https://www.faz.net/-gum-83epg

Conchita Wurst : Die Queen of Disziplin

„Als Conchita mache ich mich ein Stück größer, als ich eigentlich bin“: Hinter der schrillen Bühnenfigur verbirgt sich eine zarte Seele, die in ihrem Leben einige Demütigungen einstecken musste. Bild: dpa

Vor einem Jahr siegte Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest – mit Bart und großer Geste. Was hat das mit ihr gemacht? Wir haben sie jetzt, kurz vor dem ESC 2015, in Wien getroffen.

          Sie trägt die Haare kürzer. Vielleicht hat sie sich ja den Rat einer anderen Kunstfigur zu Herzen genommen. Cher hatte vor einem Jahr der bärtigen Frau im fernen Europa zum Sieg beim Eurovision Song Contest gratuliert und ihr zugleich mit auf den Weg gegeben: „Du verdienst einen schöneren Namen und eine bessere Perücke!“ Doch bei näherem Hinsehen scheint das schulterlange, schwarze Kunsthaar aus einem Geschäft für Faschingsartikel zu stammen – Typ: Halbblut Apanatschi. Zu ihrem Namen steht Conchita Wurst ebenfalls noch, was sogar Cher einsehen musste: Der Name einer Dragqueen müsse eben lustig und leicht versaut sein. („Conchita“ ist im Spanischen ein Kosewort für die weibliche Scham, Wurst erklärt sich in dem Zusammenhang wie von selbst.)

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wien hat sich herausgeputzt. Am Samstag steht das Finale des Song Contest an, und Österreichs Hauptstadt weiß, wem sie dieses Spektakel, das zugleich eine große Ehre ist, zu verdanken hat. Conchita Wurst, die „Queen of Austria“, empfängt in der Suite 427 im „Le Méridien“ am Opernring. Zur Begrüßung steht sie auf, was höflich ist, aber auch ein wenig undamenhaft. Mit ihren weißen Pumps erreicht sie gute 1,80 Meter.

          Gleich auf die erste Frage gibt sie eine charmante Antwort: Wie sie angeredet werden möchte? „Was Sie sehen, ist das, was Sie bekommen – also bitte Conchita oder Frau Wurst.“

          Frau Wurst kleidet sich, wenn sie nicht auf der Bühne steht, eher bieder. Eine hochgeschlossene graue Bluse, dazu ein eleganter blauer Hosenanzug. Mit dem Outfit könnte sie sich als Sekretärin bewerben, wären da nicht die unnatürlich langen Wimpern, die schwarz umrandeten Augen. Aus der Nähe wirkt das lächerlich übertrieben. Der Mann, der unverkennbar in Frau Wurst steckt, trägt wie immer Bart. Wann sie das letzte Mal Tom Neuwirth war? „Heute Morgen und die ganze Nacht.“

          Conchita ist die Neue in der Familie Neuwirth

          Tom ist zu einem Geschöpf der Nacht geworden, das fast niemand mehr zu Gesicht bekommt. Selbst Mutter Helga, Vater Siegfried und der ältere Bruder Andreas haben sich an die Neue in der Familie gewöhnt: „Meine Eltern lieben es wahnsinnig, mit mir förmlich zu werden. Dann bin ich für sie Frau Wurst, und zur Begrüßung heißt es ,Angenehm‘ und ,Gnädige Frau‘, und wir lachen uns die ganze Zeit weg, wenn mein Papi mir noch in den Mantel hilft und die Tür aufhält.“ Ihr Papi sei stolz, dass er jetzt nicht nur zwei Söhne, sondern auch eine Tochter habe. Der größte Unterschied zwischen Tom und Conchita: „Tom spricht im österreichischen Dialekt, also steirisch, Conchita bestes Hochdeutsch.“

          Bildnis der Diva als junger Mann: Tom Neuwirth im Jahr 2007. Erst vier Jahre später erschuf Tom „Conchita Wurst“. Bilderstrecke

