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Die
letzte
Kaiserin

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© Picture-Alliance

Bevor sie Iran verlassen musste, war das Leben der Farah Diba ein Traum. Nun schaut die ehemalige Kaiserin Irans mit betrübtem Blick auf ihr Land und hält sich auch mit Kritik nicht zurück. Ein Treffen in Paris.

Von THIEMO HEEG und RAINER HERMANN

Ein Apartment ganz in der Nähe des französischen Außenministeriums. Der Lift, mit schwarzem Metallgitter, rumpelt nach oben. Im vierten Stock öffnet sie die Tür zur holzgetafelten Wohnung. „Paris ist eine wunderschone Stadt“, sagt Farah Diba nachdenklich, als sie aus dem Fenster ihrer Wohnung hinunter auf die Seine schaut. „Und Amerika ist ein phantastisches Land.“ Doch es ist Exil. Also zitiert sie einen iranischen Dichter: „Dieses Haus ist wunderschon, aber es ist nicht mein Haus.“
Die ehemalige Kaiserin Irans lebt sechs Monate im Jahr in der französischen Hauptstadt. Die übrigen Monate verbringt sie in Amerika bei ihren zwei überlebenden Kindern und den vier Enkelinnen. Fast nie hat sie Journalisten hier oben zu Gast. Aber heute will sie reden. Unprätentiös, reflektiert und doch eingängig spricht sie, inzwischen 76 Jahre alt, über ihr Leben. „Ich bin noch immer derselbe Mensch, der ich als Studentin und als Kaiserin war.“ Man glaubt es ihr, auch wenn der Einschnitt in ihr Leben so tief war, dass die Wunden nie verheilen können.

Immer mit Insignien: Farah Diba wahrt die Form, im Jahr 1970 (links) und 1979 mit ihrem Mann, dem Schah.© Ullstein

Am 16. Januar 1979 bestieg sie mit Schah Mohammad Reza Pahlawi in Teheran ein Flugzeug und verlies Iran für immer. Wenn sie nun auf die Seine blickt, steht eine Büste des Schahs zu ihrer Linken. Der Raum ist voller Erinnerungen, mit Fotos von damals, von befreundeten Monarchen, ihren Kindern, auch mit Exponaten zeitgenössischer iranischer Kunst. Ein trauriges Gemälde zeigt eine junge kniende Frau, das Haupt gesenkt. „Ja, die Künstlerin Anahita Masoudi hat in Iran sehr viel leiden müssen.“ Auch sie lebt nun im Exil. „Ihre Gemälde sind ein Abbild der Lage der Frauen in Iran.“

Vor dem Albtraum, das Land verlassen zu müssen, war das Leben der Farah Diba wie ein Traum. Schon als Kind hatte sie den Schah in Teheran gesehen, wenn er im Auto durch die Stadt fuhr. Als sie in Paris studierte, lud der iranische Botschafter für einen Empfang einige Studenten ein. Aufgeregt und glücklich sei sie gewesen, als sie dem Schah vorgestellt wurde, sagt sie. Überrascht habe er reagiert, als sie sagte, sie studiere Architektur; in Iran gab es damals nur eine einzige Architektin. In den Zeitungen stand, der Schah wolle wieder heiraten. Zwei Ehen hatte er hinter sich, zuletzt mit Soraya, aber der männliche Nachwuchs und potentielle Thronerbe blieb ihm versagt. Ihre Freundinnen witzelten, warum nicht sie, Farah Diba, sie sei doch so hübsch. Dann machte sie in Teheran Urlaub. Ihr Onkel arbeitete am Hof Seiner Majestät und stellte sie dem Mann der ersten Tochter des Schahs vor, Prinzessin Schahnaz. Sie wollte sich bei ihm um ein Stipendium bewerben, und er lud sie nach Hause ein. „Als ich sie besuchte, kam der Schah.“

Im Marmorpalast: Farah Diba schreitet am 21. Dezember 1959 die Treppen zur Hochzeit hinan. © Mauritius

Einfach und ungekünstelt hatten sie sich unterhalten. Sie trafen sich wieder, dann machte er ihr den Antrag. Als Königin, so sagte er, werde sie Verpflichtungen haben. „Die Dimension dieser Verantwortung habe ich nicht geahnt.“
Die Studentin Farah Diba, gerade 21 Jahre alt, heiratete am 21. Dezember 1959 den Schah von Persien. 1967 wurde sie von ihm zur Kaiserin, zur Schahbanu, gekrönt.

