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Indien-Expedition : Gefördert, gefeiert und vergessen

  • -Aktualisiert am

Forscher nach Alexander von Humboldts Vorbild: die Brüder Schlagintweit Bild: imagebroker / vario images

Die wegweisende Forschungsreise der Brüder Schlagintweit in den Himalaja und das Karakorum-Gebirge ist fast in Vergessenheit geraten. Eine Ausstellung in München würdigt nun endlich die Indien-Expedition, die im August 1857 ein tragisches Ende fand.

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          „Die Zeit, in der für uns vor wenigen Jahren noch so oft die heiteren Ferien begonnen, sollte für ihn, 28 Jahre alt, zur Ruhe in ernster Deutung werden“, schrieb Hermann Schlagintweit über den Tod seines Bruders Adolph. Im August 1857 fiel Adolph in Kashgar, einer Oasenstadt an einem Knotenpunkt der Seidenstraße, einem lokalen Machthaber in die Hände, der ihn hinrichten ließ. Es war der tragische Ausklang einer mehrjährigen Forschungsreise, welche die Brüder Schlagintweit, Hermann, Adolph und Robert, in den Himalaja und das Karakorum-Gebirge führte.

          Aufgewachsen in München, stehen die Schlagintweits in einer Reihe mit den großen Entdeckern des 19. Jahrhunderts. Doch ihre bayerische Heimat, die sonst in der Selbstinszenierung jeden Schein falscher Bescheidenheit meidet, hat es lange nicht übertrieben, sich mit den drei Brüdern zu schmücken. Allein der Höhenrekord, den die Schlagintweits 1855 aufstellten, als sie am Ibi Gamin bis auf 6785 Meter aufstiegen, wäre Grund genug gewesen, sie in bayerischen Geschichtsbüchern prominent zu plazieren - von Denkmälern auf bayerischen Plätzen ganz zu schweigen.

          Die Kraft der dauerhaften Würdigung fehlt

          Auch jetzt herrscht noch vornehme Zurückhaltung. In einer Ausstellung im Alpinen Museum in München können zwar Einblicke in das Wirken der Schlagintweits gewonnen werden. Sie wird aber nur bis zum 10. Januar nächsten Jahres zu sehen sein; danach werden die Exponate wieder in die Depots und Archive zurückkehren und die Schlagintweits aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden. Die Kraft zur dauerhaften Würdigung fehlt immer noch - ein seltsam geschichtsvergessener Umgang.

          Vielleicht bedarf es erst amerikanischer Drehbuchschreiber, um den Schlaginweits in ihrer Heimat die gebührende Wertschätzung widerfahren zu lassen. Hollywood-Format haben schon ihre frühen Forscherjahre, als ihnen 1851 fast die Erstbesteigung des Monte-Rosa-Massivs gelungen wäre; nur wenige Meter vor dem Hauptgipfel mussten sie umkehren. Adolph habilitierte sich danach als Geologe mit einer Arbeit über den Monte Rosa; Hermann hatte diese akademische Würde schon zuvor als Geograf mit einer Untersuchung über die alpine Temperaturentwicklung errungen.

          Die Mischung aus motorischen und intellektuellen Fähigkeiten der Schlagintweits faszinierte Alexander von Humboldt, der zum Mentor der Brüder wurde. Humboldts internationalen Verbindungen verdankten es die Brüder - zu Hermann und Adolph stieß noch der jüngere Robert -, dass sie 1854 nach Indien und Zentralasien aufbrechen konnten. Sie konnten nicht einfach ihre Rucksäcke schnüren und eine Schiffspassage buchen; ihre Expedition war nicht nur ein wissenschaftlich, sondern auch finanziell ambitioniertes Großunternehmen, das politischer Verbindungen bedurfte.

          Wettstreit mit Messinstrumenten und Botanisiertrommeln

          Der Konstanzer Historiker Moritz von Brescius hat im Begleitbuch zur Ausstellung die Geschichte der Expedition akribisch nachgezeichnet. Nach ersten Rückschlägen gelang es den Schlagintweits, einen Auftrag von der „East India Company“ zu erhalten, die in Indien als Kolonialmacht agierte und auf die Stabilisierung und Ausdehnung der britischen Einflusssphäre bedacht war. „The Great Game“, der große Wettstreit um die Dominanz in Asien zwischen Großbritannien und Russland, wurde auch mit Messinstrumenten und Botanisiertrommeln ausgetragen.

          Die Entscheidung der „East India Company“ für die bayerischen Forscher entsprang der Not. Nach dem plötzlichen Tod eines britischen Offiziers, der einen „Magnetic Survey of the Eastern Archipelago“ vorantreiben sollte, wurde Forscherdrang, gepaart mit Abenteuerlust und bergsteigerischem Können gebraucht. Die Wahl fiel auf die Schlagintweits - nicht zur Freude mancher britischer Wissenschaftler. Die preußische und die bayerische Krone beteiligten sich in bescheidenem Maß an der Finanzierung; die Expeditionsregie blieb bei den Briten.

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