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Extremwanderung : 36 Stunden Hans Kammerlander

36 Stunden dauerte die Bergtour in Südtirol Bild: Tobias Schmitt

Es war ein schönes, schreckliches Jahr für den Extrembergsteiger Hans Kammerlander. Während einer 36 Stunden langen Extremwanderung durch Südtirol hat er Timo Frasch davon erzählt.

          8 Min.

          Der Extrembergsteiger Hans Kammerlander ist, wie viele berühmte Leute, kleiner und schmächtiger, als man gedacht hätte: keine 1,80 Meter groß, kaum 65 Kilogramm schwer. Seine kraftsparende Stimme, die am Abend die gut 30 Teilnehmer am 36-Stunden-Trekking in Südtirol begrüßt, klingt auch für die vertraut, die sie nicht kennen. Viele sind das nicht.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Für die einen ist es schon das zweite, dritte oder vierte Mal, dass sie mitmachen, andere kennen den Hans von ganz früher. Eine 69 Jahre alte Dame ist mit ihrem Busunternehmen immer nach Südtirol hinaufgekommen. Da war Hans noch ein normaler Skilehrer, der sich allenfalls ausmalte, wie er einmal vom Everest oder vom Nanga Parbat mit den Skiern abfahren würde. Verändert, das sagen eigentlich alle, hat sich der Hans seither nicht.

          Alle seine Achttausender hat Kammerlander ohne Sauerstoffflaschen gemacht

          Um sechs Uhr morgens trifft sich die Gruppe in Sand in Taufers, seinem Geburtsort, in der Nähe der Piazza Hans Kammerlander. Er hat den kleinsten Rucksack von allen: eine Windjacke, eine kleine Apotheke, ein Satellitentelefon. Mütze, Handschuhe, Regenschirm. Die Wasserflasche, die er selbst vorher dringend empfohlen hatte, hat er vergessen. Das mache nichts, sagt er, unterwegs gebe es genügend Quellen.

          36 Stunden dauerte die Bergtour in Südtirol Bilderstrecke
          Extremwanderung : 36 Stunden Hans Kammerlander

          Auch Teleskopstöcke hat er nicht dabei. Braucht er nicht. Mit den Gelenken hatte er noch nie Schwierigkeiten. Mit der Kraft sowieso nicht. Außerdem gehört es zu seinem Credo, mit so wenig wie möglich zu gehen. Je weniger Hilfsmittel benutzt werden, desto mehr sind ein Gipfelgang, die Besteigung einer Wand, die Überschreitung eines Grats wert. Alle seine Achttausender hat er ohne Sauerstoffflaschen gemacht, mit so wenig Fixseilen und so wenig Trägern wie möglich. Man muss dafür schnell sein. Gerade im Hochgebirge, wo die Zeitfenster für einen Gang zum Gipfel ganz eng sind, entscheidet das über Erfolg und Misserfolg, manchmal über Leben und Tod.

          Man geht langsamer, als man könnte

          Die erste Etappe bis zum Frühstück lässt nicht erahnen, was an Belastungen kommen wird. Man geht langsamer, als man könnte. Kammerlander führt die Gruppe an. Er muss sich zwingen, gemächlich zu gehen. Für ihn ist das anstrengend. Er kommt nicht auf Betriebstemperatur. Auch in schwierigem Gelände bewegt er sich gleichmäßig, mit großen Schritten, die Hände meist hinter dem Rücken gefaltet. Nur manchmal hat er noch etwas von dem kleinen Jungen, der mit acht Jahren die Schule schwänzte und zwei Fremden bis zum Gipfel des 3059 hohen Großen Moosstocks folgte. Dann streift er mit seiner knochigen Hand die Zweige am Wegesrand und reißt dabei ein paar Fichtennadeln ab. Je länger der Weg dauert, desto öfter spuckt er in seine Handflächen.

          In der Mitte der Gruppe läuft der Wanderführer Toni Mutschlechner, der von seinem Freund Hans für die zwei Tage im Gebirge ein paar hundert Euro bekommt. Toni ist Mitte fünfzig. Zehn Kinder gab es bei den Mutschlechners, drei von ihnen sind früh gestorben. Weil der Vater Tagelöhner war und nicht viel nach Hause brachte, mussten die Söhne bald aus dem Haus. Toni ist zur Bank gegangen, wo er bis zu seiner Pensionierung nicht einen Tag eine Krawatte getragen hat.

          Auf einer Baustelle kennengelernt

          „Die Mutschlechners sind ehrliche Leute“, sagt Kammerlander. Mit Toni hat er erst seit dem Tod von Friedl näher zu tun. Friedl, der „Nurejew der Senkrechten“, war der ältere Bruder von Toni. Zusammen sind sie viel herumgekommen, nach Mexiko zum Beispiel. Friedl hat dort eine Kundin auf den Pico de Orizaba geführt. Friedl sei sein großer Lehrmeister gewesen, vor allem am Fels, sagt Kammerlander. Sie hatten sich einst auf der Baustelle kennengelernt, Friedl war Hydrauliker, er Maurer. Kammerlander war zu der Zeit schon Halbwaise. Seine Mutter starb, als er zehn war. Sein Vater, der als Schuster von Hof zu Hof zog und daheim drei, manchmal vier Kühe im Stall hatte, erlebte zehn Jahre danach gerade noch, wie sein Sohn staatlich geprüfter Skilehrer wurde.

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