Der Schah Reza Pahlavi mit seiner Gattin Fara Diba. © Intertopics

Nun saßen beide auf dem legendaren Pfauenthron. Nadir Schah hatte den Herrschersessel aus Blattgold, der mit 26.733 funkelnden Edelsteinen besetzt war, im Jahr 1739 von den indischen Moguln erbeutet und nach Teheran gebracht. Farah Pahlawi, wie sie nun hieß und wie sie sich noch immer nennt, war so etwas wie die Lady Di ihrer Zeit. Millionen verfolgten, wie sie in einem muslimischen Land die Rechte der Frau verbessern half. Millionen in aller Welt imitierten ihre Hochsteckfrisur.

Mit Kindern: Farah Diba mit (von links) Farahnaz, Cyrus Reza und Reza Pahlawi. © Intertopics

„Sie hatten ja so viel Sympathie für mich“, sagt sie, „haben sich für mich interessiert, haben mir geschrieben, haben mir gratuliert, und das hat mir eine Menge Mut und Kraft gegeben.“ Heute sei sie, nach so vielen Höhen und Tiefen, auch müde und niedergeschlagen. Aber den Mut verliere sie nicht. Jeden Tag beschäftigt sie sich mit ihrem Heimatland. Gleich am Morgen schaut sie in ihre Mails. Den ganzen Tag über folgt sie iranischen Nachrichten, im Internet und bei einigen Satellitensendern aus Los Angeles und London. Sie lebt mit iranischer Musik und informiert sich bei Besuchern und am Telefon über die Lage. „Ich weiß, was in Iran geschieht.“ Sie will daher nicht allzu viel über die Vergangenheit reden, sondern über Iran heute – und sie will den Menschen Mut machen.

Auf dem Glastisch vor ihr, zwischen den Tauben des Bildhauers Keyvan Fehri, liegen zwei Kataloge. Der eine, „The Perfume of Niavaran“, wurde in Teheran vor zwei Jahren veröffentlicht. Er zeigt die private Sammlung der Kunstobjekte der Kaiserin aus dem Niavaran-Palast. Das andere, aus dem Jahr 2005, zeigt einen Querschnitt der Bilder aus dem Teheraner „Museum für zeitgenössische Kunst“. Der Museumsbau, entworfen von ihrem Cousin Kamran Diba, greift die Tradition der persischen Windtürme auf, die jeden kühlenden Windhauch einfingen und in die Wohnräume nach unten senkten. Das Museum war auf ihre Initiative hin gegründet und kurz vor der Revolution eröffnet worden. Es sollte die Iraner mit ihrer eigenen Gegenwartskunst und der internationalen Kunst des späten 19. und des 20. Jahrhunderts vertraut machen. Unter der Leitung von Kamran Diba, aber auch von Kurator David Galloway, Dona Stein und dem Galeristen Tony Shafrazi wurden 1500 Gemälde und Drucke zusammengekauft – bei Sammlern, in Galerien und Auktionshäusern wie Sotheby’s und Christie’s. Während der Rezession in den siebziger Jahren kamen die Petrodollars dem Westen recht. An manche Preise erinnert sich Farah Diba noch heute: ein Roy Lichtenstein für 110.000 Dollar, ein Donald Judd für 40.000 Dollar, ein Andy Warhol („American Indians“, Acryl auf Leinwand, 50 auf 42 Zoll gros) für 27.000 Dollar. Die Mittel dazu stammten aus dem Staatshaushalt und von der staatlichen Ölgesellschaft.

