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Farc-Rebellen in Kolumbien : Kinder des Friedens

  • -Aktualisiert am

Stolz hält Farc-Kämpfer Reinel seinen Sohn John Jario im Arm. Bild: Thomas Wagner

Nachdem sie das Friedensabkommen mit der Regierung unterzeichnet haben, werden die Farc-Rebellen, einst Machos, zahm. Nun geben sie sich sogar kinderfreundlich. Damit lassen die Guerrilleros ein dunkles Kapitel hinter sich.

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          Stolz hält Reinel seinen sechs Monate alten Sohn Jhon Jairo. Der 24 Jahre alte Kolumbianer wartet auf seine Freundin Jaqueline, die unten am Bach Wäsche wascht. Als die Neunzehnjährige in ihr provisorisches Heim zurückkehrt, einen Bretterverschlag, der von einer Plastikplane überdacht ist, leuchten die Augen des Vaters.

          Das junge Paar gehört den Bewaffneten Revolutionären Streitkräften Kolumbiens an, der Farc, der größten und ältesten Guerrilla-Organisation Lateinamerikas. Ihr Sprössling Jhon Jairo kam in einem Dschungelcamp im Süden des Landes zur Welt, in der Nähe der Pazifikküste. Das macht ihn formell zu einem der jüngsten Mitglieder der Guerrilla.

          Bis vor wenigen Monaten war es den marxistischen Rebellen streng untersagt, Nachwuchs zu bekommen. „Krieg und Kinder passen einfach nicht zusammen“, sagt Reinel. Dabei war er selbst fast noch ein Kind, als er in die Guerrilla eintrat. Er entstammt einer Bauernfamilie in der Provinz Putumayo. Die Armee brannte ihr Haus nieder. Da ging sein Vater zur Guerrilla und nahm ihn einfach mit.

          Das Kind sollte nie zur Welt kommen

          Als Reinel den Chef seiner Einheit über die Schwangerschaft seiner Freundin informierte, ordnete der eine „Injektion“ an. Der junge Vater vermeidet das Wort „Abtreibung“. Die Spritze blieb wirkungslos. Jaqueline bekam ihr Kind.

          Der Kommandeur hatte ein Einsehen. Er erlaubte, dass Jhon Jairo im Lager bleiben dürfe. Und nicht nur das. Er besorgte Kleidung, Windeln und sogar die Babyflasche mit roten und blauen Dinosauriern darauf, an der Jhon Jairo nun nuckelt.

          Endlich akzeptiert: Im Farc-Rebellencamp brachte Jaqueline ihren Sohn zur Welt.

          Wenn Reinel von den Gefechten mit der Regierungsarmee erzählt, verfinstert sich sein Gesicht. Schwierige Zeiten seien das gewesen, sagt er. Nun sind sie zum Glück vorbei.

          Überarbeiteter Friedensvertrag

          Der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos und Farc-Oberbefehlshaber Timochenko haben am Donnerstag in der Hauptstadt Bogotá einen historischen Friedensvertrag unterzeichnet. Vier Jahre feilten ihre Unterhändler in Havanna an dem fast 300 Seiten langen Dokument. Anfang Oktober hatte eine knappe Mehrheit der Kolumbianer in einer Volksabstimmung überraschend eine erste Fassung des Vertrages gekippt. Santos erhielt trotzdem den Friedensnobelpreis. Der Staatschef setzte sich notgedrungen mit seinen Gegnern zusammen, mit den Konservativen und den Pastoren evangelikaler Freikirchen – und dann wieder mit den Rebellen. Gemeinsam überarbeiteten sie das Abkommen und nahmen einige Vorschläge der Kritiker auf. Den neuen Vertrag will Santos nun aber nicht mehr dem Volk vorlegen. Sicher ist sicher. Stattdessen soll ihn der Kongress durchwinken.

          Reinel, Jaqueline und ihre Kampfgefährten werden in den nächsten Tagen in ein anderes Lager marschieren. Dort werden sie ihre Waffen abgeben, überwacht von den Vereinten Nationen, die Armee in sicherer Distanz. Jhon Jairo kommt mit. „Mehrere Kinder begleiten uns“, sagt Milena Reyes, eine der Sprecherinnen der Guerrilla. Auch aus anderen Einheiten wurden Geburten vermeldet. Genaue Zahlen hat sie nicht.

          Früher hieß es: Abtreibung oder Adoptivfamilie

          Die Nachwuchs-Guerrilleros verkörpern die Entspannungspolitik in Kolumbien. Sie sind die Kinder des Friedens. Und sie repräsentieren die Öffnung der männerdominierten Revolutionsbewegung für die Emanzipation der Frau. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die Farc-Kämpferinnen heute frei darüber entscheiden, ob sie Kinder haben wollen. Vor Beginn der Friedensgespräche war das noch ganz anders. „Wenn eine Gefährtin schwanger wurde, gab es nur die Alternative: Abtreibung oder das Kind an eine Adoptivfamilie abgeben“, sagt ein früherer Rebell, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will.

          Nicht immer geschahen diese Abtreibungen freiwillig, sagt der ehemalige Guerrillero. „Ich war Zeuge, wie compañeras die Schwangerschaft verheimlichten. Wenn sie aufflogen, bekamen sie den Befehl abzutreiben.“ Auf welche Weise, hing ganz von der medizinischen Ausstattung der Truppen ab. Mal wurde zu diesem Zweck ein befreundeter Landarzt ins Lager geschleust, mal nahmen die Krankenschwestern im Feldlazarett den Eingriff vor. Die Staatsanwaltschaft ermittle in 52 Fällen von Zwangsabtreibungen in der Guerrilla, sagt ein Sprecher.

          „Sind dabei, die Macho-Gesellschaft zu ändern“

          Sandra Ramirez steht für das neue Frauenbild der Farc, obwohl sie mit ihren 34 Jahren in den Reihen der marxistischen Organisation schon zu den Älteren gehört. Ramirez war mit Farc-Gründer Manuel Marulanda liiert, der 2008 eines natürlichen Todes starb. Bei den Verhandlungen mit der Regierung in der kubanischen Hauptstadt saß sie seit 2012 in dem Ausschuss, der sich mit der Geschlechterfrage im Abkommen befasste.

          Es habe keine Zwangsabtreibungen gegeben, behauptet Ramirez. Jede Guerrillakämpferin sei vor ihrem Eintritt darüber aufgeklärt worden, dass sie nicht schwanger werden dürfe und habe damit einer möglichen Abtreibung zugestimmt.

          Mehr als 40 Prozent der Farc-Mitglieder sind mittlerweile Frauen. Doch noch sitzen im obersten Führungsorgan, dem Sekretariat, ausschließlich Männer. „Die Farc sind nicht vom Himmel gefallen. Natürlich sind wir Teil einer Macho-Gesellschaft, aber wir sind dabei, das zu ändern“, sagt Ramirez. In der Nachfolgepartei der Farc wollten sie mehr Schlüsselpositionen besetzen. „Wir werden uns nicht mit der Rolle der Hausfrau begnügen, die sich ausschließlich um die Kinder kümmert.“

          Jaqueline hat Jhon Jairo auf einer Pritsche zur Ruhe gebracht. Dort hat sich schon eine andere Farc-Kämpferin ausgebreitet, um ihren ein Monat alten Sohn zu stillen. Auf ihrem T-Shirt steht: „Nie wieder Krieg! Frieden jetzt!“

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