          In ihrem Buch „Ich Conchita“ schreibt Conchita Wurst von dem „verunsicherten Jungen“, der Tom Neuwirth lange war. Aufgewachsen in Bad Mitterndorf in der Steiermark mit 3000 Einwohnern, verkroch sich der kleine Tom am liebsten im Gasthaus Neuwirth auf dem Dachboden, den er „Grüne Höhle“ nannte, weil der Raum mit grünem Plüsch bezogen war. Dort schmetterte er Arien, trug die Kleider seiner Mutter und Oma auf und nähte sich selbst bald schöne Kleider. Die Eltern ließen ihren Sohn gewähren, der Vater sagte später zum ORF: „Das erste Mal, als er ein Kleid anzog, hat er nicht einmal richtig laufen können. Was hätte ich mir denken sollen? Dass er irgendwann einmal schwul wird? Nein, damit habe ich nicht gerechnet, denn das war er ja schon.“

          Das Comingout überforderte die Eltern zunächst. Tom, der mit 14 nach Graz auf die Modeschule gegangen war und dort einige Auftritte als Sänger und ein wenig Berühmtheit erlangt hatte, sprach mit 17 in einem Interview von seiner Homosexualität. Die Sorge, die Neuwirths müssten nun ihr Gasthaus schließen, war zwar unbegründet. Doch gab es nun einen weiteren Grund, den „weibischen“ Tom im Heimatort und auf der Modeschule zu demütigen.

          Dieser Tom verbirgt sich heute hinter der Kunstfigur Conchita Wurst, die 2011 geboren wurde. „Als Conchita bin ich sicherer in dem, was ich tue und sage, weil ich mich ein Stück weit größer mache, als ich bin. Ich bin auch auf der Bühne einen Hauch übertrieben, das liebe ich, und das bringt mir eine gewisse Sicherheit.“ Für sie war das Dragqueen-Dasein „ein Ausweg“, um einen Zwiespalt zu überwinden: „Ich will ein Privatleben, und ich will auf die Bühne, ich will die Aufmerksamkeit der Menschen, aber ich will in Ruhe gelassen werden.“ Ihre Lösung: „Ich erschaffe eine Bühnenfigur.“

          Eine Frau mit Bart: Das soll polarisieren

          Dass diese Figur nicht allein der harmlosen Unterhaltung dienen würde, war Tom von Anfang an klar: „Würde Conchita Wurst nicht polarisieren, was wäre ihr Sinn?“ Der Bart vor allem ist Stein des Anstoßes. Wie weit Menschen gehen würden, um ihre Abscheu zu zeigen, das hat die Frau mit den Haaren im Gesicht überrascht. „Gründe, warum ich mich nicht schäme, Österreicher zu sein: Adolf Hitler. Gründe, warum ich mich schäme, Österreicher zu sein: Conchita Wurst“ – die Kommentare im Internet sind nicht zu fassen.

          „Das Einzige, was mir dazu in den Sinn kommt, ist: Danke für die Aufmerksamkeit!“ Conchita Wurst versucht, flapsig mit den Anwürfen umzugehen: „Wenn ich deren größtes Problem bin, müssten sie dann nicht glücklich sein?“ Selbst Morddrohungen, von denen es reichlich geben soll, spielt sie herunter. „Es könnte mich nicht weniger tangieren, was andere Menschen über mich denken“, sagt sie scheinbar völlig gelassen. „Ich kann verstehen, wenn Menschen mich nicht konsumieren wollen. Was ich aber nicht verstehe, ist, dass sie dann doch so viel Zeit mit mir verbringen, nur um mir zu sagen, wie sehr sie mich nicht mögen.“

          Sie wundere sich, wenn Freunde ihr erzählten, was für schreckliche Sachen über sie gesagt und geschrieben werden. „Ich frage sie dann, warum schaut ihr euch das überhaupt an? Was habt ihr davon, ihr ärgert euch doch nur – also, ich ärgere mich wahnsinnig ungern.“ Polizeischutz hat sie nicht, und auch in ihrer Entourage um Manager René Berto gibt es keinen Leibwächter. „Wenn ich anfangen würde, Angst zu haben, wäre das das Ende meiner Karriere. Deswegen habe ich einfach keine Angst.“