Natürlich gehört die Sammlung der iranischen Nation.

Der Wert der Sammlung wird auf bis zu fünf Milliarden Dollar geschätzt. Das sei ein Vielfaches dessen, was damals ausgegeben wurde. Seit es den Katalog gibt, weiß die Welt, was in dem Teheraner Museum hängt und was dort in den Kellern an Schätzen verborgen ist. Alle sind dabei: Dali und Degas, Kandinsky und Klee, Monet und Munch, Picasso und Warhol. Dass der Schatz noch da ist, kommt einem Wunder gleich. Denn Revolutionäre haben einen Hang zum Bildersturm. In dem Museum, das erst wenige Monate vor dem Aufruhr fertiggestellt wurde, haben alle Exponate überlebt, bis auf das Porträt, das Andy Warhol von der Kaiserin angefertigt hatte. Es wurde nach der Revolution mit Messern zerschnitten. Die übrige Sammlung dämmerte im Keller des Museums rund dreieinhalb Jahrzehnte lang vor sich hin – fast unbeachtet von der Öffentlichkeit, bewacht vom immer gleichen Wächter, der schon der Schah-Familie gedient hatte. Nur selten fanden Exponate den Weg nach oben. „Mural on Indian Red Ground“, ein Gemälde von Jackson Pollock, rief auf einer Ausstellung in Japan Aufsehen hervor. Heute hat es einen Wert von mehr als 100 Millionen Dollar.

Mit allen Mitteln versucht Iran gerade, nicht mehr auf der „Achse des Bösen“ zu liegen. Dazu gehört ein Coup in der Kunst, an dessen Anfang die Kaiserin von damals steht: Die Islamische Republik will in einer kulturellen Charme-Offensive die Sammlung auf Tournee schicken. Gespräche mit den führenden Museen der Welt haben begonnen. Auch in Deutschland konnten die Werke bald zu sehen sein. Farah Diba erfüllt das mit Stolz. Denn alle werden dann endlich über das größte Museum für zeitgenössische Kunst außerhalb der westlichen Welt sprechen. Sie hofft aber, dass auch iranische Künstler, aus der Zeit vor 1979 und danach, gezeigt werden; darin ist sie sich einig mit offiziellen Vertretern Irans. Und sie hofft auch, dass die Sammlung intakt bleibt und nicht einzelne Objekte verkauft werden. „Die Welt will sehen, was es in Iran gibt, und wird daher sehr glücklich sein, wenn sie diese Sammlung sieht“, sagt sie. „Dass die Sammlung auf der ganzen Welt gezeigt wird, bedeutet jedoch nicht, dass sich in Iran die Dinge verändert haben.“ Da ist etwas von der Bitterkeit zu spuren, die seit der Revolution vermutlich noch gewachsen ist. Die Islamische Republik müsse dafür sorgen, dass in Iran niemand mehr leidet, sagt sie. Filmemacher haben Berufsverbot, Journalisten sind inhaftiert, Maler und Bildhauer arbeiten in Kellern, und im Land der großen Dichter Hafez und Saadi werden Autoren ins Gefängnis geworfen. Nach Angaben von Amnesty International wurden im ersten Jahr der Präsidentschaft von Hassan Rohani 817 Menschen durch Erhängen hingerichtet. Vorübergehend war sogar traditionelle iranische Musik verboten. „Die islamische Regierung hat es aber trotz allen Drucks und aller Zensur nicht geschafft, die Kreativität der Künstler zu ersticken.“ Sie will nicht daran glauben, dass sich die Islamische Republik unter Rohani, der seit 15 Monaten im Amt ist, öffnet. „Als Rafsanjani 1989 Präsident wurde, hieß es, er sei ein Gemäßigter. Dann sagte man über seinen Nachfolger Khatami, er sei ein Reformer. Nichts geschah. Dann Ahmadineschad. Ich sollte nicht lachen, sondern weinen. Nun Herr Rohani. Wer ist er?“ Auch wenn er einiges sage, was offener klinge, verändere sich die Wirklichkeit nicht. Die Menschen freuten sich selbst über kleine Lockerungen. Andern müsse sich aber das System.


