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Exorzismus : Wenn aus Epilepsie Dämonen werden

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Anneliese Michel starb mit 23 Jahren an Unterernährung. Bild: picture-alliance/ dpa

Im Juli 1976 starb mitten in Bayern Anneliese Michel nach einer Teufelsaustreibung. Die Historikerin Petra Ney-Hellmuth hat den Fall untersucht. Ein Gespräch über die Schuldfrage, Dämonen und Exorzismus heute.

          Frau Ney-Hellmuth, am 1. Juli 1976 starb eine junge Frau in einem Dorf in der Nähe von Würzburg an Unterernährung. Vorher wurde bei ihr ein Exorzismus, also eine Teufelsaustreibung, ausgeführt. Was ist damals passiert?

          Anneliese Michel war eine junge Frau, die in einem religiösen Umfeld groß wurde. Sie litt an Epilepsie und wurde behandelt, allerdings ohne den gewünschten Erfolg. Da haben sich die sehr religiösen Eltern an einen Exorzisten gewandt.

          Was ist ein Exorzismus?

          Unter Exorzismus muss man sich eine Form des Gebets vorstellen. Man hat ihn 1999 so reformiert, dass ein Arzt zugegen sein muss. Der Bischof, der den Exorzismus im Fall Anneliese Michel in Auftrag gab, hatte zwar nicht ausgeschlossen, dass ein Arzt dabei ist. Aber so war es eben leider nicht.

          Wofür braucht man dabei einen Arzt?

          Anneliese Michel war sehr gläubig, ihre Eltern waren sehr gläubig. Sie haben gehofft, dass ein Gebet hilft. Anneliese magerte in diesem Zeitraum aber so stark ab, dass sie gestorben ist. Hätte man einen Arzt hinzugezogen, wäre es nie so weit gekommen. Anneliese Michel wog, als sie starb, nur noch 31 Kilogramm.

          Warum hat niemand etwas unternommen?

          Die Eltern hatten den Fall in die Hände der Priester gelegt und glaubten, die hätten die Verantwortung übernommen. Und die Priester sagten, sie seien nur für das Seelenheil zuständig gewesen, die Eltern hätten eingreifen müssen.

          Und was sagten die Eltern hinterher?

          Sie waren schockiert, dass ihre Tochter gestorben war. Der Vater sagte am Prozessende aber auch, dass er nicht glaube, etwas falsch gemacht zu haben. Ihre Tochter habe sich im Grunde geopfert.

          Der Exorzismus ist ein 400 Jahre altes Ritual. Ist denn die Vorstellung, dass Teufel in einem Menschen sind, noch zeitgemäß?

          Ich bin keine Theologin, keine Kirchenhistorikerin, nicht einmal katholisch. Für die einen Katholiken ist das Alltag, da kommen Dämonen und Teufel wirklich vor. In anderen Kreisen ist der Teufel eher ein Symbol für das Böse.

          Es werden immer noch Priester im Exorzismus ausgebildet.

          Ja. In anderen Ländern wie Italien ist das nicht so tabuisiert wie in Deutschland seit dem Fall Anneliese Michel. Man hat selten von einem offiziellen Fall gehört.

          Woran wollte man erkannt haben, dass Anneliese Michel von Dämonen besessen war?

          Der sogenannte Exorzismus-Experte Pater Rodewyk hat damals das Gutachten erstellt. Er hat verschiedene Beispiele angeführt: zum Beispiel, dass Anneliese Michel fremde Sprachen verstand oder Weihwasser von nicht geweihtem unterscheiden konnte.

          Wie wurde der Fall im Dorf Klingenberg gesehen, in dem die Familie Michel gelebt hat?

          Es hat kaum jemand mitbekommen. Die Exorzismen wurden in einem Zimmer vorgenommen, das in Richtung der Weinberge lag. Man hat nichts gehört. Es gab einen kleinen Kreis von Eingeweihten, aber der ganze Ort hat es nachweislich nicht gewusst.

          Wie kamen sie darauf, sich dieses Themas anzunehmen?

          Es gab 2007 hier in Würzburg eine Ausstellung zu Bischof Stangl, der den Exorzismus in Auftrag gegeben hat, an der ich mitgewirkt habe. Später erlangte ich Zugang zu Aktenbeständen der Diözese, die zum Teil vorher noch Sperrfristen unterlegen hatten. Die Diözese hat mich bereitwillig unterstützt. Es gab das Interesse, dass diese Akten ausgewertet werden.

          Gab es bei Ihren Recherchen einen Moment, der Sie besonders erschreckt hat?

          Es ist schon erschütternd, wenn man liest, wie Anneliese Michel ab einem gewissen Zeitpunkt abgeschirmt wurde, in Klingenberg und in Würzburg während des Studiums, so dass niemand von außen eingreifen konnte.

          Wie beurteilen Sie die Schuldfrage?

          Das ist sehr schwierig. Wer hat gesehen, wie schlecht es ihr wirklich geht? Der Bischof hat den Auftrag gegeben, war aber nie bei einem Exorzismus dabei. Für viele war er die zentrale Figur. Das lässt sich aber nicht nachweisen.

          Die Priester wurden verurteilt?

          Die Priester wurden angeklagt, die Eltern zuerst nicht. Das Gericht ist über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinausgegangen. Alle wurden wegen fahrlässiger Tötung zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Das Gericht meinte, die Eltern hätten keine Einsicht gezeigt.

          Anneliese Michel ist an den Folgen von Unterernährung gestorben. Gibt es denn tatsächlich einen Zusammenhang mit den Exorzismen?

          Sie hat nichts mehr gegessen und 500 bis 600 Kniebeugen am Tag gemacht, weil die Dämonen das angeblich befahlen.

          Also hat Anneliese Michel diese Selbstkasteiung als ihren Kampf gegen die Dämonen begriffen?

          Sie hat das ihrer Umwelt so auch mitgeteilt. Ihre Eltern und die Priester glaubten, zum 1. Juli kommt die Wende, und Anneliese fängt wieder an zu essen.

          Zum 1. Juli kam ja dann auch die Wende.

          Ja, aber auf ganz andere Art. Die Priester meinten, Anneliese habe auch schon vorher Phasen gehabt, in denen sie wenig aß, weil die Dämonen es ihr verboten.

          Könnte so etwas heute wieder passieren?

          Wohl nicht in diesem Ausmaß – auch wegen des Falls Anneliese Michel.

          Die Historikerin Petra Ney-Hellmuth hat über den Exorzismus-Fall promoviert. Ihr Buch „Der Fall Anneliese Michel: Kirche, Justiz, Presse“ ist im Verlag Königshausen & Neumann erschienen und wurde im April vorgestellt.

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