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Hinterbliebene von Alan Kurdi : Ein Tag, der ihr Leben veränderte

Sie muss mit den Folgen der Katastrophe leben: Tima Kurdi 2018 in London. Bild: Getty

Vor rund fünf Jahren ging das Bild des ertrunkenen Alan Kurdi um die Welt. Die Familie des Jungen leidet bis heute. Ein Treffen mit seiner Tante.

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          Fast wirkte es, als würde er friedlich schlafen. Doch der zwei Jahre alte Junge mit der blauen Hose und dem roten T-Shirt am Strand von Bodrum war tot, ertrunken bei dem Versuch, nach Europa zu fliehen. Es war der 2. September 2015, als sein Foto um die Welt ging. Eine türkische Fotografin hatte die Aufnahme am Morgen gemacht. Außer dem kleinen Alan Kurdi starben auch sein vier Jahre alter Bruder Ghalib und ihre Mutter Rehanna. Nur der Vater Abdullah überlebte.

          Julia Anton
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Dieser Tag, sagt Alans Tante Tima Kurdi, habe auch ihr Leben für immer verändert. Denn das Geld, mit dem ihr Bruder die Überfahrt bezahlte, hatte er von ihr. Sie habe das Telefon fallen gelassen, geschrien, sich selbst körperliche Schmerzen zufügen wollen, als sie die Nachricht vom Tod ihrer Neffen und ihrer Schwägerin erreichte, erzählt Kurdi.

          Zeit heilt Wunden oder macht den Schmerz zumindest erträglicher, heißt es oft. Doch Tima Kurdis Schmerz haben die vergangenen fünf Jahre kein bisschen gelindert. Wenn sie heute die Ereignisse noch mal schildert, bricht sie wieder in Tränen aus. Dass sie selbst die Schrecken des Krieges oder die Wellen, die die Boote der Flüchtlinge zum Kentern bringen, nie am eigenen Leib erleben hat müssen, macht dabei keinen Unterschied.

          Tima Kurdi ist bereits in den neunziger Jahren nach Kanada ausgewandert, mit einem Visum. Ein Flugzeug brachte sie hin. Vielleicht macht das Gefühl von Ungerechtigkeit es sogar noch schlimmer. Dass sie selbst unter angenehmen Umständen lebte, aber kaum helfen konnte, während ihre Familie litt.

          Kurdis Stimme wird gehört

          Sie trägt ihre Haare zu einem Bob geschnitten, ihr Geld verdiente sie lange als Friseurin. Doch ihren Salon hat sie 2017 aufgegeben. Für die Arbeit habe ihr die Kraft gefehlt. Kraft, die sie seitdem für ihr Engagement braucht, eine Öffentlichkeit für Flüchtlinge und den Krieg in Syrien zu schaffen. Denn obwohl Kurdi, die nie studiert hat und auch in der Schule Schwierigkeiten hatte, sich selbst als „ungebildet“ beschreibt, ist die Fünfzigjährige eine Person, deren Stimme gehört wird. Das liegt daran, dass sie Englisch spricht und dass die Welt das Schicksal ihrer Familie kennt.

          Wir treffen uns Ende September in einem Café in Frankfurt. Kurdi ist auf Deutschland-Besuch. Eine Schwester sowie einige Nichten und Neffen leben hier. Aber auch Termine nimmt sie in dieser Zeit wahr: Die private Seenotrettungsorganisation Sea-Eye aus Regensburg, die bereits ein Schiff nach ihrem Neffen Alan benannt hat, will ein zweites auf den Namen Ghalib taufen. Kurdi war bei der Pressekonferenz dabei. Sie hat auf der „Wir haben Platz“-Demo in Berlin gesprochen und die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli getroffen. Außerdem erscheint in diesem Herbst im Verlag Assoziation A ihre Familienbiographie „Der Junge am Strand. Die Geschichte einer Familie auf der Flucht“.

          Am fünften Todestag von Alan, Ghalib und Rehanna Kurdi nahm Tima Kurdi an einer Mahnwache in Berlin teil.
          Am fünften Todestag von Alan, Ghalib und Rehanna Kurdi nahm Tima Kurdi an einer Mahnwache in Berlin teil. : Bild: AFP

          Das Buch ist ihre Aufarbeitung der Tragödie. Sie erzählt von einer Kindheit in Damaskus, ihrem Aufwachsen als Zweitälteste in einer mittelständischen kurdischen Familie mit fünf Geschwistern, in der Gastfreundschaft ein wichtiges Gebot war. Wie sie mit 20 Jahren die Chance ergriff, nach Kanada auszuwandern und selbst einen Sohn namens Alan bekam, der später zum Namensgeber für ihren Neffen wurde.

          Als sie ihre Familie 2011 in Damaskus besuchte, war in der syrischen Hauptstadt von den wachsenden Unruhen erst wenig zu spüren. Zurück in Kanada verfolgte sie stattdessen während der nächsten Monate und Jahre in den Medien, wie der Bürgerkrieg ausbrach und Unzählige das Leben kostete. Wenn sie mit ihren Brüdern und Schwestern telefonierte, hörte sie Gewehrschüsse im Hintergrund. Abdullah, Alans Vater, wurde 2012 überfallen und entführt, die Zähne wurden ihm ausgerissen. Nach einigen Tagen ließ man ihn gehen.

