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„F.A.Z.-Leser helfen“ : Vom ersten und letzten Mutter-Tochter-Moment

Die Erinnerung bleibt: Jessica und Joshua Hefner schauen sich das Fotoalbum von ihrer toten Tochter Juno an. Bild: Frank Röth

Für Jessica und Joshua Hefner hat sich ein Albtraum wiederholt. Zum zweiten Mal haben sie ein Kind kurz nach der Geburt verloren. Mit Hilfe des Kinder-Palliatvteams Südhessen versuchen sie, nicht am Leben zu verzweifeln.

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          Als bei Jessica Hefner die Presswehen einsetzen, schaut Opa Helmut ihr direkt ins Gesicht. Er lächelt, als seine Enkelin vor Schmerzen das Gesicht verzieht, lächelt, als das Baby, das sie Juno Naima nennen, zum ersten Mal schreit, lächelt selbst dann noch, als Mama Jessica Tage später am Leben verzweifelnd in der Küche steht, ein Foto ihres toten Babys an sich gepresst.

          Marie Lisa Kehler

          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Jessica Hefner nimmt ihm das nicht übel. Die gerahmte Porträtzeichnung ihres Großvaters bringt sie zum Schmunzeln. Weil sie sich gern an die Hausgeburt in der Küche in ihrer Offenbacher Wohnung erinnert, bei der Opas milder Blick sie zum Lachen brachte. Damals, in dieser kalten Februarnacht vor neun Monaten, schien es das Leben endlich wieder gut mit den Hefners zu meinen. Juno war da, Familie Hefner war wieder zu viert. Sekt wurde geöffnet. Ein paar Schlückchen auf das neue Leben. Wenige Stunden später, die Sektflasche noch nicht geleert, sollte die Welt von Familie Hefner ein zweites Mal gefährlich ins Wanken geraten. Denn Juno hörte auf zu atmen.

          Für die Hefners ist es die Wiederholung eines Albtraums. Sie wissen schon, wie es sich anfühlt, ein Kind zu verlieren. Und doch ist diesmal alles genauso unbegreiflich wie nur ein Jahr zuvor. Im Januar 2017 brachte Jessica Hefner ihren Sohn Jona Immanuel zur Welt. Er war erst kurz vor dem Einsetzen der Wehen im Mutterleib gestorben. Die Hefners waren damals vorbereitet. Bei einer Pränataluntersuchung war herausgekommen, dass ihr Baby unter einem seltenen Gendefekt litt und schwerstbehindert zur Welt kommen würde. Seine Überlebenschancen waren als gering eingestuft worden.

          Schon vor der Geburt war die Beerdigung geplant

          Die Offenbacher Familie wurden während der Schwangerschaft vom Kinder-Palliativteam Südhessen – für die der Rhein-Main-Teil der F.A.Z. und die Sonntagszeitung in diesem Jahr Spenden sammeln – begleitet. Das Team versucht Eltern zu beraten, die während der Schwangerschaft erfahren, dass ihr Baby kaum eine Überlebenschance haben wird, die aber trotzdem das Kind austragen wollen. Sie machen möglich, dass die Eltern ihre schwerstkranken Kinder mit nach Hause nehmen können, um sich dort, abseits von der Hektik einer Klinik, von ihnen zu verabschieden. Das Palliativteam will das Leid der Babys lindern, ohne ihr Leben zu verlängern. Ein ähnliches Angebot gab es zuerst an der Charité in Berlin, in Hessen befindet es sich noch im Aufbau. Die Mitarbeiter des Palliativteams Südhessen, die die Beratungsgespräche ehrenamtlich anbieten, ermutigten die Hefners, sich schon vor der Geburt um die Beerdigung ihres Sohnes zu kümmern. Und sie standen ihnen zur Seite, als sie Monate nach seinem Tod die Selbsthilfegruppe „Unsere Sternenkinder Rhein-Main“ gründeten. Nie hätten Hefners geahnt, dass das Hilfsnetz, das sie damals mit aufgebaut haben, sie selbst einmal auffangen würde.

          Wenige Monate nach Jonas Tod war Jessica Hefner wieder schwanger geworden. Plötzlich war da wieder Vorfreude, aber auch lähmende Angst. „Das Trauerjahr war noch nicht einmal rum. Ich habe mich gefragt, ob Jona durch diese Schwangerschaft noch genug Platz in unserem Leben bleibt, ob Juno je genug Platz haben wird“, sagt die Einunddreißigjährige heute. Für das Ehepaar stand diesmal fest, dass die kleine Juno zu Hause geboren werden soll. In ein Krankenhaus, zurück an den Ort, an dem sie Jona tot zur Welt bringen musste, wollte Jessica Hefner nicht. „Ich wollte in einem Umfeld sein, in dem ich mich sicher fühle.“