Wir brauchen Demokratie und eine Trennung von Regierung und Religion.

Viele Junge und Alte respektierten die Religion nicht mehr. Die Macht liege aber beim Obersten Führer Khamenei und bei den Revolutionswächtern, und die erhöhten wieder den Druck auf die Frauen. „Dabei sind die iranischen Frauen so stark“, sagt sie begeistert. „Wie im Musikvideo ,Happy‘, haben Sie das gesehen?“ Überall auf der Welt tanzte man in diesem Jahr zum Song von Pharrell Williams, auch in Iran. Das Musikvideo zeigt, wie junge Frauen ohne Schleier mit jungen Männern auf Balkonen in Teheran tanzen. „Dann steckte man sie ins Gefängnis.“ Die Frauen, sagt sie, litten mehr als alle anderen – wegen der Beleidigungen, der Steinigungen, der Polygamie. „Iran kann doch mit seiner Kultur und Zivilisation nicht ein solches Regime haben!“

Kaiserin Farah Diba 1970. © ddp images / Camera Press

Das Atomprogramm in der Hand der Islamischen Republik findet sie gefährlich. Gewiss, schon der Schah habe es mit amerikanischer Hilfe zur friedlichen Energiegewinnung angestoßen, um das teurer werdende Erdöl zu exportieren und nicht zu verfeuern. Und sie gesteht der „islamischen Regierung“ auch zu, dass sie – als Antwort auf die schnell wachsende Bevölkerung – neue Energiequellen finden wolle. Seit der Revolution hat sich die Bevölkerung auf 75 Millionen mehr als verdoppelt. Positive Folgen der Sanktionen sieht sie indes nicht: „Viele leben unter der Armutsgrenze, die Preise sind unglaublich, die Korruption nimmt zu, auch die Prostitution, und die Rauschgiftsucht ist furchtbar. Alles hat mit Khomeini begonnen. Sie haben so viel Unglück im Namen der Religion gebracht. Und die Iraner mussten es durchstehen.“ Die amerikanische Nahostpolitik der Vergangenheit sieht sie kritisch: „Wir sehen, was der islamische ‚grüne Gürtel‘, mit dem Amerika das Vordringen der Sowjetunion und des Kommunismus hatte verhindern wollen, angerichtet hat.“ Amerika sei an sicherem und preiswertem Öl interessiert gewesen. „Amerika braucht das Öl heute vielleicht nicht länger. Für Europa aber ist die Sicherheit und Stabilität dieser Region wichtig, Europa braucht unseren Teil der Welt.“ Der Westen wisse aber nicht so genau, wie er mit Iran umgehen soll. „Es ist in seinem Interesse, wenn Iran ein ordentliches Land ist und die Region friedlich.“ Die Revolution habe ja gezeigt, dass das wichtigste Land der Region das Potential für Veränderungen hat. Die meisten Iraner seien jung und wollten einen Wandel. „Durch das Internet wissen sie, wie die Welt ist, und sie wissen, wie Iran früher war, vor 35 Jahren. Und sie fragen immer mehr: Wo stünde Iran heute, hatte es die Revolution von 1979 nicht gegeben?“ Von einer ausländischen Intervention halt sie aber nichts. Der Wandel müsse von innen kommen. „Es kümmert das Ausland doch nicht, wie es den Frauen in Iran geht.“ Dem Ausland gehe es um die eigenen Interessen. Bei einer Intervention von außen stünden die Menschen wieder hinter dem System, wie man es im Krieg gegen den Irak gesehen habe. Aus solchen Worten hört man die Verärgerung über das zwiespältige Verhältnis des Westens zur Schah-Familie.


