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Späte Vergebung : Versöhnung am Sterbebett

Für Heike S. war dieser erste Besuch nach siebzehn Jahren eine Versöhnung. „Ich bin dadurch in der Gegenwart angekommen, ich werde nicht alt mit diesen Bildern von früher, wo sie riesengroß war und zugeschlagen und rumgebrüllt hat, sondern ich habe jetzt neue Bilder im Kopf. Bilder, in denen sie die Unterlegene ist und ich die Überlegene, die keine Angst mehr vor ihr haben muss. Das war ein Riesending für mich.“ Ohne ihre Therapeutin, da ist sie sich sicher, hätte sie das niemals geschafft. Ihre Angst vor der Mutter sei zu groß gewesen. Inzwischen aber spüre sie, dass die Mutter keine Macht mehr über sie habe. Sie kann das, was war, ruhen lassen. Die Wunde ist geschlossen.

Manchmal sind es indes auch die sterbenden Eltern, die eine Versöhnung wünschen. Und die Kinder stellen sich dann die Frage, ob das nicht nur eine Scheinveranstaltung ist und ob sie den Eltern diesen Gefallen tun müssen. Gesine Palmer sagt: „Nein. Man muss sich mit den Eltern vor deren Tod nicht versöhnen. Da bin ich ganz klar. Es gibt kein Recht auf Vergebung.“

Niemand werde sich außerdem versöhnt fühlen, wenn die Versöhnung erzwungen sei. „Da, wo unsere tiefsten Gefühle wohnen, sind wir für sittliche Forderungen nicht ansprechbar, und das ist gut so.“ In unserer westlichen Welt sei lange dafür gekämpft worden, dass wir in unseren Gefühlen einander und uns selbst ernst nähmen und respektierten. Der Respekt vor der Unverfügbarkeit liebevoller Gefühle gehöre zu den unaufgebbaren Besonderheiten unseres freien westlichen Denkens.

Versöhnungswunsch der Eltern nicht als Schein abtun

Aber wenn man es irgendwie über sich bringen könne, dann gehe man trotzdem zu den Eltern, wenn sie eine Versöhnung wünschten. „Man ist gnädig zu ihnen und nimmt mit einer Geste des Respekts Abschied.“ Dieser Respekt überbrücke dann den Gegensatz zwischen Unverfügbarkeit des Gefühls und Pflicht, und zwar sehr einfach: Man schulde den Eltern nicht, sie auf dem Sterbebett aufzusuchen und sich liebevoll mit ihnen zu versöhnen. Aber man schulde ihnen den Respekt, ihren Wunsch nicht von vornherein als einen „Scheinwunsch“ abzutun.

Vorher solle man sich aber gut vorbereiten, damit man sich gut abgrenzen könne, falls man das dann wolle. „Man gibt seinen eigenen Standpunkt nicht auf, nur weil die sterbenden Eltern Versöhnung wünschen. Man darf nicht mit dem Gefühl aus der Situation gehen, dass man dem sterbenden Elternteil gegenüber ,verloren‘ hat. Man sollte das Gefühl haben, dass man stark war und verziehen hat. Und nicht, dass man kapituliert hat und sich hat erpressen lassen.“ Sonst könne es sein, dass man sich hinterher ausgenutzt fühle und denke, man hätte ein falsches Signal an die Welt gesendet.

Bei Claudia W., deren Mutter auf dem Sterbebett höhnisch den Mund verzogen hat, ist dieser Moment des Abschieds definitiv schiefgelaufen. W. sagt: „Ich habe mein Urvertrauen verloren, ich traue mittlerweile jedem alles zu. Ich war jahrelang in Therapie deswegen.“ Das handgeschriebene Rezeptbuch, das ihre Mutter ihr mal geschenkt hat, hat sie abgetippt und das Original geschreddert, damit sie die Schrift der Mutter nicht mehr sehen muss. Eine sehr teure Perlenkette, die sie ihr geschenkt hatte, hat W. bei Ebay verkauft, teure Ohrringe hat sie im Klo heruntergespült. W. spürt ganz deutlich: „Seit der Zeit habe ich eine Rechnung mit meiner Mutter offen.“

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