          Nach und nach verließen ihre Geschwister mit ihren Familien das Heimatland und flohen zunächst wie so viele in die Türkei – 2,7 Millionen Syrerinnen und Syrer nahm das Land bis Ende 2015 auf. Wer nicht in den Flüchtlingscamps unterkam, war weitgehend auf sich gestellt. Obwohl Tima Kurdi und ihr Mann die Familie finanziell unterstützten, kam sie dort kaum über die Runden. Die Umstände, unter denen ihre Liebsten lebten, sah Tima Kurdi selbst, als sie 2014 zu ihnen in die Türkei flog: winzige Apartments, oft ohne Heizung, die Toilette nur ein Loch im Boden, die Möbel vom Sperrmüll auf der Straße. Die Kinder hätten keinen Zugang zur Schule gehabt, Arbeit hätten ihre Geschwister allenfalls im informellen Sektor gefunden, das Geld kaum für die Miete und die Nahrung gereicht, geschweige denn für Medikamente, sagt sie. Während ihres Besuchs kaufte Tima Kurdi ihren Verwandten Kleidung auf dem Flohmarkt, darunter auch eine blaue Hose und ein rotes T-Shirt für den kleinen Alan.

          5000 Dollar für ein besseres Leben

          Kurdi bemühte sich daraufhin, ihre Familie zu sich nach Kanada zu holen, stellte zunächst Anträge für ihren älteren Bruder Mohammad, dessen Frau und ihre sechs Kinder und sparte die Summe für eine Patenschaft an. Doch der Versuch scheiterte an fehlenden Ausweisdokumenten – und so bot sie Abdullah an, ihm mit dem angesparten Geld eine Zahnbehandlung zu finanzieren. Er lehnte ab. Wenn, dann würde er das Geld nur nehmen, um mit seiner Familie die Türkei zu verlassen: mit einem Boot Richtung Griechenland. Nur wenige Kilometer Seeweg trennen die Türkei und einige griechische Inseln, von Bodrum aus kann man etwa die Insel Kos sehen. Doch die Winde dort sind gefährlich für die oftmals überladenen Schlauch- und Holzboote. Viele schaffen es nicht. Noch mehr aber erreichen auf diesem Weg Europa. Im Jahr 2015 waren es nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 800.000 Menschen.

          Sie habe wegen der Gefahren mit sich gerungen, schreibt Tima Kurdi in ihrem Buch, aber schließlich willigte sie ein: 5000 Dollar sollten ihren Bruder, ihre Schwägerin und deren zwei Söhne in ein besseres Leben nach Europa bringen.

          Nah am Herzen: Tima Kurdi trägt ein Foto ihrer Neffen Alan (links) und Ghalib um den Hals.
          Nah am Herzen: Tima Kurdi trägt ein Foto ihrer Neffen Alan (links) und Ghalib um den Hals. : Bild: Getty

          In ihrem Buch geht sie deshalb hart mit sich selbst ins Gericht. Hat sie ihm, als Abdullah die Überfahrt im August 2015 wieder und wieder aus Angst aufschob, zu viel Druck gemacht? Hätte er vielleicht noch einen Tag länger gewartet, ein anderes Boot genommen und es dann geschafft? Hätten sie sich mit mehr Geld ein besseres Boot leisten können? Oder hätte sie ihrem Bruder das Geld und die Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit verweigern sollen? Wie hätte das Schicksal der Familie dann ausgesehen?

          Verständnis schaffen für Menschen

          Es sind Fragen, auf die Tima Kurdi nie eine Antwort bekommen wird und die sie bis heute quälen. Die dünnen Zigaretten, die sie während des Gesprächs raucht, wirken wie Rettungsringe, an denen sie sich festhält, immer wieder kommen ihr die Tränen. Zwischendurch braucht sie eine Pause, bittet darum, die Sprachaufnahme zu pausieren. „Eigentlich soll man sich ja wegen Corona nicht so oft in die Augen fassen“, sagt sie, während sie sich die Lider trocken wischt. Doch kaum sind die alten Tränen versiegt, kommen neue.

          Weil sie ihrem eigenen Bruder nicht helfen konnte, wolle sie wenigstens Botschafterin für andere Menschen in Not sein. „Ich möchte, dass sich jeder in die Situation von Menschen auf der Flucht hineinversetzen kann“, sagt sie. Deshalb habe sie das Buch geschrieben. Damit wolle sie Verständnis dafür schaffen, dass ihre Landsleute ihre Heimat nicht freiwillig verlassen, sondern weil ihnen das Nötigste zum Leben fehle: Arbeit, Nahrung, ein Dach über dem Kopf. „Wollen Sie Menschen verurteilen, die fliehen, weil sie sich eine bessere Zukunft für ihre Kinder wünschen?“

          Auch jetzt sei ein Leben in Syrien kaum möglich, den Familien fehle Geld für den Wiederaufbau ihrer Häuser, die Preise für Lebensmittel seien schwindelerregend hoch, dazu die Corona-Pandemie. Man müsse diesen Menschen deshalb die Hand reichen und sie aufnehmen, sagt Tima Kurdi, und sich parallel für Frieden und stabile Verhältnisse vor Ort einsetzen.