1939

Ehe mit Fawzia

1951

Ehe mit Soraya Esfandiary

1959

Ehe mit Farah Diba

1960

Geburt von Reza Cyrus Ali

1963

Geburt von Prinzessin Faranaz

1966

Geburt von Prinz Ali Reza

1970

Geburt von Prinzessin Leila


Nach der Flucht aus Teheran suchten die Pahlawis verzweifelt in mehreren Ländern nach einer Bleibe. Das Trauma, das die Vertreibung auch bei ihren Kindern hervorrief, lässt sich an den Schicksalsschlägen erahnen. Zwei Kinder der Kaiserin begingen Suizid: Leila Pahlawi, 1970 geboren, starb im Juni 2001 durch Tabletten; Ali Reza Pahlawi, 1966 geboren, erschoss sich Anfang 2011 in Boston. Vom amerikanischen Bundesstaat Maryland aus kämpft ihr ältester Sohn Reza, der 1960 geboren wurde, für die Demokratie, für die Trennung von Staat und Religion sowie für die Menschenrechte in Iran. Er will seinem Vater auf den Pfauenthron nachfolgen. Farah Diba empfindet das nicht als Machtanspruch, sondern als Traditionspflege. Sie hält die Monarchie weiter für eine gute Option. Nicht weil es um ihren Sohn gehe, sondern weil das Land 2500 Jahre Monarchie hinter sich habe und der König als Vater der Nation immer über den politischen Parteien gestanden habe. „Wenn das iranische Volk frei ist, kann es entscheiden, ob es eine konstitutionelle Monarchie mit Demokratie, freien Wahlen und Säkularismus will oder eine andere Regierungsform.“ Dann könnten die Menschen frei die Regierungsform wählen. Manchmal dachten die Leute, Republiken seien demokratisch, Monarchien nicht. „Aber in Europa gibt es Monarchien, die demokratischer sind als viele Republiken, vor allem in unserem Teil der Welt.“ Dann spricht sie doch über die Vergangenheit. „Ich sage nicht, dass wir keine Fehler gemacht haben.“ Diese Fehler hatten aber nicht eine solch schreckliche Revolution verdient. Der entscheidende Fehler sei wohl gewesen, dass der Schah die politische Öffnung des Landes zu spät eingeleitet habe, erst in den letzten beiden Jahren. „Hätten wir zu Beginn der Siebziger angefangen, hätten wir eine starke politische Partei gehabt – nichts wäre geschehen.“

In Persien ist die Begeisterung groß: Kaiserin Farah Diba hat im Oktober 1960 Kronprinz Cyrus zur Welt gebracht. Der Schah nimmt ein Bad in der begeisterten Menge und verkündet Reformen. © history-vision.de

Die Mehrheit sei lange mit dem Schah glücklich gewesen. „Wir waren aber nicht so gut organisiert wie jene, die gegen uns waren.“ Die Religiösen organisierten sich in den Moscheen, sie kämpften gegen ihren Machtverlust, da die Regierung junge Menschen in die Dörfer schickte, die Geistliche ersetzten. Gut organisiert waren auch die Kommunisten, die mit der Sowjetunion verbunden waren, ebenso die „Volksmudschahedin“, die Fadayan Khalq und einige Unterstützer Mossadeghs. „Vielleicht hat es uns auch geschadet, dass es hieß, der Schah sei der ‚Adler der Opec‘ und herrsche über die westliche Wirtschaft“, sagt die ehemalige Kaiserin. Überzeugt ist sie davon, dass westliche Staaten Khomeini geholfen haben, um den Kommunismus abzuwehren. Noch immer ist sie fassungslos: „Selbst Gebildete sagten allen Ernstes, sie hatten Khomeinis Gesicht im Mond gesehen.“ Khomeini aber versprach den Menschen das Blaue vom Himmel: „Öl, Autos, Lebensmittel – alles sollte es kostenlos geben.“ Dabei hatten die großen iranischen Schriftsteller seit mehr als 1000 Jahren über die Heuchelei und die Lügen Religioser geschrieben. „Wie kann man auf den Gedanken kommen, dass so jemand Freiheit bringt? Ich weiß es wirklich nicht.“ Mit der Revolution habe im Nahen Osten der Fanatismus begonnen. „Die Religion wurde missbraucht und ist nur ein Vorwand, wie vor Jahrhunderten in Europa.“ War unter dem Schah alles besser?

