https://www.faz.net/-gum-8djo1

Späte Vergebung : Versöhnung am Sterbebett

Eine Versöhnung mit den Eltern ist nicht leicht, besonders wenn die Aussprache am Sterbebett erfolgen muss. Bild: dpa

Manche Menschen leiden ihr Leben lang unter dem Vater oder der Mutter. Und fragen sich dann am Sterbebett: Müssen wir uns miteinander versöhnen? Eine Expertin weiß Rat.

          Claudia W., 54, kann sich noch genau daran erinnern, wie die Beziehung zu ihrer Mutter in die Brüche ging. Es war etwa 25 Jahre nach der Trennung ihrer Eltern - einer Trennung, die die Mutter nie akzeptiert hatte. Sie blendete aus, dass ihr Ex-Mann eine neue Partnerin hatte. Auch dass sie, die Mutter seiner Kinder, nun keinen Mann mehr an ihrer Seite hatte, ignorierte sie. Denn eines hatte sich auch nach der Trennung nicht geändert: Auf Familienfeiern konnte sie immer noch Seite an Seite mit ihm auftreten.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch kurz vor seinem Tod hatte Claudia W.s Vater dann, für die Mutter überraschend, sein Testament geändert - zu ihren Ungunsten und zu Gunsten seiner neuen Partnerin. „In diesem Moment erst merkte sie, dass sie für ihn keine Rolle mehr spielte, und verlangte von mir, dass ich mich klar an ihrer Seite und gegen meinen Vater positioniere“, erzählt Claudia W. Doch W. tat nicht, was die Mutter wollte, weil sie das Vorgehen ihres Vaters für fair hielt: „Er hatte meine Mutter nach der Trennung noch 25 Jahre lang finanziell unterstützt und ihr eine Eigentumswohnung gekauft.“

          Gefühl, als habe sie die Mutter verloren

          Dieser „Ungehorsam“ - die Loyalität zum Vater - führte zum Bruch mit der Mutter. „Sie verzieh mir nicht und fühlte sich von mir verraten“, sagt Claudia W., „wir hatten von dem Moment an kaum noch Kontakt, weil sie es nicht zuließ, und wenn wir uns dann doch mal sahen, war die Stimmung so unterkühlt, dass ich nicht mehr ,Mami‘ zu ihr sagen und sie nicht mehr umarmen konnte.“ Die Mutter habe sich regelrecht versteinert gegeben, obwohl sie bis zum Tod des Vaters immer ein sehr gutes Verhältnis zueinander gehabt hatten. „Ich hatte das Gefühl, als hätte ich meine Mutter verloren.“ W.s Versuche, ihrer Mutter zu sagen, dass sie nur eine Krise und ansonsten immer eine liebevolle Beziehung zueinander gehabt hätten, scheiterten.

          Als ihre Mutter einige Jahre später im Sterben lag, rief W.s Bruder sie an, und Claudia W. eilte sofort an das Bett ihrer Mutter. Und da waren die beiden nun, allein miteinander, zum letzten Mal. Die Mutter, erzählt W., habe mit geschlossenen Augen dagelegen, sei aber noch bei Bewusstsein gewesen. „Ich näherte mich ihr, strich mit dem kleinen Finger ganz vorsichtig über ihren Handrücken und sagte: ,Ich bin da. Wenn du möchtest, dass ich gehe, zeig es mir. Ansonsten bleibe ich und verlass dich nicht.‘“

          Dürfen sterbende Eltern Kindern die Versöhnung verweigern?

          Da habe die Mutter die Augen geöffnet. Also habe sie ihre Hand ganz sanft auf den Handrücken der Mutter gelegt und gesagt: „Ist das nicht schlimm, dass ich dich jetzt nur so anfassen kann? Ich finde das ganz schrecklich, dass ich dich jetzt nicht umarmen kann. Wenn du möchtest, dass ich dich in dem Arm nehme, zeig es mir irgendwie.“ W. war von Gefühlen überwältigt und sagte unter Tränen: „So kannst du mich doch nicht gehen lassen, ich muss doch weiterleben.“ Und dann habe ihre Mutter eine Reaktion gezeigt. Sie habe den Mund triumphierend verzogen, als wolle sie sagen: „Ich hab dich gekriegt.“ Dann sei sie gestorben. „Das war vor sechs Jahren“, sagt Claudia W. und fängt an zu weinen.