          „Wir sind wie alle anderen: Menschen.“

          Als politisch will sie ihre Forderung nicht verstanden wissen, spricht sich für keine Seite aus. Partei ergreift sie nur für die Menschen, vor allem für Kinder. „Das syrische Volk spricht vielleicht eine andere Sprache und praktiziert eine andere Religion“, sagt sie. „Aber wir gehen arbeiten, wir feiern Geburtstag, wir sind wie alle anderen: Menschen.“

          Unmittelbar nachdem das Bild von Alan Kurdi um die Welt ging, ist viel passiert. Das Foto wurde zu einem Sinnbild für das Grauen der Flucht und eine Krise, gegen die zu wenig unternommen wurde. Der damalige britische Premierminister David Cameron etwa vollzog eine Kehrtwende und war plötzlich bereit, Tausende Menschen aus Syrien aufzunehmen. Kanada beschloss ein Programm, um 25.000 Flüchtlinge aufzunehmen, darunter waren später auch Tima Kurdis Bruder Mohammad und dessen Familie. Die Dokumente, deren Fehlen zuvor noch beanstandet worden war, waren im Rahmen des Programms plötzlich nicht mehr nötig.

          Spricht immer wieder über das Schicksal ihrer Familie und anderer Menschen in Not: Tima Kurdi am 20. September 2020 bei einer Demonstration in Berlin.
          Spricht immer wieder über das Schicksal ihrer Familie und anderer Menschen in Not: Tima Kurdi am 20. September 2020 bei einer Demonstration in Berlin. : Bild: EPA

          Die Männer, die Abdullahs Familie auf das Boot setzten, sind gefasst und zu teils langen Haftstrafen verurteilt worden. Doch aus Sicht ihrer Familie sei das kein Erfolg, sagt Tima Kurdi, auch die teils tödlichen Überfahrten könne man so nicht stoppen. „Man kann vielleicht die Schlepper aufhalten, aber nicht die Menschen.“ Und die seien vor allem eins: verzweifelt. Tima Kurdi sieht es bei ihren Schwestern Maha und Shireen, die noch in der Türkei und in Syrien leben. Beide führten noch immer ein Leben in Not, genauso wie andere Landsleute, aber auch Menschen aus dem Jemen oder Libanon. „Niemand sollte gezwungen sein, zu fliehen“, sagt Kurdi. „Wir sollten ihnen helfen und unsere Grenzen öffnen.“

          „Tun Sie es wieder“

          2020 zählte das Missing-Migrants-Projekt der Internationalen Organisation für Migration 62.958 Menschen, die bis Anfang November von Nordafrika oder der Türkei über den Seeweg nach Europa kamen. Mindestens 774 Menschen starben. Die Zahlen sind deutlich niedriger als in den Vorjahren und für Tima Kurdi dennoch zu hoch. Während wir miteinander sprechen, bekommt das Rettungsschiff Alan Kurdi die Erlaubnis, mit 125 Schiffbrüchigen an Bord in Sardinien anzulegen – mehrere Tage nach der Rettung. Die Europäische Union ringt noch immer über einen dauerhaften Verteilmechanismus.

          Tima Kurdi ist keine laute Aktivistin. Sie spricht leise, der Frankfurter Verkehrslärm übertönt sie manchmal. Ihre Worte macht das für ihr Gegenüber umso eindringlicher. Gerichtet an Politiker wie Angela Merkel, sagt sie: „Erinnern Sie sich, wie Sie sich gefühlt und wie Sie gehandelt haben, als Sie das Foto von meinem Neffen gesehen haben? Tun Sie es wieder.“

          Wegen ihres Engagements und ihrer Überzeugungen muss Tima Kurdi mit Hass leben, sie und ihre Familie werden im Netz beleidigt. Einige Leute würde Tatsachen verdrehen und behaupten, ihr Bruder habe die riskante Überfahrt nur in Kauf genommen, um sich in Europa kostenlos die Zähne richten zu lassen. Sie macht trotzdem weiter. „Ich kann sie nicht gewinnen lassen“, sagt sie. Stattdessen schöpfe sie Kraft in der Mehrheit, die bereit sei, zu helfen.

          Loslassen können Tima Kurdi und ihre Familie nicht. Abdullah, Alans Vater, lebt inzwischen in Kurdistan. Er hat wieder geheiratet, im März wurde ein Sohn geboren. Eine Wendung zum Guten ist es trotzdem nicht. „Der Schmerz ist noch da“, sagt seine Schwester. „Und er wird niemals aufhören.“

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