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Eurovision Song Contest : Gracia singt für Deutschland

  • Aktualisiert am

Versteckte nicht alles: Gracia erfolgreich mit „Run and Hide” Bild: REUTERS

Es war das Duell der ehemaligen Casting-Stars: Gracia hat sich am Samstag abend gegen das Duett von Nicole Süßmilch mit Marco Matias durchgesetzt und wird für Deutschland beim Grand Prix singen.

          Gracia vertritt Deutschland beim Finale des Eurovision Song Contest. Die aus der Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ bekannte Sängerin gewann am Samstag abend in Berlin mit demSong „Run and Hide“ den deutschen Vorentscheid.

          „Ich bin überrascht und freue mich, daß ich Deutschland in Kiew vertreten darf“, sagte die 22jährige Sängerin nach der Show. Das Finale des Eurovision Song Contest findet am 21. Mai in Kiew statt. Gracia war zusammen mit dem Duo Nicole Süßmilch und Marco Matias nach der ersten Abstimmungsrunde in die Stichwahl gekommen. Die Zuschauer entschieden sich dann mit 52,8 Prozent knapp für Gracia, Nicole Süßmilch und Marco Matias erhielten 47,2 Prozent. Nach dem ersten Wahlgang hatte das Duo noch vor Gracia gelegen.

          Auch Süßmilch und Matias waren durch Castingshows bekannt geworden, Süßmilch stand in der Finalrunde von „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL), Matias wurde Zweiter bei „Die Deutsche Stimme 2003“ (ZDF). Sie sangen die von Grand-Prix-Veteran Ralph Siegel komponierte Ballade „A Miracle of Love“.

          Das Wunder blieb am Ende aus: Marco Matias und Nicole Süßmilch - Saures für Siegel

          Schwache Quote

          Doch auch die jungen Castingshow-Kandidaten bringen der ARD kein Glück: Nur 3,56 Millionen Menschen interessierte der deutsche Vorentscheid, noch einmal 2 Millionen weniger als im vergangenen Jahr.

          Bei dem Wettbewerb waren zehn zumeist unbekannte Künstler an den Start gegangen, zu den etabliertesten gehört das Popduo Orange Blue. Gracia war jedoch schon im Vorfeld von den Fans als Favoritin gehandelt worden.

          Hausgemachte Konkurrenz

          Der Produzent ihres Rocksongs, David Brandes, kann beim Finale in Kiew gleich zwei seiner Schützlinge die Daumen drücken. Er schickt auch die Band Vanilla Ninjas für die Schweiz in den Wettbewerb. „Das ist eine komische Situation, die ich befürchtet habe“, sagte Brandes nach der Show in Berlin. Beim Finale werde er neutral sein. Gracia hat nach eigenem Bekunden kein Problem mit der Konkurrenz aus dem eigenen Haus: „Ich freue mich, meine Freundinnen von den Vanilla Ninjas in der Ukraine zu treffen.“

          Die Fernsehzuschauer der von Reinhold Beckmann moderierten Sendung entschieden per Telefon und SMS über den deutschen Vertreter bei dem Eurovision Song Contest. Nach Angaben des Organisators Jürgen Meier-Beer gingen im ersten Wahlgang und bei der Stichwahl knapp eine Million Anrufe und SMS ein. Im vergangenen Jahr hatte der von Entertainer Stefan Raab in den Wettbewerb geschickte Max Mutzke den deutschen Vorentscheid gewonnen, im internationalen Vergleich aber schließlich nur den 8. Platz belegt.

          Probleme mit dem Oberteil

          Gracia legte in der Arena in Treptow einen rockigen Auftritt hin: Unter dem schwarzen Ledermantel nur ein schwarzer BH, die neuerdings dunklen Haare von der Windmaschine zerzaust, ein Hauch von Alanis Morissette - das bringt die Fans zum Kreischen. Gracia singt über einen Mann, der den Frauen übel mitspielt, der Text ist aber nicht so wichtig. Mehr Aufmerksamkeit erregt, als sie nach dem Ende der Show plötzlich eine Weste trägt, weil ihr Oberteil gerissen sei, wie sie erzählt. So cool, wie sie dieses Malheur kaschiert, wirkt Gracia die ganze Zeit.

          Als sie nach dem Sieg von der internationalen Vorjahressiegerin Ruslana in die ukrainische Flagge gehüllt wird, zeigt Gracia den Fotografen ein strahlendes Profi-Lächeln. „Es wird gigantisch“, ruft sie. „Ich finde es klasse, daß ich Deutschland vertreten darf.“

          Abgekühlte Freundschaft mit Küblbock

          Das Lächeln verschwand, als es um Daniel Küblböck ging. Der erlitt seinerzeit bei „Deutschland sucht den Superstar“ einen hysterischen Anfall, als Gracia ausschied. Mittlerweile ist die Freundschaft abgekühlt. „Daniel hat mich nicht unterstützt, obwohl ich ihn gebeten hatte.“

          Angesichts des knappen zweiten Platzes - und der verpaßten 15. Finalteilnahme - sprach Ralph Siegel von ein „paar Freuden- und kleinen Trauertränen“. Ob Siegel, der sich unter Pseudonym beworben hatte, 2006 wieder antritt, lässt er offen. Seine Nicole und Gracia kennen sich von der RTL-Show, auch Marco Matias wurde bei einem Castingformat entdeckt - in der ZDF-Show „Die deutsche Stimme“.

          Ambitionierte Szene

          Spaß- und Blödelkandidaten gab es diesmal nicht, stattdessen zeigt sich Deutschlands Musikszene eher ambitioniert, einige Sympathien gewinnt Soulsänger Stefan Gwildis. Musikpate Heinz Rudolf Kunze glaubt angesichts der rockigen Töne bei den Frauen an eine neue Stilrichtung - den „Schlagergrunge“.

          Neu war diesmal, daß eine hochschwangere Sängerin (Königwerq) und ein Lied über Frauenliebe (Villaine) ins Rennen gehen - viele Extrapunkte brachte das nicht. Die Peinlichkeiten waren überschaubar: Ellen ten Damme sang einmal „plattgefickt“ statt „plattgeliebt“, ihr Pate Udo Lindenberg fuchtelte mit einer „Friedensknarre“ herum. Backstage-Moderatorin Milka war etwas hippelig, während Beckmann routiniert, aber mit wenig Esprit durch die Show führte. Ex-Grand-Prix-Star Guildo Horn war hinterher „bass erstaunt“, daß Gracia gewonnen hat. „Es ist mal was anderes“, sagte er auf der Aftershowparty diplomatisch.

          Eine Besonderheit: Der Siegel-Titel und Gracias Lied stammen vom selben Texter, Bernd Meinunger. Der dichtete seinerzeit auch „Ein bißchen Frieden“, mit dem Nicole 1982 den einzigen deutschen Sieg beim internationalen Wettbewerb holte. Vielleicht ist das ein gutes Omen zum 50. Jubiläum des Eurovision Song Contest.

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