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Fall Kachelmann : „Wir passen aufeinander auf“

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„Für unsere Hochzeit gab es keine prozessaktischen Gründe“: Jörg und Miriam Kachelmann Bild: Lüdecke, Matthias

Jörg und Miriam Kachelmann haben gemeinsam ein Buch geschrieben. Mit der F.A.S. sprechen sie über Rache, zweite Chancen und aufdringliche Leserreporter.

          Wenige Prozesse haben die Gemüter in Deutschland so sehr bewegt wie der gegen Jörg Kachelmann. Im März 2010 wurde der Moderator verhaftet, weil seine frühere Freundin Claudia D. ihn der schweren Vergewaltigung beschuldigte. 132 Tage verbrachte er in Untersuchungshaft. Die Verhandlung vor dem Landgericht Mannheim dauerte fast neun Monate, begleitet von einer medialen Schlammschlacht. Auch weil sich D. in Lügen und Widersprüche verstrickte, wurde Kachelmann im Mai 2011 freigesprochen.

          Nun hat Kachelmann, 54, gemeinsam mit seiner Frau Miriam, 26, ein Buch veröffentlicht - über das die beiden in der Berliner Dependenz ihres Verlags sprechen. Sie machen einen anhänglichen Eindruck, immer wieder halten sie sich während des Gesprächs an den Händen. Um den Hals trägt Miriam Kachelmann die Erkennungsmarke ihres Mannes aus seiner Zeit beim Militär. Oft, wenn Fragen kritischer werden oder ins Private gehen, antwortet sie für ihn.

          Herr Kachelmann, Ihre frühere Freundin Claudia D., die Sie mit ihrer Anzeige vor Gericht brachte, geht nun gegen Ihr Buch vor. Sie hat eine einstweilige Verfügung erwirkt, weil sie nicht mit vollem Namen genannt werden will. Haben Sie dafür Verständnis?

          Jörg Kachelmann: Nein.

          Anderthalb Jahre nach dem Prozess war es ruhig geworden, nun stehen Sie wieder im Rampenlicht. Wieso tun Sie sich das an?

          Jörg Kachelmann: Weil es nicht um mich geht. Es ist kein Ohder-arme-Kachelmann-Buch. Uns geht es um das Prinzip der Falschbeschuldigung. So etwas ist ja nicht nur mir passiert, sondern vielen anderen Prominenten und vor allem vielen Nichtprominenten, von denen man nie liest. Falschbeschuldigungen sind leider zu einer beliebten Waffe geworden. Man könnte fast von einem Massenphänomen sprechen.

          Sie übertreiben.

          Miriam Kachelmann: Nein, es ist nicht übertrieben. Früher, noch in den siebziger Jahren, mussten sich vergewaltigte Frauen anhören, sie seien selbst schuld: „Ziehen Sie sich doch nicht so aufreizend an!“ Heute ist man ins andere Extrem verfallen: Alle Vorwürfe werden geglaubt. Falschbeschuldigungen sind ein Tabuthema, es gibt sie in der öffentlichen Wahrnehmung nicht; unter anderem auch wegen Frau Schwarzer und Vereinigungen wie „Terre des Femmes“ und „Weißer Ring“, die schon Partei ergreifen, bevor feststeht, wer der Täter ist.

          Jörg Kachelmann: Zum Beispiel in Sorgerechtsfällen gehören Falschbeschuldigungen inzwischen zum Standardrepertoire. Eine todsichere Angelegenheit. Denn selbst wenn es am Schluss zu einem Freispruch kommt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau angeklagt wird, fast null. Eines der wenigen perfekten Verbrechen.

          Jörg Kachelmann will jetzt eine Stiftung gründen, die zu Unrecht beschuldigten Männern sowie Opfern von Vergewaltigungen helfen soll.

          Ursprünglich hatten Sie ein Buch mit dem Titel „Mannheim“ angekündigt. Nun heißt es „Recht und Gerechtigkeit“ und ist in einem anderen Verlag erschienen. Weshalb?

          Jörg Kachelmann: Naja, das ist in unserem, in meinem Leben so, dass es manchmal erst beim zweiten Mal richtig funktioniert.

          Miriam Kachelmann: „Mannheim“ hätte suggeriert, dass das ein spezifisches Problem in Mannheim wäre; ist es aber nicht.

          Jörg Kachelmann: Der Fokus des Buchs hat sich verlagert, mehr auf das Grundsätzliche hin. Wir wollten nicht, wie es vermutlich dem ersten Verlag vorschwebte, ein reines Einzelfall-Buch machen.

          Sie schreiben vom „sanften Übergang Deutschlands in einen Polizeistaat“ und vom „Justizwahnsinn“. Sehr pauschalisierend.

          Jörg Kachelmann: Das ist meine Nebenschiene im Buch: wie mit Untersuchungshäftlingen umgegangen wird, für die ja eigentlich die Unschuldsvermutung gelten sollte. Als braver Sohn eines deutschen Beamten hat mich das sehr überrascht. Dass in einem deutschen Gefängnis überall Kakerlaken, Ratten und hingeschmierte Hakenkreuze sind. Dass man in der ersten Nacht in eine verschissene Zelle gesteckt wird. Und mit einer Stunde Besuchszeit pro Monat ist es unmöglich, Beziehungen, gerade zu Kindern, irgendwie aufrechtzuerhalten. Wenn Sie das Leben eines U-Häftlings schon in den ersten Wochen zerstören, haben Sie später nichts mehr zu resozialisieren.

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