https://www.faz.net/-gum-af1cu

Extremschwimmer André Wiersig : „Die Nordsee macht mit dir, was sie will“

Wieder auf den Beinen: André Wiersig wird am Samstag in der Schweinebucht der Helgoländer Düne von seiner Ehefrau begrüßt. Bild: dpa

Die Reise nach Helgoland ist oft schon per Schiff abenteuerlich. André Wiersig ist die 48,5 Kilometer lange Strecke geschwommen. Und hat Unvergessliches erlebt.

          2 Min.

          Herr Wiersig, Sie sind am Samstag von St. Peter-Ording in Nordfriesland aus zur Insel Helgoland geschwommen, 48,5 Kilometer Luftlinie in 18 Stunden und 14 Minuten. Wie geht’s Ihnen?

          Bernd Steinle
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Gut, ich fühle mich schon wieder richtig fit. Klar sind die Arme noch ein bisschen schwer, die Zunge ist noch taub, Nase und Schleimhäute sind vom Salzwasser angegriffen. Aber das vergeht nach ein paar Tagen wieder. Das kenne ich schon von anderen Schwimmabenteuern.

          Sie sind am Samstag um 0.02 Uhr in St. Peter-Ording losgeschwommen. Warum mitten in der Nacht?

          Die Nordsee wird ja auch Mordsee genannt, sie gilt als eines der gefährlichsten Gewässer wegen der extremen Strömungen und der Wellen. Wir hatten eine sehr gute Beratung bekommen durch das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg, ein BSH-Mitarbeiter war auch auf dem Begleitboot. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich mich dem Rat der Strömungsexperten komplett unterordnen werde, es ist mir egal, ob ich nachts, abends oder morgens losschwimme. Da kann man nicht mit irgendwelchen Befindlichkeiten ankommen.

          Immer Meer: Der 49 Jahre alte André Wiersig war Bahn-Radsportler und Ironman-Triathlet, ehe er das Langstreckenschwimmen für sich entdeckte.
          Immer Meer: Der 49 Jahre alte André Wiersig war Bahn-Radsportler und Ironman-Triathlet, ehe er das Langstreckenschwimmen für sich entdeckte. : Bild: privat

          Mitternacht an der Nordsee, 16 Grad Wassertemperatur, Sie trugen Badehose: Wie groß war die Vorfreude, loszuschwimmen?

          Ich war einfach froh, dass es losgeht. Ich bin von Natur aus nicht so der nervöse Typ, und Angst ist sowieso immer ein schlechter Begleiter. Respekt ist natürlich essenziell, wenn man sich so der Nordsee aussetzt, und nachts zu schwimmen ist auch immer speziell. Aber es gibt dort ja keine großen Gefahren, was das maritime Leben angeht.

          Hatten Sie trotzdem Begegnungen im Wasser?

          Ein paar Feuerquallen kriegst du immer ab, aber das ist normal, das war kein Problem. Einmal habe ich einen Makrelenschwarm getroffen, ein paar Robben habe ich auch gesehen. Was aber absolut faszinierend war, das war das Meeresleuchten in der Nacht, Biolumineszenzen im Wasser, die so leicht bläulich aufleuchteten. Es gab auch Quallen, die nach Berührungen grün aufleuchteten in der Nacht. Das war ein unvergessliches Erlebnis, magisch.

          Gab es auch Momente, in denen Sie genug hatten vom Schwimmen?

          Auf dem offenen Meer laufen die Dinge ja selten so ab, wie man sich das erwartet. Man tut immer gut daran, die persönlichen Erwartungen, die man an so ein Unterfangen hat, von Anfang an abzulegen. Die Nordsee macht mit dir, was sie will. Wir hatten ja schon alle erdenklichen Informationen von Fachleuten eingeholt, und trotzdem war die Strömung nach ungefähr zwölf Stunden Schwimmen dann so, dass wir pro Stunde nur noch 500 Meter vorangekommen sind. Aber das ist dann eben so. Damit muss man sich arrangieren. Wenn man da anfängt, im Wasser rumzuschimpfen, kannst du nur verlieren.

          Es kommt auf die mentale Stärke an?

          60, eher 70 Prozent sind Kopfsache. Der Rest ist die Physis, die muss natürlich auch stimmen. Die beste Einstellung im Kopf nützt nichts, wenn du die Arme nicht mehr voreinanderkriegst. Aber darauf kann man sich vorbereiten.

          Wie haben Sie sich verpflegt in den 18 Stunden?

          Mit Flüssignahrung, jede halbe Stunde. Wir hatten ziemlichen Wellengang, an Bord des Begleitboots sind Leute seekrank geworden. Es ist wichtig, dass man die Nahrung auch unter diesen Bedingungen noch verstoffwechseln kann.

          Wie waren die ersten Schritte an Land?

          Gar nicht so wacklig wie gedacht. Ich konnte noch gut stehen. Meine Frau hat mich am Strand in Empfang genommen, es waren Freunde da, viele Touristen haben zum Teil stundenlang am Strand gewartet. Es war fantastisch.

          Zug um Zug: Extremschwimmer André Wiersig auf seinem Weg nach Helgoland
          Zug um Zug: Extremschwimmer André Wiersig auf seinem Weg nach Helgoland : Bild: Dennis Daletzki

          Wie kamen Sie auf die Idee, nach Helgoland zu schwimmen?

          Es ging mir nicht darum, einen Rekord aufzustellen. Ich wollte einfach die Nordsee einmal nicht wie im Urlaub nur als schöne Kulisse erleben, sondern sie hautnah wahrnehmen, aus der Perspektive des Schwimmers.

          Sie sind schon in allen Weltmeeren geschwommen, haben als erster Deutscher die Ocean Seven geschafft, sieben Meerengen, die als größte Herausforderung im Langstreckenschwimmen gelten. Wie war im Vergleich dazu die Wasserqualität in der Nordsee?

          Überraschend gut. Wir sind nur auf ein paar Reste von Fischernetzen gestoßen, die konnten wir gleich bergen und mitnehmen. Sonst haben wir kaum Dreck, Verschmutzungen oder Plastikmüll wahrgenommen. Es war rundum ein tolles Erlebnis.
           

          Weitere Themen

          Die Einsamkeit des Eisbären

          Arktiskreuzfahrt : Die Einsamkeit des Eisbären

          Ein neues Expeditionsschiff fährt für Hapag-Lloyd Cruises in die Arktis. So beeindruckend das Naturschauspiel ist, so beängstigend sind die längst unübersehbaren Folgen des Klimawandels.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.