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Eurovision Song Contest : Lena Meyer-Landrut singt in Oslo

Ungewöhnliche Musikauswahl, unbekümmerte Ausstrahlung: Lena Meyer-Landrut singt für Deutschland in Oslo Bild: dpa

Die Hannoveranerin Lena Meyer-Landrut singt für Deutschland beim Eurovision Song Contest. Die 18-jährige Abiturientin setzte sich im Finale der Castingshow „Unser Star für Oslo“ gegen ihre Konkurrentin Jennifer Braun aus Hessen durch.

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          Kurz vor dem Ende, als man wegen der endlosen Wiederholungen der Einspieler und der einschläfernden Jury schon nicht mehr daran geglaubt hatte, kam tatsächlich noch so etwas wie Spannung auf im „Unser Star für Oslo“-Studio in Köln-Mülheim. Denn „Li-La-Laune-Lena“ Meyer-Landrut, die unbestrittene Favoritin des Abends, patzte bei ihrem finalen Auftritt, während Jennifer Braun ihr Stück noch einen Hauch souveräner dahinröhrte als sonst. Dabei hatte bis dahin alles ganz so ausgesehen, als wäre „das Lena-Girl“ (Meyer-Landrut) eigentlich schon so gut wie auf dem Weg nach Oslo.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Beide Finalistinnen hatten zuerst zwei Mal dieselben Lieder gesungen, die Stefan Raab und sein Team aus 400 eingesandten Titeln ausgewählt hatten - zuerst den netten, aber arg harmlosen Song „Bee“, dann „Satellite“, den beide völlig unterschiedlich interpretierten. Jennifer Braun sang ihn als langsame Ballade, Lena Meyer-Landrut drehte die Geschwindigkeit auf und gab dem Stück durch ihre „koboldhafte Art“ (Stefan Raab) wie immer etwas Schräges, aber auch Interessanteres.

          Der entscheidende Auftritt: Lena Meyer-Landrut am Freitag abend in Köln

          Hier hob sich die 18 Jahre alte Hannoveranerin das erste Mal ab von ihrer gleichaltrigen Konkurrentin aus Eltville in Hessen, aber selbst das konnte die wie sediert wirkende Jury, neben Stefan Raab bestehend aus Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß und Schmuserapper Xavier Naidoo nicht zu größeren Emotionen hinreißen. Raab brachte die Überflüssigkeit der Juroren an diesem Abend in dem geradezu dadaistischen Satz auf den Punkt: „Es ist alles gesagt, was gesagt worden ist.“ Niemand wollte so kurz vor der Abstimmung noch das Publikum beeinflussen, also blieb es bei den immer wiederkehrenden Floskeln - wie toll sie das alles meisterten, „was auf ihren Schultern laste an so einem Tag“ (Naidoo), und das, „wo sie doch erst 18 Jahre alt sind“ (Kloß).

          Das Publikum im Saal klatschte zwar auch begeistert für Jennifer, aber die Sympathien lagen von Anfang an klar bei der sich gerne schrullig gebenden Lena. Sobald sie in einem Einspieler einen ihrer typischen Kommentare machte - etwa als sie erzählte, dass sie sich einen nach Fanta schmeckenden Lippenstift gekauft habe, eigentlich aber Spezi lieber möge und deshalb nun auch noch einen mit Colageschmack benutze - schlugen sich die Menschen im Saal verzückt auf die Schenkel.

          Raab war sichtlich enttäuscht

          Erst beim dritten Lied sangen die beiden Mädchen Unterschiedliches - für jede von ihnen war ein Stück ausgewählt worden, das besonders gut zu ihrem Stil passen sollte. Wie Stefan Raab später auf der Pressekonferenz erzählte, hatte er gemeinsam mit Lena Meyer-Landrut erst vor wenigen Tagen das Lied „Love Me” für sie komponiert, weil es ansonsten so schwierig gewesen sei, geeignetes Material zu finden. Bei Jennifer sei das einfacher gewesen, weil sie einen klassischeren Stil habe. Während „Love Me“ nach einer hübschen, aber unauffälligen Mischung aus all den Indie-Pop-Songs klang, die Lena während des Wettbewerbs gesungen hatte, war Jennifers Rockballade „I Care for You” so eingängig, dass man sie beim zweiten Auftritt schon für einen Hundertfach gehörten Ohrwurm halten konnte.

          Beide Songs kamen beim Saalpublikum gut an, aber die Fernsehzuschauer ließen nur Jennifer ihren Wunschtitel - von Lena wünschten sie sich „Satellite“. Als die Entscheidung bekannt war, bemühte Raab sich kaum, seine Enttäuschung zu verbergen und sprach von „demokratischen Entscheidungen“, die man zu respektieren habe. Erst später verstand man, warum es ihn ärgerte - weil eben nicht sein eigener Song für Lena vom Publikum gewählt worden war.

          Naidoo weitgehend unbemerkt

          Nun mussten beide Mädchen also abermals mit den potenziellen Oslo-Titeln auftreten, und hier nun patzte Lena, die sich vermutlich auf „Love Me“ gefreut hatte, vergaß am Ende ein bisschen Text, und wirkte auch nicht ganz so crazy und locker und spritzig wie sonst. Jennifer Braun hingegen, die mit der Wahl sichtlich zufrieden war, konnte dank ihrer tiefen, durchdringenden Stimme mal wieder „ordentlich abledern“ (Raab).
          Und dann kam eben wirklich Spannung auf. Die Telefonleitungen waren offen, und Xavier Naidoo stellte, weitgehend unbeachtet sowohl vom Studiopublikum als auch von den zwei Kandidatinnen, die sich währenddessen angeregt mit den Moderatoren der Sendung unterhielten, einen neuen Song vor, der deutlich weniger Applaus bekam als jeder einzelne Auftritt der beiden Finalistinnen zuvor.

          Die Jury wurde zu Naidoos Performance nicht befragt. Aber weil natürlich noch Zeit zu überbrücken war, piesackten die Moderatoren die sicherlich sterbensnervösen Mädchen mit Fragen wie: „Kannst Du Dir vorstellen, in Oslo in dieser riesigen Halle zu singen?“ Spätestens da war man froh über Meyer-Landruts direkte Art, die antwortete: „Natürlich kann ich mir das nicht vorstellen, ich hab's ja noch nicht erlebt.“ Dann endlich, nach weiteren unzähligen Telefonnummernansagen und Schnelldurchläufen, war der Moment der Entscheidung da, und als der Doppelname auf der Leinwand erschien, stürmte Stefan Raab auf die Bühne. Als erstes aber umarmte er nicht Lena, die Siegerin, sondern Jennifer, und zwar lange und herzlich. Sie erzählte später, er habe ihr in diesem Moment gesagt, dass er sich schon auf ihre erste Single freue.

          Da saß sie, bei der Pressekonferenz, neben Christian Durstewitz und den anderen ausgeschiedenen Kandidaten, während vorne Lena Meyer-Landrut hinter einer Traube von Fotografen verschwand und deren Aufforderung, sie solle die Arme hochnehmen zum Jubeln, auf ihre eigene Art parierte: „Ich hab aber Schweißflecken!“ Es könne so schnell passieren, dass sich die Dinge änderten, hatte Jennifer am Ende der Show gesagt. Ganz schön klug für ein Mädchen von 18 Jahren, würde die Jury dazu wahrscheinlich sagen. Und sie hätte damit Recht.

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