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„F.A.Z.-Leser helfen“ : Spielerisch über Gefühle reden lernen

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Kämpft weiter: Daniel Bunsen hat nach dem Tod seiner kleinen Schwester den Verein Psychosozialbildung gegründet. Bild: Finn Winkler

Mehr Wissen über psychische Gesundheit gehört in den Lehrplan. Das fordert zumindest Daniel Bunsen. Er hat einen Verein gegründet, nachdem seine kleine Schwester nicht mehr leben wollte.

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          Tiefe Betroffenheit zeigt sich selten in großen Worten. Bei Daniel Bunsen steht sie unübersehbar im Regal. Dort reihen sich gerahmte Fotografien von Lotti aneinander, seiner kleinen Schwester, die eigentlich Charlotte heißt. Skifahren und Hockeyspielen mochte sie offensichtlich, auch Klavier spielte sie gerne. Bunsen sitzt am Tisch vor dem Regal mit den vielen Bildern und spricht über die Schwierigkeiten einer Vereinsgründung in Zeiten von Corona. Per Zoom-Konferenz hat er das geschafft und damit nach eigener Aussage Rechtsgeschichte geschrieben. Das ist für einen 28 Jahre alten Juristen, der gerade seine Doktorarbeit schreibt, ein interessanter Aspekt. Es ist auch ein Weg, über Umwege ein Gespräch über einen schmerzhaften Verlust zu beginnen.

          Er versucht, eine Art Vermächtnis seiner Schwester zu erfüllen. Charlotte hat sich im vergangenen Jahr nach langer psychischer Krankheit das Leben genommen. Sie war erst 21 Jahre alt. Nun hat der Bruder in Frankfurt den Verein Psychosozialbildung gegründet. Darin haben sich Psychotherapeuten und Sozialarbeiter, Kommunikationswissenschaftler und Medizinstudenten zusammengeschlossen. Sie setzen sich ehrenamtlich dafür ein, psychische Gesundheit in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Mit Projekten für Kinder in Grundschulen wollen sie starten und eng mit Lehrern und Erziehern zusammenarbeiten. Kindern einen Raum für ihre Gefühlswelt zu geben sei ein erster Schritt, für mehr psychische Gesundheit zu sorgen, sagt Bunsen überzeugt.

          „Mir geht es gut“, „mittel“ oder „schlecht“ zeigen Smileys an, auf deren Rückseite die Namen der Kinder stehen. „Einmal pro Tag soll jedes Kind an solch ein Plakat gehen und dabei lernen, sich selbst und seine Gefühle wahrzunehmen“, sagt Bunsen. Diesen Raum zur Selbstwahrnehmung hätten manche Kinder auch zu Hause oder im Sportverein, viele aber nicht. „Sie werden durch solche regelmäßige Übungen besser darin, sich selbst zu lesen, zu verstehen und auch sich besser zu fühlen“, sagt der Vereinsgründer.

          Verein erarbeitet ein Programm für Einrichtungen

          Das sei zwar keine bahnbrechend neue Idee, aber ein einfaches Mittel, psychische Gesundheit zu forcieren. „Die Fähigkeit, sich selbst zu spüren, müssen Kinder erst entwickeln. Wird sie nicht trainiert, verschwindet sie.“ 24 Mitglieder hat der Verein bereits, sechs von ihnen erstellen nun gemeinsam einen Leitfaden für Lehrer und Erzieher, die das Programm in ihren Einrichtungen durchführen können, begleitet mit Fragebögen und Auswertungen. Ziel sei auch eine wissenschaftliche Veröffentlichung.

          Charlotte war jahrelang und mehrfach „Suizid-Überlebende“, so nennt das der Bruder, so nennen das auch die Fachleute. Seit ihrem 16. Lebensjahr litt sie unter starken Depressionen, einer Persönlichkeitsstörung und einer impulsiven Suizidalität und war deshalb in psychotherapeutischer sowie psychiatrischer Behandlung. „Die meiste Zeit ihres Lebens und den größten Teil ihrer Kraft raubte ihr die Erkrankung“, so beschreibt das der Bruder. „Sie hat sich in der ganzen Zeit ihres langen Leidens aber immer auch dafür eingesetzt, dass psychische Erkrankungen entstigmatisiert werden, und hat anderen geholfen.“ Für jüngere Patienten habe sie auch Anträge für das Sozialamt ausgefüllt. Sie sei auf ihrem Leidensweg vielen erst 14 oder 15 Jahre alten Jugendlichen begegnet, die mit ihrer Erkrankung ganz alleingelassen wurden.

          In Frankfurt versuchen jedes Jahr etwa 20 bis 30 Jugendliche, sich das Leben zu nehmen. Drei sind dabei nach Auskunft der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik in den vergangenen zwölf Jahren gestorben. In den sozialen Medien habe seine Schwester andere Jugendliche über psychische Erkrankungen ausführlich informiert, habe auch vor Psychologiestudenten der Frankfurter Goethe-Universität über ihre Erfahrungen mit der Depression berichtet, erzählt der Bruder. „Sie hat sich immer in die Öffentlichkeit gestellt und war stark für andere, dafür hat sie auch eine überwältigende Resonanz erfahren.“ Vor allem in Frankfurt, ihrer Stadt, in der sie geboren wurde, in der sie zur Schule gegangen war. „Sie war ein City-Girl, genoss die Großstadt, ist hier aber auch krank geworden.“

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