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Der ESC und Corona : Das Finale ist auch Teil eines Forschungsprojekts

Die Vorbereitungen auf den Eurovision Song Contest laufen auf Hochtouren. Bild: EPA

In den vergangenen Tagen kam es in einzelnen Delegationen zu Corona-Fällen. Trotzdem geht der ESC in Rotterdam weiter – denn das Finale soll unter allen Umständen stattfinden und dient sogar der Wissenschaft.

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          Sängerin Montaigne konnte die Tränen nicht unterdrücken, als sie vor zehn Tagen den wenigen Journalisten im Pressezentrum neben der Ahoy-Arena Rede und Antwort stehen musste. Die Australierin wäre nur zu gerne nach Rotterdam und zum Eurovision Song Contest (ESC) gereist, doch ihrer Delegation war das Risiko zu groß. Die Fünfundzwanzigjährige nimmt nur virtuell und aus der Ferne teil. Im ersten Halbfinale an diesem Dienstagabend wird ein Video von ihrem Auftritt eingespielt, das unter Live-Bedingungen aufgenommen wurde. Alle 39 Teilnehmer mussten ein solches Video bis Ende März einreichen, als Plan B, falls ein Künstler sich mit dem Coronavirus infiziert und nicht auf der Bühne stehen kann.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Am vergangenen Mittwoch fühlte sich die Sängerin Kateryna Pavlenko der ukrainische Gruppe Go_A plötzlich unwohl, der Corona-Verdacht erhärtete sich allerdings nicht. Doch am Samstag gab es den ersten Corona-Fall in der polnischen Delegation, am Sonntag dann in der isländischen. Die Polen und Isländer befinden sich seither in Quarantäne, zudem durften vorsichtshalber auch die Delegationen aus Malta und Rumänien, die im selben Hotel wie die positiv Getesteten wohnen, nicht am offiziellen Empfang der Stadt Rotterdam und ihres Bürgermeisters Ahmed Aboutaleb am Sonntagabend teilnehmen.

          Strenge Regeln für die Zuschauer

          Die Niederlande sind noch immer Hochrisikogebiet mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von momentan 218. Die Zahlen haben sich in der vergangenen Woche zwar verbessert. Doch ohne eine Ausnahmegenehmigung der Regierung hätte der ESC unter normalen Umständen nicht stattfinden dürfen. Nun ist er Teil eines Forschungsprojekts, das sich Fieldlab nennt. Seit März schon finden in den Niederlanden Großveranstaltungen wie Konzerte und Partys mit Hunderten Zuschauern statt, die von Wissenschaftlern unter anderem der Universitäten in Delft und Breda überwacht werden. Wissenschaftlicher Leiter der Studie ist Andreas Voss, Professor für Infektionsprävention an der Radboud-Universität in Nimwegen. Erste Ergebnisse zeigen, dass es relativ unwahrscheinlich ist, sich in einem bestuhlten Theater oder einem Fußballstadion zu infizieren, wo im Schnitt 98 Prozent der Zuschauer, alle vorher negativ getestet und mit Sensoren um den Hals ausgestattet, die ganze Zeit ihren Mund-Nasen-Schutz trugen. Bei Musikfestivals und Technopartys hingegen stieg das Risiko stark an, da die Masken schon nach kurzer Zeit fielen.

          Auch beim ESC sind am Montagabend erstmals 3500 Zuschauer in der sonst gut 16.000 Zuschauer fassenden Ahoy-Arena zugelassen. Jeweils zwei der drei Generalproben sowie die beiden Halbfinale und das Finale finden mit Publikum statt. Jeder, der ein Ticket für die Shows ergattern konnte, muss strikte Regeln befolgen: Wenige Stunden vor der Veranstaltung müssen Fragen etwa nach möglichen Corona-Symptomen mittels einer App beantwortet werden. Beim Einlass in die Halle muss ein negativer Corona-Test vorgezeigt werden, der nicht länger als 24 Stunden zurückliegt. Zudem ist ein weiterer Test fünf Tage nach der Veranstaltung für jeden verpflichtend. Es gibt nur feste Sitzplätze, Mund-Nasen-Schutz ist vorgeschrieben auf dem Weg zum Platz oder zur Toilette, aber nicht während der Show, wenn die Zuschauer sitzen.

          Man nehme die Verantwortung nicht auf die leichte Schulter, die sich daraus ergebe, in diesen herausfordernden Zeiten einen ESC zu organisieren, sagt der Generalsekretär des Eurovision Song Contests, der Schwede Martin Österdahl. Die Zuschauer in der Arena aber, die an dem sicheren Fieldlab-Konzept teilnähmen, seien unentbehrlich für eine tolle Atmosphäre in der Arena, was für die Künstler auf der Bühne und das Publikum zu Hause von großer Bedeutung sei. Allerdings kann sich die Planung auch schnell wieder ändern. Das Szenario, die Liveshows ohne Zuschauer stattfinden zu lassen, sei noch nicht vom Tisch, sagt ihr Produzent, der Niederländer Sietse Bakker. „Wir stehen in ständigem Kontakt mit der Stadt, den Gesundheitsbehörden und den Krankenhäusern.“ Das Protokoll könne jederzeit „angepasst“ werden. Unter allen Umständen stattfinden soll aber das Finale – mit Künstlern auf der Bühne oder eben auch nur vom Band.

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