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Conchita Wurst : Die Queen of Disziplin

„Als Conchita mache ich mich ein Stück größer, als ich eigentlich bin“: Hinter der schrillen Bühnenfigur verbirgt sich eine zarte Seele, die in ihrem Leben einige Demütigungen einstecken musste. Bild: dpa

Vor einem Jahr siegte Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest – mit Bart und großer Geste. Was hat das mit ihr gemacht? Wir haben sie jetzt, kurz vor dem ESC 2015, in Wien getroffen.

          Sie trägt die Haare kürzer. Vielleicht hat sie sich ja den Rat einer anderen Kunstfigur zu Herzen genommen. Cher hatte vor einem Jahr der bärtigen Frau im fernen Europa zum Sieg beim Eurovision Song Contest gratuliert und ihr zugleich mit auf den Weg gegeben: „Du verdienst einen schöneren Namen und eine bessere Perücke!“ Doch bei näherem Hinsehen scheint das schulterlange, schwarze Kunsthaar aus einem Geschäft für Faschingsartikel zu stammen – Typ: Halbblut Apanatschi. Zu ihrem Namen steht Conchita Wurst ebenfalls noch, was sogar Cher einsehen musste: Der Name einer Dragqueen müsse eben lustig und leicht versaut sein. („Conchita“ ist im Spanischen ein Kosewort für die weibliche Scham, Wurst erklärt sich in dem Zusammenhang wie von selbst.)

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wien hat sich herausgeputzt. Am Samstag steht das Finale des Song Contest an, und Österreichs Hauptstadt weiß, wem sie dieses Spektakel, das zugleich eine große Ehre ist, zu verdanken hat. Conchita Wurst, die „Queen of Austria“, empfängt in der Suite 427 im „Le Méridien“ am Opernring. Zur Begrüßung steht sie auf, was höflich ist, aber auch ein wenig undamenhaft. Mit ihren weißen Pumps erreicht sie gute 1,80 Meter.

          Gleich auf die erste Frage gibt sie eine charmante Antwort: Wie sie angeredet werden möchte? „Was Sie sehen, ist das, was Sie bekommen – also bitte Conchita oder Frau Wurst.“

          Frau Wurst kleidet sich, wenn sie nicht auf der Bühne steht, eher bieder. Eine hochgeschlossene graue Bluse, dazu ein eleganter blauer Hosenanzug. Mit dem Outfit könnte sie sich als Sekretärin bewerben, wären da nicht die unnatürlich langen Wimpern, die schwarz umrandeten Augen. Aus der Nähe wirkt das lächerlich übertrieben. Der Mann, der unverkennbar in Frau Wurst steckt, trägt wie immer Bart. Wann sie das letzte Mal Tom Neuwirth war? „Heute Morgen und die ganze Nacht.“

          Conchita ist die Neue in der Familie Neuwirth

          Tom ist zu einem Geschöpf der Nacht geworden, das fast niemand mehr zu Gesicht bekommt. Selbst Mutter Helga, Vater Siegfried und der ältere Bruder Andreas haben sich an die Neue in der Familie gewöhnt: „Meine Eltern lieben es wahnsinnig, mit mir förmlich zu werden. Dann bin ich für sie Frau Wurst, und zur Begrüßung heißt es ,Angenehm‘ und ,Gnädige Frau‘, und wir lachen uns die ganze Zeit weg, wenn mein Papi mir noch in den Mantel hilft und die Tür aufhält.“ Ihr Papi sei stolz, dass er jetzt nicht nur zwei Söhne, sondern auch eine Tochter habe. Der größte Unterschied zwischen Tom und Conchita: „Tom spricht im österreichischen Dialekt, also steirisch, Conchita bestes Hochdeutsch.“

          Bildnis der Diva als junger Mann: Tom Neuwirth im Jahr 2007. Erst vier Jahre später erschuf Tom „Conchita Wurst“. Bilderstrecke

          In ihrem Buch „Ich Conchita“ schreibt Conchita Wurst von dem „verunsicherten Jungen“, der Tom Neuwirth lange war. Aufgewachsen in Bad Mitterndorf in der Steiermark mit 3000 Einwohnern, verkroch sich der kleine Tom am liebsten im Gasthaus Neuwirth auf dem Dachboden, den er „Grüne Höhle“ nannte, weil der Raum mit grünem Plüsch bezogen war. Dort schmetterte er Arien, trug die Kleider seiner Mutter und Oma auf und nähte sich selbst bald schöne Kleider. Die Eltern ließen ihren Sohn gewähren, der Vater sagte später zum ORF: „Das erste Mal, als er ein Kleid anzog, hat er nicht einmal richtig laufen können. Was hätte ich mir denken sollen? Dass er irgendwann einmal schwul wird? Nein, damit habe ich nicht gerechnet, denn das war er ja schon.“

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