten.“ Letztlich seien das Fantasie-Uniformen. Beck findet auch: „Die Gesellschaft wird immer dünnhäutiger. Es gibt immer mehr Leute, die sich in ihren Befindlichkeiten verletzt fühlen. Man denke nur an die Verwendung der Worte: Negerkuss oder Zigeunerschnitzel.“ Ähnlich denkt auch Gardeinspekteur Rippert und vergleicht: „Beim Verein Nordend verkleidet man sich als Eisbären und Pinguine. Bald haben die womöglich noch die Tierschützer am Hals.“ Fuldas Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld (CDU) sagte zum kuriosen Karnevals-Knatsch, die Wissenschaftler hätten „von der Fastnacht keine Ahnung“.

          Der „Neger vom Südend“ ist traurig

          Michael Hamperl, Präsident der Fuldaer Karnevalgesellschaft, die den Rosenmontagszug mit seinen Zehntausenden Besuchern organisiert, hält die Rassismus-Kritik für maßlos überzogen. Viele Verein bezögen sich auf eine geschichtliche Epoche. Da gehe es um Paschas und ihren Harem. Oder auch um Ritter und Gutsherren auf der einen und Knechte und Mägde auf der anderen Seite. „Aber es wird doch dadurch nicht die Unterdrückung verherrlicht. Wäre der Vorwurf berechtigt, dass man die Ereignisse einer Zeit gutheißt, wenn man ein Kostüm aus ihr trägt, dann kann man die Fastnacht sofort einstellen.“

          Der Präsident des Bundes Deutscher Karneval, Klaus-Ludwig Fess, sagte der „Fuldaer Zeitung“: Wenn die Mitglieder des Vereins Südend an Rosenmontag durch die Straße ziehen, „feiern sie sicherlich nicht die Untaten aus imperialistischer und kolonialistischer Zeit“.

          Als Zugeständnis an die Kritiker, und um nicht Öl ins Feuer zu gießen, verzichten die Narren vom Südend nun auf das Blackfacing, wie der Vereinsvorsitzende Beck sagte. Wolfgang Schuster, der „Neger vom Südend“, ist traurig darüber, dass er sich nicht mehr schwarz schminken wird. „Die Menschen freuen sich schließlich, wenn sie mich an Karneval sehen. Sie fotografieren mich und strecken mir den Daumen anerkennend entgegen.“ Aber auch Schuster sagt: „Wir wollen niemanden provozieren.“ Letztlich hat der Verzicht auf das Schminken auch einen Vorteil. Er wird womöglich bequemer schlafen. Wenn er sonst abends von Veranstaltungen nach Hause kam und früh morgens wieder los musste, hat er im Sessel sitzend geschlafen, um sich nicht abschminken zu müssen.

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