          Die Geburt sei entspannt gewesen, sagt sie. „Aber Juno hat gemacht, als wäre es die beschissenste Idee der Welt, da jetzt raus zu müssen“, sagt ihr Vater. Sie habe gemeckert, wirkte unzufrieden. Der damals vier Jahre alte Jakob schnitt die Nabelschnur durch, die Hebamme untersuchte Mutter und Kind. Keine Auffälligkeiten. „Ich hatte das Gefühl, dass sie viel Dampf hat“, erinnert sich Joshua Hefner an seine Tochter, die nicht schlafen wollte. Eine Stunde lief er mit ihr in der Wohnung auf und ab. Irgendwann, der Arm war taub, legte er sie zurück ins Ehebett. Juno meckerte weiter. Inzwischen war es hell geworden, die Sonne schien ins Zimmer. Juno blickte ihre Mutter Jessica direkt an, beruhigte sich. Die machte ein Foto. Vom ersten Mutter-Tochter-Moment. Vom letzten Mutter-Tochter-Moment. „Jetzt ist sie endlich angekommen“, flüsterte sie ihrem Mann zu.

          Dabei war sie gerade heimlich gegangen. Juno atmete nicht mehr. Die Hefners schrien. Nicht schon wieder, nicht ihr Kind! Der Notarzt kam. Reanimationsversuche auf dem Wohnzimmertisch, eine Blaulichtfahrt, an die sich Jessica Hefner kaum noch erinnert, Stunden der Ungewissheit. In der Klinik in Offenbach kämpften die Ärzte um das Überleben des Babys: Maximaltherapie, piepende Geräte, Medikamente, Schläuche.

          Stunden des Hoffens

          „Es war genau die Situation, vor der wir uns bei Jona immer gefürchtet hatten“, sagt Jessica. Ihre Tochter, das ergaben die Untersuchungen, litt unter einem aggressiven bakteriellen Infekt. Nach Stunden des Hoffens sagten die Ärzte in der folgenden Nacht, das Kind werde den Kampf nicht gewinnen. Das Paar entschied sich, die Maschinen abstellen zu lassen, und hielt die Tochter in den Armen, als sie starb. Wo und wann sie sich den Infekt zugezogen hat, ist bis heute nicht geklärt. Schuld habe niemand, so die Ärzte. Bei einer Geburt im Krankenhaus, sagten sie, wäre es genauso verlaufen.

          Alles, was danach kam, war erschreckend vertraut. „Es ist doch absurd, dass man in unserem Alter genau weiß, welche Schritte einzuleiten sind, wenn ein Kind gestorben ist“, sagt Jessica Hefner. Das Beerdigungsinstitut anrufen, Erinnerungsfotos machen, sich mit Freunden und der Familie zusammenrotten, bloß nicht alleine bleiben. Und sie riefen zum zweiten Mal in ihrem Leben das Kinder-Palliativteam an.

          Diesmal mit einer ganz anderen Bitte. Das Paar wollte Jakob in seiner kindlichen Trauer gerecht werden. Das Team half bei der Suche nach psychologischer Unterstützung. „Ich hatte erst keinen inneren Raum, traurig um Juno zu sein, ich hatte nur Angst um Jakob“, sagt Jessica Hefner. Ihr Jakob, der sich wieder auf ein Geschwisterchen gefreut hatte, der im Kindergarten lieber erzählen wollte, dass seine kleine Schwester gesund sei, der wieder seine Eltern mit dem Kummer teilen musste. „Ich war in den letzten zwei Jahren entweder schwanger oder traurig“, sagt Jessica Hefner.

          Nach neun Monaten ist bei Hefners fast so etwas wie Alltag eingekehrt. Beide arbeiten wieder, die Babykleidung ist auf dem Dachboden verschwunden. „Ich habe von meinen Kindern so viel gelernt“, sagt Jessica Hefner. Zum Beispiel, dass man das Leben nicht planen kann.

          Halt finden die Hefners bei Freunden, in der Familie oder während der Gespräche in der Selbsthilfegruppe, zu der auch Eltern kommen, die durch das Palliativteam auf die Treffen aufmerksam gemacht werden. Und manchmal, wenn vor lauter Alltag die Erinnerungen an das Geschehene zu verblassen drohen, greifen sie zu den Fotoalben, die sie von ihren drei Kindern gemacht haben. Das von Juno und Jona hat einen Anfang und ein Ende. Das von Jakob wächst Tag um Tag.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/ Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für das Kinder-Palliativ-Team Südhessen, um Eltern zu unterstützen, die ein Kind mit lebensverkürzender Behinderung erwarten, und ein Projekt der Christoffel-Blindenmission in Paraguay, das verhindern soll, dass Frühgeborene erblinden.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ bitte auf die Konten:

          Bei der Frankfurter Volksbank: IBAN: DE94 5019 0000 0000 1157 11

          Bei der Frankfurter Sparkasse: IBAN: DE43 5005 0201 0000 9780 00

          Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.

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