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Streit in der WG : Die Eltern der Anderen

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Typische WG-Situation: Ein Becher, fünf Zahnbürsten. Blöd nur, wenn eine dem Papa der Mitbewohnerin gehört. Bild: mauritius images

Wenn es in einer Wohngemeinschaft Stress gibt, ist das ungeputzte Badezimmer ein plausibler Grund. Oder der leere Kühlschrank. Aber ausgerechnet die regelmäßigen Besuche der Eltern?

          Freiheit, Selbstbestimmung und endlich keine kritischen Blicke mehr, wenn man sonntags mal verkatert am Frühstückstisch sitzt: Mit dem Auszug aus dem Elternhaus beginnt für junge Leute ein ganz neuer Lebensabschnitt. Und da man sich ja nur von den Eltern und nicht etwa von der gesamten Menschheit emanzipieren möchte, entscheiden sich laut einer Umfrage des Deutschen Studentenwerks mit 29 Prozent die meisten dafür, in einer Wohngemeinschaft zu leben. So wie auch Louisa Wolf*, als sie zum Studienbeginn von der Klein- in die Großstadt zog. Ihre Wahl fiel auf eine Zweier-WG, und sie freute sich schon auf das Abenteuer des Zusammenlebens mit einer Studentin im gleichen Alter. Doch da hatte sie die Rechnung ohne die Eltern der Mitbewohnerin gemacht. Denn die lebten zwar eigentlich auf dem Land, ließen jedoch keinen Anlass aus, um die Tochter in der Großstadt zu besuchen und sich regelmäßig für mehrere Tage in deren Wohnung einzuquartieren.

          Als Gäste fühlten sich die Eltern der Mitbewohnerin dabei keineswegs. Vielmehr schafften sie es, den Spieß umzudrehen. Etwa als der Vater sich nach einer geplanten ambulanten Operation in der Wohnung erholte. „Da hat meine Mitbewohnerin mich sogar mal vorher gefragt“, erzählt Wolf. „Doch sie meinte, es wäre nur für eine Nacht - am Ende war es länger als eine Woche.“ Das Wohnzimmer als Gemeinschaftsraum fiel somit weg, denn auf der Couch wurde das Krankenlager des Vaters eingerichtet, und auch die Mutter sowie zwei Geschwister quartierten sich noch in der kleinen Drei-Zimmer-Wohnung mit ein. Die verließ der Anhang wegen der Pflege des Vaters in der Zeit so gut wie gar nicht.

          „Das ist natürlich ein Extremfall“

          Doch ein schlechtes Gewissen deswegen oder eine Absprache mit Wolf, um ihren Tagesablauf etwas zu berücksichtigen, gab es nicht. Die Studentin wurde zum Gast in der eigenen Wohnung, zu einem Schatten, der eher durch die Gemeinschaftsräume huschte, als sich dort aufzuhalten, und während des Besuches nur zum Schlafen wirklich in der Wohnung war. Denn da die vielen Menschen die Küche dauerhaft besetzten - zum Quatschen, Lesen oder Kochen -, zog sie es vor, auswärts zu essen. Und auch ihr Wecker klingelte während der Familienbesuche immer extra früh, so dass sie in Ruhe duschen konnte - ohne Schlange vor der Badezimmertür.

          All das, weil sie es als unangenehm empfand, der Familie in die Quere zu kommen: „Ich kannte die alle ja überhaupt nicht“, begründet es Wolf, mittlerweile 25, heute. „Und meine Mitbewohnerin wohnte bereits vor mir in der Wohnung. Die Familie war also auch schon zu Besuch gekommen, als ich dort noch gar nicht gelebt habe, weswegen ich mich dann eher wie der Eindringling gefühlt habe.“ Nach drei Monaten, in denen sich die Familie der Mitbewohnerin immer mal wieder ankündigte, reichte es ihr dann: Wolf packte die Koffer und suchte sich eine andere Wohngemeinschaft.

          „Das ist natürlich ein Extremfall“, sagt Ronald Hoffmann, der als Referatsleiter der Studienberatung der Universität Hamburg selbst schon erlebt hat, dass Eltern zu stark in das WG-Leben ihrer Kinder eingreifen. Dabei steht für ihn die korrekte Rollenverteilung bei so einem Besuch außer Frage: „Eltern müssen sich ihrer Gastrolle in der Wohnung der Kinder unbedingt bewusst sein und sich dann auch so verhalten.“ Fallen sie aus dieser Rolle heraus, sollten die eigenen Kinder sie daran erinnern.

          Denn gerade das Eindringen in die neu gewonnene Privatsphäre ist bei Elternbesuchen oft ein wunder Punkt. In der Regel scheint es deshalb ein ungeschriebenes Gesetz in den Wohngemeinschaften zu geben: Kommen die Eltern nur zu Kaffee und Kuchen, reicht eine Vorwarnung an die Mitbewohner. Ist eine Übernachtung geplant, muss das schon mit den anderen abgeklärt werden.

          Aber auch bei Sophie Wagner* wurde in der Dreier-WG die Mutter einer Mitbewohnerin zum Stressfaktor. Einmal war nach dem Besuch der klassischen Helikopter-Mama die Küche umgeräumt: „Kochlöffel, Toaster, Alufolie, alles stand auf einmal woanders“, berichtet Wagner kopfschüttelnd. „Ich musste also in meiner eigenen Küche erst mal auf die Suche nach vielen Utensilien gehen - das war schon ein krasser Eingriff in unsere Privatsphäre.“ Die dritte Mitbewohnerin habe das genauso gesehen, die Tochter der umräumwütigen Mutter sei sich jedoch keiner Schuld bewusst gewesen. Deshalb wollte Wagner daraus auch kein großes Ding machen. Sie sagte ebenfalls nichts, als die Mutter ihr und der dritten Mitbewohnerin einen Vortrag darüber hielt, warum eine Spülmaschine in der Küche doch viel sinnvoller wäre als eine Waschmaschine. „Dabei hatten wir uns in der WG schon demokratisch für eine Waschmaschine entschieden. Ihre Tochter hatte als Einzige für die Geschirrspülmaschine gestimmt“, so die Studentin immer noch sichtlich genervt.

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