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Conchita Wurst : Die Queen of Disziplin

Berto hatte 2011 Conchita Wurst das Angebot unterbreitet, aus der wenig erfolgreichen Castingshow-Teilnehmerin einen Weltstar zu machen. Auch wenn er den künftigen Weltstar zunächst weiter in peinliche Reality-Shows schickte, der Tiefpunkt war 2013 mit „Wild Girls: Auf High Heels durch Afrika“ bei RTL erreicht, so kann Berto sich doch rühmen, den neben Arnold Schwarzenegger derzeit einzigen international bekannten österreichischen Star unter Vertrag zu haben. Die beiden haben sich in Los Angeles gerade erst verpasst. Und noch eine geplante Begegnung, aus der vielleicht ein musikalisches Projekt hätte werden können, kam nicht zustande: Udo Jürgens, der 1966 als Einziger zuvor den Grand Prix mit „Merci, Chérie“ für Österreich gewinnen konnte, starb im Dezember.

Conchita Wurst traf sogar Ban Ki-moon

Der Terminkalender der Wurst ist voll. Allein 4000 Interview-Anfragen galt es nach dem Grand-Prix-Gewinn im Mai zu bewältigen. Das Unternehmen Conchita Wurst mit etwas mehr als einer Handvoll Mitarbeiter hat sein Büro inzwischen unweit des Wiener Millenium Towers in Brigittenau. Von hier aus wird das Erfolgsprodukt vermarktet. Es vergeht kaum eine Woche, in der Österreichs Meistfotografierte nicht irgendwo für Schlagzeilen sorgt, meist auf einem Laufsteg oder roten Teppich.

Dabei ist die „Queen of Disziplin“ (Berto), die sich selbst als Perfektionistin bezeichnet, darauf bedacht, sich keinesfalls untreu zu werden. Sie entscheidet, wo sie auftritt, was sie singt, was sie sagt. Dass sie dabei vielen als erstaunlich klug erscheint, egal ob sie bei Sandra Maischberger in der ARD oder in der BBC ist, ob sie in Brüssel vor EU-Parlamentariern oder in New York mit Ban Ki-moon spricht, findet sie überhaupt nicht komisch. „Ich rede einfach wahnsinnig gerne und viel, und ich glaube, Übung macht den Meister.“

Das Treffen mit dem UN-Generalsekretär nennt sie den Höhepunkt ihrer vergangenen zwölf Monate, dagegen kommen all die Hochglanz-Veranstaltungen in Paris („Crazy Horse“), Cannes (Aids-Gala) und Los Angeles (Golden Globes) nicht an. „Mode und Singen sind ja, wenn man’s böse sagen will, eher die triviale Ecke. Es ist Kunst und Unterhaltung, aber keine Herzchirurgie. Somit war für mich, wenn es um das wahre Leben geht, das Treffen mit Ban Ki-moon das wahre Highlight. Dass so ein einflussreicher Mann eine Relevanz sieht in dem, was ich mache, so etwas Großes hätte ich nie erwartet.“

Am Ende ihrer zwölf Monate als ESC-Siegerin hat Conchita Wurst noch ein neues Album auf den Markt gebracht: „Conchita“. Kein Schnellschuss, mit dem sie, wie viele es von ihr erwartet hatten, direkt nach dem Gewinn viel Geld hätte machen können, aber doch rechtzeitig zum diesjährigen Grand Prix in ihrer Heimat.

Zum Abschied erhebt sich Conchita Wurst vom Sofa. „Nur weil viele dachten, dass alles falsch war, was ich gemacht habe, ist es das ja noch lange nicht gewesen.“ Denn dafür sei sie ganz schön erfolgreich. Dann wird sie noch einmal nachdenklich und meint: „Am Ende des Tages wollen wir doch alle nur das Gleiche: Wir wollen respektiert werden, wir wollen geliebt werden, und das wollen wir in Freiheit tun.“

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