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Conchita Wurst : Die Queen of Disziplin

Das Comingout überforderte die Eltern zunächst. Tom, der mit 14 nach Graz auf die Modeschule gegangen war und dort einige Auftritte als Sänger und ein wenig Berühmtheit erlangt hatte, sprach mit 17 in einem Interview von seiner Homosexualität. Die Sorge, die Neuwirths müssten nun ihr Gasthaus schließen, war zwar unbegründet. Doch gab es nun einen weiteren Grund, den „weibischen“ Tom im Heimatort und auf der Modeschule zu demütigen.

Dieser Tom verbirgt sich heute hinter der Kunstfigur Conchita Wurst, die 2011 geboren wurde. „Als Conchita bin ich sicherer in dem, was ich tue und sage, weil ich mich ein Stück weit größer mache, als ich bin. Ich bin auch auf der Bühne einen Hauch übertrieben, das liebe ich, und das bringt mir eine gewisse Sicherheit.“ Für sie war das Dragqueen-Dasein „ein Ausweg“, um einen Zwiespalt zu überwinden: „Ich will ein Privatleben, und ich will auf die Bühne, ich will die Aufmerksamkeit der Menschen, aber ich will in Ruhe gelassen werden.“ Ihre Lösung: „Ich erschaffe eine Bühnenfigur.“

Eine Frau mit Bart: Das soll polarisieren

Dass diese Figur nicht allein der harmlosen Unterhaltung dienen würde, war Tom von Anfang an klar: „Würde Conchita Wurst nicht polarisieren, was wäre ihr Sinn?“ Der Bart vor allem ist Stein des Anstoßes. Wie weit Menschen gehen würden, um ihre Abscheu zu zeigen, das hat die Frau mit den Haaren im Gesicht überrascht. „Gründe, warum ich mich nicht schäme, Österreicher zu sein: Adolf Hitler. Gründe, warum ich mich schäme, Österreicher zu sein: Conchita Wurst“ – die Kommentare im Internet sind nicht zu fassen.

„Das Einzige, was mir dazu in den Sinn kommt, ist: Danke für die Aufmerksamkeit!“ Conchita Wurst versucht, flapsig mit den Anwürfen umzugehen: „Wenn ich deren größtes Problem bin, müssten sie dann nicht glücklich sein?“ Selbst Morddrohungen, von denen es reichlich geben soll, spielt sie herunter. „Es könnte mich nicht weniger tangieren, was andere Menschen über mich denken“, sagt sie scheinbar völlig gelassen. „Ich kann verstehen, wenn Menschen mich nicht konsumieren wollen. Was ich aber nicht verstehe, ist, dass sie dann doch so viel Zeit mit mir verbringen, nur um mir zu sagen, wie sehr sie mich nicht mögen.“

Sie wundere sich, wenn Freunde ihr erzählten, was für schreckliche Sachen über sie gesagt und geschrieben werden. „Ich frage sie dann, warum schaut ihr euch das überhaupt an? Was habt ihr davon, ihr ärgert euch doch nur – also, ich ärgere mich wahnsinnig ungern.“ Polizeischutz hat sie nicht, und auch in ihrer Entourage um Manager René Berto gibt es keinen Leibwächter. „Wenn ich anfangen würde, Angst zu haben, wäre das das Ende meiner Karriere. Deswegen habe ich einfach keine Angst.“

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