Da demonstrieren die Studenten schon: Der Schah und seine Frau besuchen am 2. Juni 1967 die Deutsche Oper in Berlin. © Ullstein

In Deutschland bleibt der Besuch des Monarchen und seiner Frau im Jahr 1967 im kollektiven Gedächtnis. Vor allem Studenten demonstrierten gegen das absolutistische Regime und seine scheinbare Verschwendungssucht – und prügelten sich am 2. Juni 1967 vor dem Schönberger Rathaus und anschließend vor der Deutschen Oper mit Schah-Anhängern und Polizisten.

Berliner Studenten demonstrieren gegen das absolutistische Regime in Persien, Sympathisanten des Schahs prügeln zurück. © history-vision.de

Als das Paar in der Deutschen Oper unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen Mozarts „Zauberflöte“ hörte, wurde draußen der Student Benno Ohnesorg getötet – was fortan als Beginn der Studentenunruhen des Jahres 1968 galt. „Jahrzehntelang sind wir dafür angegriffen worden“, sagt Farah Diba verbittert. Dabei habe man doch herausgefunden, dass der Polizist, der Ohnesorg erschoss, ein Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war.

Während der Schah die „Zauberflöte“ sieht: Benno Ohnesorg liegt tödlich verletzt am Boden, Friederike Dollinger kniet neben ihm. © Paul G. Hermann

Heute ist Farah Diba wieder sehr populär. „Damals war die Presse mit ihren linken Einstellungen gegen uns, sie sprachen nur über Paläste aus 1001 Nacht – dabei hatten wir, vergleicht man es mit anderen Monarchen, doch keinen Luxus!“ Offenbar blendete die iranische Kunst, Räume mit zahllosen Spiegeln auszustatten, die Besucher. Die vielen kleinen Spiegel sollten das Licht der Sonne reflektieren, eingefasst von Stuckarbeiten und ungezählten Mosaiksteinchen in allen Schattierungen von Blau. „Und Teppiche sind doch kein Luxus, sondern nur unsere Kultur.“

Am Tag danach: Polizei eskortiert die Schah-Limousine am 3. Juni 1967 vom Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel in die Stadt. © ddp images / Camera Press

