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Family Playdates : Spiel ohne Grenzen

Arrangierte Treffen zum Spielen für einheimische und geflüchtete Kinder – So funktionieren die Family Playdates. Bild: Michael Kretzer

Fast jedes vierte Flüchtlingskind hat keinen Zugang zu Freizeitangeboten. Integration gelingt so nicht. Die Organisation Family Playdates hat eine Lösung, wie sie in Frankfurt spielend Anschluss finden.

          Wenn die beiden Fünfjährigen Leon und Kawa im Sandkasten eines Spielplatzes um die Wette robben, fällt das in einer multikulturellen Stadt wie Frankfurt zunächst nicht weiter auf. Doch diese Freundschaft ist eine besondere – denn Kawa ist eines von mehr als 300.000 Kindern, die seit dem Jahr 2015 als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Bis vor zwei Jahren lebte er in der syrischen Stadt Amude. Seine kurdische Familie floh mit ihm vor Krieg und Verfolgung über die Türkei nach Deutschland, Kawa an der Hand seiner Mutter, sein heute vierjähriger Bruder Jamil auf ihrer Brust. An der türkischen Grenze wurde die Familie getrennt – Kawas heute sechsjähriger Bruder Ebrahim und sein Großvater wurden aufgehalten und zurück nach Syrien geschickt. Seitdem lebt die Familie in ständiger Angst um die in der Heimat Verbliebenen. Wenn Kawas Vater Ahmad Hame von seinem ältesten Sohn und seinem Vater spricht, senkt sich sein Blick, er wird still und scheint für einen Moment ganz woanders zu sein.

          In Deutschland erging es der Familie bisher gut, sie konnten ankommen, neu anfangen: Sie haben eine Wohnung gefunden, die Kinder gehen in den Kindergarten, und Ahmad Hames Frau Amira ist im achten Monat schwanger. Doch manchmal vermissen die beiden Söhne den großen Bruder und den Großvater: „Papa, können wir nicht nach Syrien, Opa und Ebrahim besuchen?“, fragen sie dann. Doch es gibt kein Zurück – die alte Wohnung in Amude steht nicht mehr. „Kaputt“, sagt Ahmad Hame, „in Syrien alles kaputt“.

          Die Angst um die in Syrien gebliebenen Verwandten und Freunde ist nicht das einzige Problem, das sich Geflüchteten in Deutschland stellt. Vor allem Kinder und Jugendliche in Flüchtlingsunterkünften stehen oft vor Schwierigkeiten. Eine Studie des Kinderhilfswerks Unicef aus dem Jahr 2017 ergab, dass knapp ein Viertel der Flüchtlingskinder keinen Zugang zu Freizeit-, Kultur- oder Sportangeboten hat – oft, weil sich ihre Unterkunft abgelegen am Rand der Stadt befindet. Die Möglichkeit, die Neuen auf diesem Weg in Deutschland zu integrieren, sind daher gering.

          Die Idee basiert auf persönlichen Erfahrungen

          Die Bereitschaft der Menschen in Deutschland, den Geflüchteten zu helfen und sie willkommen zu heißen, ist häufig da. Doch vielen fällt es zwischen Beruf, Familie und Haushalt schwer, die Zeit zu finden, um sich zu engagieren. Für dieses Problem haben Agnesa Kolica und Tina Roeske mit der gemeinnützigen Organisation Family Playdates eine Lösung gefunden. Das Herumtollen von Leon und Kawa und das Beisammensitzen ihrer Mütter im Sandkasten ist keineswegs ein zufälliges Aufeinandertreffen – es ist ein sogenanntes Playdate, ein arrangiertes Treffen zum Spielen. Und es wäre ohne die Organisation wahrscheinlich nie zustande gekommen.

          Seit 2016 bringt Family Playdates geflüchtete und lokale Familien zusammen. Durch gemeinsames Spielen der Kinder und den Austausch zwischen den Eltern sollen persönliche Begegnungen von alten und neuen Bewohnern Frankfurts entstehen. Seitdem konnte das Frankfurter Projekt, das durch die Plattform Social Impact Lab vom AndersGründer-Stipendium gefördert wird, mehr als 100 Menschen zusammenführen. Vor zwei Jahren stieß auch Leons Mutter Julia Tzschätzsch über Facebook auf Family Playdates und war von der Idee auf Anhieb begeistert. „Anfangs habe ich in einer Flüchtlingsunterkunft Deutsch unterrichtet, doch irgendwann ist mir das neben Vollzeitjob und Kindern über den Kopf gewachsen“, sagt sie. Mit Family Playdates fand sie vor zwei Jahren die Möglichkeit, Alltag und Engagement zu kombinieren – und baute mit ihrer Familie seither eine Freundschaft zu Ahmad Hames Familie auf.

          Die Idee zu Family Playdates basiert auf persönlichen Erfahrungen der Gründerin Tina Roeske, die mit ihrer Familie einst aus beruflichen Gründen nach New York zog. Die Wissenschaftlerin des Max-Planck-Instituts war in der Stadt ihrer Träume – und fühlte sich dennoch nicht zu Hause. Erst nachdem sie dort andere Familien mit gleichaltrigen Kindern kennenlernten, konnten sie richtig ankommen. Als sie vor drei Jahren nach Deutschland zurückkehrte und 2015 Tausende von Flüchtlingen ins Land kamen, wollte sie auf diesen Erfahrungen aufbauen und die Neuankömmlinge unterstützen. „Wenn es für uns so schwer war, wie ist es dann für Menschen, die nicht freiwillig ihre Heimat verlassen haben und die nicht die Landessprache sprechen?“, fragt Tina Roeske.

          Das Interesse am Projekt ist groß

          Auch Agnesa Kolica, die wöchentlich etwa 50 Stunden in das Projekt investiert, kennt die Schwierigkeiten, die Menschen in einem Land fern der Heimat zu bewältigen haben. Sie kam als Kind aus dem Kosovo nach Deutschland. „Gerade wenn man aus einem Land kommt, in dem Krieg herrscht, ist es sehr schwer. Da sitzt man zu Hause und wartet auf Nachricht darüber, ob die Verwandten es über die nächste Grenze geschafft haben oder gar noch leben“, sagt Agnesa Kolica.

          Das stetig wachsende Team um die beiden Gründerinnen setzt sich aus engagierten Freiwilligen mit und ohne Migrationshintergrund zusammen. Gemeinsam haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, die am Projekt teilnehmenden Familien nach Alter der Kinder, Wohnort und Sprachen zueinander zu führen und begleiten auch die ersten Treffen. Das Interesse am Projekt ist sowohl seitens geflüchteter Familien als auch lokaler Familien groß, viele müssen zunächst auf eine Warteliste. Um die zu verkürzen, nahm das Projekt an der Crowdfunding-Kampagne des Deutschen Integrationspreises teil und sammelte 20.138 Euro – genug Geld, um 30 bis 40 weitere Familien zusammenzubringen.

          Familien wie die von Leon und Kawa. Gemeinsam sitzen die beiden im Sandkasten und tüfteln an einer großen Sandburg. Ihnen ist es egal, woher der andere kommt und wie er aussieht. Nur manchmal, da fragt Leon seine Mutter, was denn eigentlich Krieg sei.

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