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Elyas M’Barek im Interview : „Hätte auch blöd laufen können“

Als Gymnasiast war man an der Spitze. Hauptschüler sind ganz unten. Das war ein Moment, wo ich aufgewacht bin und dachte: Gas geben. Sonst wird es übel. Aber es hat mir gutgetan zu sehen, dass man sich wieder hocharbeiten kann. Wenn man vorher Algebra hatte, ist Bruchrechnen nicht schwierig. Dann habe ich die Realschule gemacht und hier mein Abitur nachgeholt. Ich habe gelernt, dass man sich nicht aufgeben darf.

Warum hat die Schule Sie so wenig interessiert?

Wahrscheinlich die Pubertät. Ich war ein Rebell und wollte immer das tun, was am meisten provoziert. Und das hieß damals: schlechte Noten. Und Ärger machen.

Ärger?

Ich war 15, 16 und hatte Freunde, die auch nichts anderes wollten. Alle trugen Goldketten, Lederjacken, Ohrringe, so Brillis mussten das sein. Die Haare nach hinten gegelt. Und dann am besten mit 15 Leuten rumlaufen und mit anderen Ärger anfangen. Hier und da eine Prügelei. Man fühlte sich sehr stark. Das war eine schlimme Zeit. Viele von den Jungs sind später abgeschoben worden oder im Gefängnis gelandet. Hätte auch blöd laufen können, das Ganze.

Haben Sie damals für Ihr heutiges Film-Image als schlagfertiger Proll und Macho geübt?

Sagen wir es so: Diese Alphatierwelt, diese Machowelt ist mir nicht völlig fremd. So war die Zeit damals, das schien cool. Und es hat auch Spaß gemacht. Das waren wirkliche Freunde, Zusammenhalt und Loyalität waren extrem. Ich wusste, wenn ich die Jungs nachts um drei anrufe, kommen die sofort vorbei. Aber wie gesagt: Wir waren Halbstarke. Die einen gehen skaten, wenn sie 16 sind, die anderen gehen auf die Straße und pöbeln rum. Man probiert sich aus, testet Grenzen. Mit 18, 19 hat das aufgehört. Da hatte ich einen anderen Freundeskreis und ein ganz anderes Leben.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Für die war das ein Schock, weil sie mir ganz andere Werte mitgegeben hatten. Rückblickend merke ich ja selbst: Das passte eigentlich nicht zu mir. Meine Eltern haben sich damals viele Sorgen gemacht und gedacht, der gerät auf die schiefe Bahn, wenn das so weitergeht.

Wie würden Sie Ihr Elternhaus beschreiben?

Liberal. Liebevoll. Mittelständisch. Mein Vater war Programmierer. Meine Mutter ist Krankenschwester. Ich bin nicht in einem sozialen Brennpunkt groß geworden, sondern in einer total bürgerlichen Gegend.

Haben Sie eine Erklärung, warum diese andere Welt Sie so fasziniert hat?

Ich glaube, dass ich zu dieser Zeit einfach nicht wusste, wo mein Platz ist. Auf der einen Seite war da meine österreichische Mutter, die nie verstanden hat, wenn ich nach Hause kam und sagte: „Mich hat gerade wieder jemand als ,Scheiß-Ausländer‘ beschimpft.“ „Wieso?“, fragte sie. „Du bist doch Österreicher!“ Für meinen Vater auf der anderen Seite war seine Rolle klar. Der wusste, er ist aus Tunesien nach Deutschland gekommen, hat sich hier innerhalb von ein paar Wochen Deutsch beigebracht, programmieren gelernt und wirklich Karriere gemacht. Er wusste um seine Herkunft. Ich war zwischen den Stühlen. Ich sah aus wie jemand, der Migrationshintergrund hat, und wurde entsprechend als „Scheiß-Türke“ behandelt. Ich hatte aber keinen Zugang zu dieser Kultur, ich war ja total deutsch erzogen worden. Ich sprach kein Arabisch, wir feierten Weihnachten und so. Ich glaube, dass dadurch eine Zerrissenheit entstand. Und auf einmal waren da Jungs, die sahen aus wie ich. Plötzlich war es cool, einen tunesischen Vater zu haben. Das war eine Art Bestätigung.

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