Viele Iraner, sagt sie, seien damals zu ihr gekommen. Sie erfuhr von den Problemen der Kinder und Frauen, der Kranken und der Blinden, sie kümmerte sich um Bildung, Kultur und Sport. „Ich war in einer Position, in der ich helfen konnte.“ In die Außenpolitik mischte sie sich nicht ein. Vor allem bei der Frage nach den Rechten der Frauen hörte der Schah aber auf sie. „Und mit meiner Krönung zur Kaiserin wollte er zeigen, wie wichtig Frauen in unserer Gesellschaft sind.“ Stolz ist sie auf die Reformen, die sie in den sechziger Jahren mit angestoßen hat. Da war die Landreform, die Großgrundbesitzer und Religiöse gegen den Schah aufbrachte. Dabei gingen junge Männer und Frauen zum ersten Mal in entlegene Gebiete, als Lehrer und Ärzte. Dort traten sie an die Stelle der religiösen Autoritäten. Dann erhielten die Frauen Rechte. Sie durften nun wählen und gewählt werden. Die Polygamie wurde gesetzlich verboten. Frauen bekamen einen gerechten Lohn, Mütter bei der Scheidung das Sorgerecht für die Kinder. Den Frauen war nun jede Position offen. „Alles wurde zurückgenommen, nur nicht das Wahlrecht“, klagt sie. Die Zeugenaussage eines Mannes wiege heute die zweier Frauen auf. Das Blutgeld, das die Angehörigen eines Täters an die Familie eines männlichen Opfers zu zahlen haben, ist doppelt so hoch wie das für eine Frau. Auch die Familienplanung wurde abgeschafft. „Können Sie das glauben? Das ist sehr traurig.“ Einiges heftet sich die Islamische Republik an ihre Theologentalare, etwa den Dialog der Zivilisationen. „Dabei hatte ich diese Institution 1976 geschaffen, um die Beziehungen Irans zur Welt zu pflegen.“ Später sollte sie Präsident Khatami für sich beanspruchen. „Er hätte lieber einen Dialog mit seiner eigenen Zivilisation führen sollen“, sagt sie bitter. Versöhnlich stimmt sie, dass heute immer mehr Iraner, wenn der Name des Schahs fällt, die Wendung hinzufugen: „Möge Gott seine Seele segnen!“ Und: „Möge Licht auf sein Grab fallen!“ Jedes Jahr besucht sie am 27. Juli, dem Todestag, sein Grab in der historischen Rifai- Moschee in Kairo. Dort war der krebskranke Schah, der 1919 geboren wurde, im Jahr 1980 gestorben.


Ich hoffe immer, dass wir ihn eines Tages zurückbringen können nach Iran.

So viel Unsinn werde noch immer über ihn und sie erzählt, über ihr angebliches Vermögen etwa, klagt sie. 14 Jahre lang habe die Islamische Republik Rechtsanwälte beschäftigt, um dieses Vermögen zu finden. „Sie fanden nichts, keine Beweise, sie wollten nur unseren Ruf ruinieren.“ Heute lebe sie dank der Hilfe von Menschen, die ihr nahestehen. Privat wird sie gelegentlich von gekrönten Häuptern Europas und der arabischen Welt empfangen. In Frankreich hat sie die Präsidenten Mitterrand, Chirac und Sarkozy getroffen. Noch immer hört sie klassische westliche Musik. Die Oper besucht sie kaum noch, auch spielt sie kaum mehr Klavier. Als Luciano Pavarotti in den Vereinigten Staaten eine Stiftung gründete, um den Menschen einen kostenlosen Besuch in der Oper zu ermöglichen, machte sie mit. „Musik war in meinem Leben immer sehr wichtig, und die deutschen Komponisten sind ja phantastisch.“ Grossartig seien die Deutschen aber auch im Fußball: „Wie Mario Götze den Ball mit der Brust angenommen und dann volley das Tor geschossen hat, das war phantastisch!“ Überhaupt hilft ihr der Sport, dass keine Bitterkeit in ihr aufkommt. Aktiv zu sein, das halte die Gedanken von vielem fern. „Sport hilft einem, dass es weitergeht.“ Sie spielte einst Basketball und war Triathletin. Immer wenn sie müde und ausgelaugt war, spielte sie Tennis und fühlte sich besser. Daher setzt sie sich – neben dem Fundraising für karitative Zwecke – dafür ein, dass Kinder in armen Ländern die Gelegenheit bekommen, Sport zu machen. „Denn wenn Kinder nichts tun, nur auf der Straße sind, werden sie Gangster. Sportler aber sind Helden.“


