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Späte Vergebung : Versöhnung am Sterbebett

Verachtung der Eltern ist eine „existenzielle Verletzung“

„Wir Überlebenden müssen lernen, mit bestimmten Fakten zu leben und damit umzugehen“, sagt Gesine Palmer, Religionsphilosophin und Trauerrednerin. Doch mit der Verachtung der eigenen Eltern zu leben sei das Schwerste, was es gebe. Das sei eine „existentielle Verletzung“. Hinzu komme, dass der Moment des Sterbens viel bedeutungsgeladener sei als viele andere Momente. „Alles, was da passiert, hat eine Relevanz, die nach dem Tod bleibt. Damit müssen die Nachkommen, solange sie leben, umgehen.“

Deswegen müsse man solche letzten Momente in Relation zum ganzen gelebten Leben setzen. Eine Tochter wie Claudia W. habe sich ja nichts vorzuwerfen. Sie müsse aber fortan mit dem Wissen leben, dass sie sich nicht versöhnen konnte, und könne nach dem Tod der Mutter lediglich versuchen zu lernen, sich selbst anzunehmen und das Vorgefallene nachzuarbeiten.

Keine Pflicht zur Versöhnung

Denn eine Pflicht zur Versöhnung, da ist sich die Religionsphilosophin sicher, gibt es nicht. „Vielleicht war es für diese Mutter die letzte Waffe der Verzweiflung, die Versöhnung zu verweigern“, mutmaßt sie, „und dazu hat sie das Recht!“ Andererseits könne unsere Menschlichkeit uns aber auch veranlassen, uns mit Menschen zu versöhnen, mit denen wir uns eigentlich nicht versöhnen wollten.

So war es bei Heike S.. Ihre Eltern sind geschieden, sie ist bei ihrer Mutter aufgewachsen. „Sie war sehr streng und prügelte mich regelmäßig grün und blau, manchmal auch mit einem Stock. Sie brauchte mich nur anzugucken, und ich machte mir schon vor Angst in die Hose“, erzählt die Tochter, die heute 45 ist. Mit 21 sei sie ausgezogen, weit weg. Vier Jahre später habe sie die Mutter noch einmal gesehen, dann siebzehn Jahre lang überhaupt nicht. Sie habe sich zwar zwischendurch immer mal wieder gefragt, ob sie sich bei ihr melden solle, aber erst vor drei Jahren habe sie es dann wirklich getan. „Einfach weil ich mich gefragt habe: Wenn ich jetzt erfahren würde, dass sie gestorben ist - wie wäre das für mich?“ S. beschloss, dass sie ihre Mutter vorher noch einmal sehen wollte.

Erster Besuch nach 17 Jahren – Mutter liegt im Krankenhaus

Was sie nicht wusste: Ihre Mutter war zu dem Zeitpunkt im Krankenhaus. Als Heike S. in ihr Zimmer trat, saß sie an einem Tisch in ihrem Krankenzimmer, „und sie sah völlig anders aus als siebzehn Jahre zuvor, sie war so gebrechlich, es war ein Schock für mich“, erzählt S. Sie habe sich zu ihr gesetzt und ihre Hand genommen und habe völlig überrascht gemerkt, dass die Mutter sich freute, sie zu sehen. „Das war eine positive Erfahrung für mich, die ich von früher nicht kannte. Ich habe schrecklich geweint.“ Die Mutter indes habe in diesem Moment des Wiedersehens keine Regung gezeigt.

Viel miteinander gesprochen hätten sie an diesem Tag nicht, „aber ich habe ihr gesagt, dass ich sie trotz allem, was sie mir angetan hat, geliebt habe. Und dass ich alles bedaure, was geschehen ist.“ Die Mutter habe geantwortet: „Ich weiß.“ Aber S. ist sich nicht sicher, ob ihre Mutter verstanden hat, was sie ihr sagen wollte. „Sie war damals schon schwer krank und durch die vielen Medikamente nicht ganz bei sich.“ Sie wartet auf das Sterben, bis zum heutigen Tag - S. hat sie seitdem einige Male besucht.

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