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Eurovision Song Contest : In Westernstiefeln nach Athen

Siegerpose: die Sängerin Jane Comerford Bild: dpa/dpaweb

Beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest tat der ausrichtende NDR viel dafür, daß die Veranstaltung diesmal nicht peinlich wurde. Olli Dittrich tat mit seiner Country-Combo Texas Lightning das seine dazu. Und gewann.

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          Nach dem bitteren WM-Vorgeschmack der Klinsmann-Truppe in Italien hat der gestern abend in der ARD ausgestrahlte Grand-Prix-Vorentscheid eine Einsicht verstärkt, die viele seit langem fürchten: Deutschland ist nicht nur keine Fußballnation mehr - wir sind, falls wir es je waren, auch keine Sängernation mehr. So war es nur folgerichtig, daß am Austragungsort des Vorentscheids, dem Hamburger Schauspielhaus, eine australische Sängerin mit deutscher Country-Begleitung namens „Texas Lightning“ gewann.

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          Zum Glück schien die Einsicht, daß Deutsche derzeit nicht besonders schön singen können, dem ausrichtenden Sender NDR schon vertraut, so daß man alles tat, um Peinlichkeiten zu vermeiden. Kurz: man ließ möglichst wenige Landsleute singen. Statt früher zehn durften nun - leider läßt sich dieses Konzept nicht auf den Fußball übertragen - nur drei auf ihrem Feld ausgewiesene Profis auflaufen: Thomas Anders, eine Art Hansi Müller des deutschen Pop, die besagte, sehr kompakt stehende Country-Band „Texas Lightning“ und schließlich die Griechin Vicky Leandros, einem Schlagerlibero internationalen Formats, der in Athen, dem Austragungsort des Grand Prix 2006, zudem Heimvorteil gehabt hätte.

          English: twelve points

          Man verließ sich beim NDR also ganz auf erfahrene Stimm-Legionäre und tat gut daran. Denn die bekannt schwächere Alternative offenbarte sich in einem Beiprogramm-Medley mit ehemaligen deutschen Vorentscheids-Siegerinnen, bei dem man neben Mary Roos und der verdienten Joy Fleming auch Corinna May, Michelle und Lou mitmachen ließ.

          „Texas Lightning” zieht ins „Duell der Cowboys”
          „Texas Lightning” zieht ins „Duell der Cowboys” : Bild: AP

          Die Muttersprache des Abends war Englisch, und - auch das ist neu und fiel trotz mangelnder Identitätsstiftung positiv auf - man hörte dank der Vertreibung Ralpf Siegels und dem Abdrängen Dieter Bohlens nach Rumänien, wo er sich mit der Gruppe Indiggo und dem Titel „Be my Boyfriend“ nicht qualifizieren konnte, bei einem deutschen Vorentscheid noch nie ein solch elaboriertes Englisch wie am gestrigen Tag. English: twelve points.

          Als guter Griff erwies sich auch, daß die ARD die Gestaltung des öffentlich-rechtlichen Abends in die Hände von privaten Entertainern wie Thomas Hermanns, Dirk Bach und Hape Kerkeling legte. Das Ergebnis war zwar nicht berauschend, aber immerhin besser als bei den letzten Vorentscheiden mit hauseigener Lösung.

          Reförmchen auf Nummer sicher

          Die drei Bewerbungslieder waren von annehmbarem bis gutem Niveau. Thomas Anders präsentierte die vielleicht harmonischste Nummer des Abends, wobei er sich stimmlich jedoch derart offensichtlich an Johnny Logan heranschmiß, daß sein Kalkül zunehmend verstimmte.

          Vicky Leandros wirkte bei ihrem Auftritt stimmlich leicht unsicher. Auch verlor sich ihr Beitrag anfangs in einem seltsam getragenen Sprechgesang, bevor er in klingendes Pathos überging. Dennoch war nicht abzusehen, daß „Texas Lightning“ gewinnen würde. Denn trotz bemerkenswerter Sängerin und sattem Country-Sound fehlt es dem Lied „No No Never“ gerade im Refrain an Variabilität und Überraschungspotential. Von diesem Mangel freilich lebt die Country-Musik. Es fragt sich nur, ob zum Beispiel auch unsere östlichen Nachbarn beim Song Contest in Athen dafür Verständnis haben werden.

          Und eines ist nach der gestrigen, mit großer Anstrengung die hausgemachte deutsche Gesangsmisere übertünchenden Veranstaltung auch klar: Die Reform des Vorentscheids ist ein typisch institutionell getragenes deutsches Reförmchen auf Nummer sicher, im Grunde aber kaum fortsetzungsfähig.

          Eine wirkliche greifende Reform hingegen, samt Wahrung deutscher Texte, gibt es bereits. Sie stammt vom gerne als Schmuddelkind behandelten Stefan Raab und heißt „Bundesvision Song Contest“. In Zukunft wird beim Vorentscheid für den Grand-Prix schwer an ihr vorbeizukommen sein.

          (Siehe auch: Grand-Prix-Vorentscheid 2006: Nur Gewinner)

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