Farah Diba über die Monarchie. © Helmut Fricke

Farah Diba über Irans Präsidenten nach der Revolution. © Helmut Fricke

Farah Diba über die Gründe der Revolution. © Helmut Fricke

Farah Diba über Kunst und Kultur. © Helmut Fricke

Farah Diba über die die Nuklear-Problematik. © Helmut Fricke

Noch immer hält sie Kontakt zu iranischen Künstlern und zu Galerien, in New York und in Paris. Es berühre sie, wenn ihr die Künstler sagten, dank ihrer Vorarbeit könnten sie das machen. Die Zahl der Maler und Bildhauer aus Iran hat stark zugenommen. Sie stellen vor allem in Dubai aus. „Es ist doch phantastisch, wenn sie heute Preise von einer Million Dollar erzielen, wenn sie im Metropolitan Museum ausstellen.“ Die Grundlage dazu legte Farah Diba mit dem Museum für zeitgenössische Kunst, in dem sie das Erbe der 2500 Jahre alten persischen Kultur bewahrte und zeitgenössische Künstler unterstützte. Wer damals in Iran Geld hatte, kaufte alte Kunst, nicht zeitgenössische. Sie aber ging in Galerien, ermutigte staatliche Behörden, statt hässlicher Möbel moderne Kunst zu kaufen. Und sie regte den Bau von Museen an, auch in der Provinz. Am bekanntesten wurde das Museum für zeitgenössische Kunst. Nur eben der Warhol wurde zerstört. Und das 1953 fertiggestellte Ölgemälde „Woman III“ von Willem de Kooning wurde, da es als „unislamisch“ galt, ausgetauscht gegen das Fragment des Manuskripts „Tahmasbi Shahname“ aus dem 16. Jahrhundert – einer Handschrift, die als die schönste ihrer Art galt. Sein amerikanischer Besitzer hatte sie Iran 1970 für 20 Millionen Dollar verkaufen wollen. Das war Iran zu viel. So verkaufte er die besten Miniaturen aus dem Manuskript einzeln. Für den Rest wollte er sechs Millionen Dollar. Die Islamische Republik wollte das nicht zahlen, sondern tauschte den de Kooning gegen das Manuskript. Der neue Besitzer aber verkaufte das Gemälde 1994 für 20 Millionen Dollar an David Geffen, und der verkaufte es 2006 für 142 Millionen Dollar an Steven Cohen. Das hat Farah Diba beunruhigt. Sie glaubt aber nicht, dass die islamische Regierung weitere Stücke verkaufen oder abstoßen wird. „Denn die Menschen sind inzwischen sehr an dem interessiert, was wir haben.“ Ob sie die Sammlung, wenn sie in Paris gezeigt wird, sehen will? „Ja, aber nicht, wenn der iranische Botschafter auch da ist.“ Die Ausstellung solle keine Werbung für die Islamische Republik sein, und die Besucher sollten nicht vergessen, was den Iranern angetan werde. An einer Karikatur, die in ihrer Wohnung hängt, fehlt auf der rechten Seite der Holzrahmen. In der Karikatur wurde das Holzstück aus dem Rahmen zum Boot, das die Fliehenden auf die offene Seite hinaus in die Freiheit führt. „Kunst wird kreativer, das ist leider so, wenn man in einer schwierigen Zeit lebt“, sagt Farah Diba. Sie leidet für alle, die in Iran leben. An eine Rückkehr denkt sie nicht. „Mehr als um mich geht es darum, dass Iran von diesem Regime frei sein wird.“

Thiemo Heeg (links) und Rainer Hermann © Helmut Fricke

THIEMO HEEG und RAINER HERMANN waren 12 und 22 Jahre alt, als sie am Fernseher verfolgten, wie der Schah von Persien und Kaiserin Farah Diba 1979 das Land verließen. Auf seinen vielen Reisen nach Iran besuchte Hermann den Niavaran-Palast, den die Pahlawis bewohnt hatten, und das Museum, in dem Pfauenthron und Kronjuwelen ausgestellt sind. Weil Heeg davon erfuhr, dass das Regime Farah Dibas kostbare Kunstsammlung jetzt auf Welttournee schicken will, trafen die beiden Redakteure dieser Zeitung in Paris nun die Frau, die einst die Kronjuwelen trug. Sie vermisse den Glanz von damals nicht, sagt Farah Diba heute ohne Bitterkeit. Für ihre Ausstrahlung braucht sie ihn ohnehin nicht.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 27.11.2014 12:09 Uhr