          Berto hatte 2011 Conchita Wurst das Angebot unterbreitet, aus der wenig erfolgreichen Castingshow-Teilnehmerin einen Weltstar zu machen. Auch wenn er den künftigen Weltstar zunächst weiter in peinliche Reality-Shows schickte, der Tiefpunkt war 2013 mit „Wild Girls: Auf High Heels durch Afrika“ bei RTL erreicht, so kann Berto sich doch rühmen, den neben Arnold Schwarzenegger derzeit einzigen international bekannten österreichischen Star unter Vertrag zu haben. Die beiden haben sich in Los Angeles gerade erst verpasst. Und noch eine geplante Begegnung, aus der vielleicht ein musikalisches Projekt hätte werden können, kam nicht zustande: Udo Jürgens, der 1966 als Einziger zuvor den Grand Prix mit „Merci, Chérie“ für Österreich gewinnen konnte, starb im Dezember.

          Conchita Wurst traf sogar Ban Ki-moon

          Der Terminkalender der Wurst ist voll. Allein 4000 Interview-Anfragen galt es nach dem Grand-Prix-Gewinn im Mai zu bewältigen. Das Unternehmen Conchita Wurst mit etwas mehr als einer Handvoll Mitarbeiter hat sein Büro inzwischen unweit des Wiener Millenium Towers in Brigittenau. Von hier aus wird das Erfolgsprodukt vermarktet. Es vergeht kaum eine Woche, in der Österreichs Meistfotografierte nicht irgendwo für Schlagzeilen sorgt, meist auf einem Laufsteg oder roten Teppich.

          Dabei ist die „Queen of Disziplin“ (Berto), die sich selbst als Perfektionistin bezeichnet, darauf bedacht, sich keinesfalls untreu zu werden. Sie entscheidet, wo sie auftritt, was sie singt, was sie sagt. Dass sie dabei vielen als erstaunlich klug erscheint, egal ob sie bei Sandra Maischberger in der ARD oder in der BBC ist, ob sie in Brüssel vor EU-Parlamentariern oder in New York mit Ban Ki-moon spricht, findet sie überhaupt nicht komisch. „Ich rede einfach wahnsinnig gerne und viel, und ich glaube, Übung macht den Meister.“

          Das Treffen mit dem UN-Generalsekretär nennt sie den Höhepunkt ihrer vergangenen zwölf Monate, dagegen kommen all die Hochglanz-Veranstaltungen in Paris („Crazy Horse“), Cannes (Aids-Gala) und Los Angeles (Golden Globes) nicht an. „Mode und Singen sind ja, wenn man’s böse sagen will, eher die triviale Ecke. Es ist Kunst und Unterhaltung, aber keine Herzchirurgie. Somit war für mich, wenn es um das wahre Leben geht, das Treffen mit Ban Ki-moon das wahre Highlight. Dass so ein einflussreicher Mann eine Relevanz sieht in dem, was ich mache, so etwas Großes hätte ich nie erwartet.“

          Am Ende ihrer zwölf Monate als ESC-Siegerin hat Conchita Wurst noch ein neues Album auf den Markt gebracht: „Conchita“. Kein Schnellschuss, mit dem sie, wie viele es von ihr erwartet hatten, direkt nach dem Gewinn viel Geld hätte machen können, aber doch rechtzeitig zum diesjährigen Grand Prix in ihrer Heimat.

          Zum Abschied erhebt sich Conchita Wurst vom Sofa. „Nur weil viele dachten, dass alles falsch war, was ich gemacht habe, ist es das ja noch lange nicht gewesen.“ Denn dafür sei sie ganz schön erfolgreich. Dann wird sie noch einmal nachdenklich und meint: „Am Ende des Tages wollen wir doch alle nur das Gleiche: Wir wollen respektiert werden, wir wollen geliebt werden, und das wollen wir in Freiheit tun.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Thunberg beim Klimagipfel : „Wie könnt Ihr es wagen!“

          Greta Thunberg kritisiert beim UN-Klimagipfel in New York die zögerliche Haltung der Politik beim Klimaschutz und reicht eine Menschenrechtsbeschwerde ein. Bundeskanzlerin Merkel antwortet: „Wir alle haben den Weckruf der Jugend gehört.“

          Pendlerpauschale : Habecks Eigentor

          Es sei doch sympathisch, wenn Politiker mal zugeben, dass sie keine Ahnung haben, heißt es. Das stimmt – bei Robert Habeck und der Pendlerpauschale aber ist es fatal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.