https://www.faz.net/-gum-9qcjd

Bielefeld-Verschwörung : „Man kann es nicht mehr zurücknehmen“

Der Erfinder der „Bielefeld-Verschwörung“: Achim Held Bild: dapd

Achim Held hat vor 25 Jahren die Verschwörungstheorie in die Welt gesetzt, dass Bielefeld nicht existiert. Jetzt hat die Stadt eine Million Euro für den Beweis ausgelobt, dass diese Theorie stimmt. Was sagt der Erfinder dazu? Ein Interview.

          Herr Held, Sie haben vor 25 Jahren die Theorie in die Welt gesetzt, dass Bielefeld gar nicht existiert. Jetzt hat die Stadt eine Million Euro für den Beweis ausgelobt, dass diese Theorie stimmt – und wirbt für diese Aktion auf der Homepage, auf der Sie über die Verschwörung berichtet hatten. Sind Sie gekauft worden?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Nein, das war alles immer als Satire gemeint. Ich habe nie an der Existenz der Stadt gezweifelt. Mit meinem Text wollte ich mich im Gegenteil über besonders absurde Verschwörungstheorien lustig machen. Jetzt hat die Stadt Bielefeld mich darum gebeten, meine Internetseite für diese Aktion zur Verfügung zu stellen. Das habe ich sehr gerne gemacht. Ich hatte so lange meinen Spaß, ein bisschen auch auf Kosten der Stadt. Mich hat es immer gefreut, wenn ich zufällig von der Theorie gehört habe. Am Ende werde ich den ursprünglichen Text wieder auf die Homepage stellen, ergänzt durch eine kleine Passage vielleicht. Ich bin gespannt, was uns die Leute da jetzt für Beweise zuschicken. 

          Was war das Erfolgsrezept Ihrer Theorie?

          Die Grundlage ist ganz einfach: Egal wen sie fragen, fast jeder antwortet auf die Frage „Warst du schon mal in Bielefeld?“ mit „Nein“. Das ist mir mit Freunden 1993 auf einer Party in einem Kieler Studentenwohnheim aufgefallen. Ein Student hatte gesagt, er käme aus Bielefeld, ein Bekannter antwortete: „Bielefeld gibt es doch gar nicht.“ Fast jeder, den wir daraufhin danach gefragt haben, war noch nie in Bielefeld – einfach weil es touristisch doch eine recht farblose Stadt ist. Wenig später sind wir zufällig auf der Autobahn an Bielefeld vorbeigefahren – und wegen einer Baustelle war auf allen Schildern „Bielefeld“ durchgestrichen. Daraufhin habe ich den Text mit der Verschwörungstheorie geschrieben, dass „die“ uns die Existenz der Stadt nur vorgaukeln, Landkarten manipulieren und Autos mit gefälschten BI-Kennzeichen überall durchs Land fahren lassen. Bei der Frage, wer dahinter stecken könnte, habe ich die üblichen Verdächtigen genannt: Geheimdienste, Aliens, was man da halt gerne nennt.

          Was sollte man nicht machen, wenn man eine Verschwörungstheorie in die Welt setzt?

          Auf keinen Fall zu konkret werden. Dafür aber Gegenbeweise schon aufgreifen und ins Gegenteil verkehren: Zum Beispiel, dass es doch auffällig sei, dass überall im Land Autos mit BI-Kennzeichen herumfahren.

          Was haben Sie sonst über Verschwörungstheorien gelernt?

          Zum einen, dass man sofort die Kontrolle darüber verliert, wenn man so etwas in die Welt setzt. Man kann es nicht mehr zurücknehmen, das entwickelt eine Eigendynamik. Zum anderen kann kein Text so doof sein, dass nicht doch irgendjemand denkt, es ist ernst gemeint.

          Könnte man nach dem Modell #bielefeldmillion auch andere Verschwörungstheorien beerdigen?

          Wer ein echter Verschwörungstheoretiker ist, denkt sofort, das sei ein Teil der Verschwörung – zum Beispiel um Leute anzulocken, die der Verschwörung auf der Spur sind und ausgeschaltet werden sollen. Es gab auch in meinem Fall Menschen, die wirklich an die Theorie geglaubt haben. Einer stand sogar mal bei mir vor der Tür und hat erzählt, dass er auch irgendwelchen Verschwörungen auf der Spur sei und verfolgt werde. Da wurde ich als möglicher Mitstreiter angesehen.

          Wollen Sie sich jetzt eine neue Theorie ausdenken?

          Nein, das war ein Überraschungserfolg, den kann man nicht wiederholen. Da würde ich mich nur lächerlich machen.

          Die Bielefeld-Verschwörungstheorie soll am Ende der Aktion offiziell beerdigt werden – wie genau?

          Das kann ich noch nicht sagen. Außerdem: Vielleicht kann ja doch jemand beweisen, dass Bielefeld nicht existiert.

          Würde Sie das freuen?

          Nein, dann wäre mein Text ja hinfällig, weil es allgemein anerkanntes Wissen wäre, dass Bielefeld nicht existiert.

          Also ist die Theorie in jedem Fall verloren?

          So kann man es sehen. Aber am Ende ist es unmöglich, eine Verschwörungstheorie wirklich aus der Welt zu kriegen. Sie wird weiterleben – da muss ich die Bielefelder leider enttäuschen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klopp beim FC Liverpool : Kurz vor der Königsweihe

          Jürgen Klopp hat mit Liverpool die Champions League gewonnen, die Fans aber sehnen seit beinahe dreißig Jahren die Meisterschaft herbei. Sie wollen nicht mehr warten.
          Oktober 2018: Polizisten drängen mehrere Demonstranten gegen den Landesparteitag der AfD Niedersachsen in Oldenburg ab (Symbolbild)

          Opferbefragung : Studie: Deutlich mehr Fälle von Polizeigewalt

          Bei Demonstrationen und Fußballspielen kommt es offenbar besonders oft zu Eskalationen: Eine Studie der Universität Bochum legt nahe, dass Polizisten deutlich häufiger als bisher gedacht ungerechtfertigte Gewalt anwenden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.