          Dürfen die sterbenden Eltern den Kindern die Versöhnung verweigern? Haben Kinder ein Recht auf Versöhnung mit ihren sterbenden Eltern? Oder sollte man als erwachsenes Kind den Tatsachen ins Auge blicken und eine offensichtlich gescheiterte Beziehung im Angesicht des Todes gar nicht erst zu kitten suchen? Hat man überhaupt eine Chance, so eine Beziehung auf dem Totenbett noch wiederherzustellen? Und was passiert, wenn das nicht gelingt?

          Verachtung der Eltern ist eine „existenzielle Verletzung“

          „Wir Überlebenden müssen lernen, mit bestimmten Fakten zu leben und damit umzugehen“, sagt Gesine Palmer, Religionsphilosophin und Trauerrednerin. Doch mit der Verachtung der eigenen Eltern zu leben sei das Schwerste, was es gebe. Das sei eine „existentielle Verletzung“. Hinzu komme, dass der Moment des Sterbens viel bedeutungsgeladener sei als viele andere Momente. „Alles, was da passiert, hat eine Relevanz, die nach dem Tod bleibt. Damit müssen die Nachkommen, solange sie leben, umgehen.“

          Deswegen müsse man solche letzten Momente in Relation zum ganzen gelebten Leben setzen. Eine Tochter wie Claudia W. habe sich ja nichts vorzuwerfen. Sie müsse aber fortan mit dem Wissen leben, dass sie sich nicht versöhnen konnte, und könne nach dem Tod der Mutter lediglich versuchen zu lernen, sich selbst anzunehmen und das Vorgefallene nachzuarbeiten.

          Keine Pflicht zur Versöhnung

          Denn eine Pflicht zur Versöhnung, da ist sich die Religionsphilosophin sicher, gibt es nicht. „Vielleicht war es für diese Mutter die letzte Waffe der Verzweiflung, die Versöhnung zu verweigern“, mutmaßt sie, „und dazu hat sie das Recht!“ Andererseits könne unsere Menschlichkeit uns aber auch veranlassen, uns mit Menschen zu versöhnen, mit denen wir uns eigentlich nicht versöhnen wollten.

          So war es bei Heike S.. Ihre Eltern sind geschieden, sie ist bei ihrer Mutter aufgewachsen. „Sie war sehr streng und prügelte mich regelmäßig grün und blau, manchmal auch mit einem Stock. Sie brauchte mich nur anzugucken, und ich machte mir schon vor Angst in die Hose“, erzählt die Tochter, die heute 45 ist. Mit 21 sei sie ausgezogen, weit weg. Vier Jahre später habe sie die Mutter noch einmal gesehen, dann siebzehn Jahre lang überhaupt nicht. Sie habe sich zwar zwischendurch immer mal wieder gefragt, ob sie sich bei ihr melden solle, aber erst vor drei Jahren habe sie es dann wirklich getan. „Einfach weil ich mich gefragt habe: Wenn ich jetzt erfahren würde, dass sie gestorben ist - wie wäre das für mich?“ S. beschloss, dass sie ihre Mutter vorher noch einmal sehen wollte.

          Erster Besuch nach 17 Jahren – Mutter liegt im Krankenhaus

          Was sie nicht wusste: Ihre Mutter war zu dem Zeitpunkt im Krankenhaus. Als Heike S. in ihr Zimmer trat, saß sie an einem Tisch in ihrem Krankenzimmer, „und sie sah völlig anders aus als siebzehn Jahre zuvor, sie war so gebrechlich, es war ein Schock für mich“, erzählt S. Sie habe sich zu ihr gesetzt und ihre Hand genommen und habe völlig überrascht gemerkt, dass die Mutter sich freute, sie zu sehen. „Das war eine positive Erfahrung für mich, die ich von früher nicht kannte. Ich habe schrecklich geweint.“ Die Mutter indes habe in diesem Moment des Wiedersehens keine Regung gezeigt.

          Viel miteinander gesprochen hätten sie an diesem Tag nicht, „aber ich habe ihr gesagt, dass ich sie trotz allem, was sie mir angetan hat, geliebt habe. Und dass ich alles bedaure, was geschehen ist.“ Die Mutter habe geantwortet: „Ich weiß.“ Aber S. ist sich nicht sicher, ob ihre Mutter verstanden hat, was sie ihr sagen wollte. „Sie war damals schon schwer krank und durch die vielen Medikamente nicht ganz bei sich.“ Sie wartet auf das Sterben, bis zum heutigen Tag - S. hat sie seitdem einige Male besucht.

