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Geschichte einer Künstlerin : In Moskau zu viele kritische Fragen gestellt

  • -Aktualisiert am

Fühlt sich willkommen: Faina Yunusova vor der Hochschule für Gestaltung in Offenbach Bild: Rainer Wohlfahrt

Die usbekische Videokünstlerin Faina Yunusova ist von der Stroganov-Akademie exmatrikuliert worden – jetzt studiert sie in Offenbach. Wie kam es dazu?

          3 Min.

          Das Video dürfte in der Moskauer Kunstszene für Aufregung gesorgt haben. Es ist nicht besonders aufwendig gedreht, doch schon der reißerische Titel macht neugierig. „Skandal – Exmatrikulation! Nackte Wahrheit über die Stroganov-Kunstakademie“: So wird die 15 Minuten dauernde Klagerede von Faina Yunusova gegen ihre ehemalige Universität angekündigt.

          Der Beitrag steht seit November 2016 auf der Videoplattform Youtube und wurde bisher mehr als 59.000 Mal aufgerufen. Zu sehen ist Yunusova selbst. Die junge Frau mit den kurzen schwarzen Haaren sitzt auf einem Bett. Sie gestikuliert wild und schaut fassungslos drein, während sie Sätze sagt wie diesen: „Ein Student der Stroganov-Universität ist ein kleines Licht, das weder eine Meinung, noch Recht, noch irgendwelche Wünsche haben kann.“ Ihre Exmatrikulation hält sie für eine Farce.

          Die Wutrede im Internet ist der Tiefpunkt eines Streits zwischen einer Studentin und ihrer Hochschule, der schon im Jahr 2010 begann. Auf Anraten des usbekischen Künstlers Vladimir Burmakin wagt die damals 18 Jahre alte Yunusova den Umzug von ihrer Heimatstadt Taschkent in die Metropole Moskau. Die ganze Familie hat zusammengelegt, um ihr den Traum vom Studium an der renommierten Stroganov-Akademie zu erfüllen.

          Der Wechsel von der Seidenstraße in die russische Hauptstadt ist für die junge Frau eine Reise ins Ungewisse. In Moskau hält sich Yunusova mit Nebenjobs über Wasser. „Zur damaligen Zeit lagen die Semestergebühren bei umgerechnet knapp 2000 Dollar. Ich habe als Restauratorin und Kunstlehrerin für Kinder gearbeitet“, berichtet sie. Auch an der Akademie selbst hat Yunusova es von Anfang an schwer. Nicht nur die starren Strukturen in den Malereikursen machen ihr zu schaffen. Als nichtethnische Russin fühlt sie sich oft von ihren Dozenten diskriminiert. Sie passt sich an, doch glücklich ist sie nicht.

          Das Jahr 2014 wird in doppelter Hinsicht zum Wendepunkt im Leben der jungen Künstlerin. Als sie von einem Studentenaustausch mit der Hochschule für Gestaltung erfährt, trägt sie sich auf eine Liste für den Auslandsaufenthalt ein. Aber als es losgehen soll, steht ihr Name nicht mehr darauf. Nur das Entgegenkommen der Offenbacher Hochschule habe ihr die Reise doch noch ermöglicht, berichtet Yunusova.

          Mit Absicht einen falschen Termin genannt

          Durch die Eindrücke aus Deutschland inspiriert, beginnt sie ihre Karriere als Youtuberin. In den ersten Videos berichtet sie über ihre Zeit in Offenbach, interviewt Moskauer Künstler und veröffentlicht kleine Reportagen über lokale Ausstellungen. An der Stroganov-Kunstakademie beginnt sie kritische Fragen zu stellen: „Ich habe die Prozesse hinterfragt. Das hat nicht allen gefallen. Es fing damit an, dass ich von den Lehrenden schlichtweg ignoriert wurde. Auch die Bewertung meiner Arbeiten fiel immer schlechter aus.“ Trotz des Drucks durch die Dozenten und des Rufs als Nestbeschmutzerin bleibt Yunusova. Schließlich ist Moskau mittlerweile ihr Zuhause geworden, und das Studium geht in die Endphase.

          Aber im Frühjahr 2016 ist alles vorbei: Exmatrikulation. Die junge Usbekin soll auch den zweiten Termin für eine Prüfung versäumt haben. Yunusova bestreitet das: Die Hochschulleitung habe ihr mit Absicht einen falschen Termin genannt. Es kommt zur Gerichtsverhandlung. Eine ehemalige Dozentin der Klägerin wird als Zeugin geladen und bestätigt Yunusovas Sicht der Dinge zum Teil. Für die Stroganov-Akademie erscheint erst zum letztmöglichen Termin ein Advokat vor Gericht. Doch das reicht dem Richter offenbar. Er will nicht einmal die Dokumente von Yunusovas Anwalt ansehen. Die Darstellung der Hochschule scheint ihm zu genügen, um die Klage abzuweisen. Eine Stellungnahme der Akademie lag bis gestern nicht vor.

          „Die Freiheit des Ausdrucks“

          Die Kunststudentin steht vor dem Nichts. Doch die Erinnerung an das kleine, aber tolerante Offenbach lässt Yunusova einen Plan fassen. Ein Jahr später fliegt sie nach Deutschland und geht zur Mappenberatung der Hochschule für Gestaltung, eine Art Vorbereitungsgespräch für die Aufnahmeprüfungen. Dort trifft sie auf Heiner Blum, der seit 1997 als Professor für Experimentelle Raumkonzepte an der Hochschule unterrichtet. Der Konzeptkünstler ist sofort begeistert von Yunusovas kurzen Videos.

          Dem Interesse Blums an Youtube-Formaten hat es Yunusova sicher auch zu verdanken, dass sie mittlerweile seit einem Dreivierteljahr an der Hochschule Kunst studieren darf. Blum hat das Vlog, die Mischung aus kurzem Video und Blog, als neues Medium der Kunst entdeckt. Wichtig ist ihm dabei auch, ein Frauenbild zu vermitteln, das einen Kontrast zu den Kosmetik-Influencern im Netz bildet. Mit Faina Yunusova könnte er die richtige Schülerin dafür gefunden haben. In ihren ersten Videos auf Deutsch berichtet sie über ihre Eindrücke und tauscht sich mit Kommilitonen über Vorurteile in der russischen und deutschen Kultur aus. In einem der Clips stellt sie ihre Offenbacher Hochschule vor. Der wichtigste Unterschied zur Stroganov-Akademie: „die geschätzte Individualität und die Freiheit des Ausdrucks“.

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