          Für Heike S. war dieser erste Besuch nach siebzehn Jahren eine Versöhnung. „Ich bin dadurch in der Gegenwart angekommen, ich werde nicht alt mit diesen Bildern von früher, wo sie riesengroß war und zugeschlagen und rumgebrüllt hat, sondern ich habe jetzt neue Bilder im Kopf. Bilder, in denen sie die Unterlegene ist und ich die Überlegene, die keine Angst mehr vor ihr haben muss. Das war ein Riesending für mich.“ Ohne ihre Therapeutin, da ist sie sich sicher, hätte sie das niemals geschafft. Ihre Angst vor der Mutter sei zu groß gewesen. Inzwischen aber spüre sie, dass die Mutter keine Macht mehr über sie habe. Sie kann das, was war, ruhen lassen. Die Wunde ist geschlossen.

          Manchmal sind es indes auch die sterbenden Eltern, die eine Versöhnung wünschen. Und die Kinder stellen sich dann die Frage, ob das nicht nur eine Scheinveranstaltung ist und ob sie den Eltern diesen Gefallen tun müssen. Gesine Palmer sagt: „Nein. Man muss sich mit den Eltern vor deren Tod nicht versöhnen. Da bin ich ganz klar. Es gibt kein Recht auf Vergebung.“

          Niemand werde sich außerdem versöhnt fühlen, wenn die Versöhnung erzwungen sei. „Da, wo unsere tiefsten Gefühle wohnen, sind wir für sittliche Forderungen nicht ansprechbar, und das ist gut so.“ In unserer westlichen Welt sei lange dafür gekämpft worden, dass wir in unseren Gefühlen einander und uns selbst ernst nähmen und respektierten. Der Respekt vor der Unverfügbarkeit liebevoller Gefühle gehöre zu den unaufgebbaren Besonderheiten unseres freien westlichen Denkens.

          Versöhnungswunsch der Eltern nicht als Schein abtun

          Aber wenn man es irgendwie über sich bringen könne, dann gehe man trotzdem zu den Eltern, wenn sie eine Versöhnung wünschten. „Man ist gnädig zu ihnen und nimmt mit einer Geste des Respekts Abschied.“ Dieser Respekt überbrücke dann den Gegensatz zwischen Unverfügbarkeit des Gefühls und Pflicht, und zwar sehr einfach: Man schulde den Eltern nicht, sie auf dem Sterbebett aufzusuchen und sich liebevoll mit ihnen zu versöhnen. Aber man schulde ihnen den Respekt, ihren Wunsch nicht von vornherein als einen „Scheinwunsch“ abzutun.

          Vorher solle man sich aber gut vorbereiten, damit man sich gut abgrenzen könne, falls man das dann wolle. „Man gibt seinen eigenen Standpunkt nicht auf, nur weil die sterbenden Eltern Versöhnung wünschen. Man darf nicht mit dem Gefühl aus der Situation gehen, dass man dem sterbenden Elternteil gegenüber ,verloren‘ hat. Man sollte das Gefühl haben, dass man stark war und verziehen hat. Und nicht, dass man kapituliert hat und sich hat erpressen lassen.“ Sonst könne es sein, dass man sich hinterher ausgenutzt fühle und denke, man hätte ein falsches Signal an die Welt gesendet.

          Bei Claudia W., deren Mutter auf dem Sterbebett höhnisch den Mund verzogen hat, ist dieser Moment des Abschieds definitiv schiefgelaufen. W. sagt: „Ich habe mein Urvertrauen verloren, ich traue mittlerweile jedem alles zu. Ich war jahrelang in Therapie deswegen.“ Das handgeschriebene Rezeptbuch, das ihre Mutter ihr mal geschenkt hat, hat sie abgetippt und das Original geschreddert, damit sie die Schrift der Mutter nicht mehr sehen muss. Eine sehr teure Perlenkette, die sie ihr geschenkt hatte, hat W. bei Ebay verkauft, teure Ohrringe hat sie im Klo heruntergespült. W. spürt ganz deutlich: „Seit der Zeit habe ich eine Rechnung mit meiner Mutter offen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Großbritannien und Iran : Zwei Tanker und eine Retourkutsche

          Kritiker werfen der Regierung in London vor, sie sei vom Machtkampf um die Nachfolge Mays abgelenkt. Tut sie zu wenig für die Sicherheit der britischen Schiffe im Persischen Golf?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.