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Archäologie : Wer die Philister wirklich waren

Eines von 150: Dieses Skelett aus dem elften bis achten Jahrhundert vor Christus lagerte rund 3000 Jahre in einer drei Meter tiefen Grube in Aschkelon. Bild: dpa

Archäologen haben den ersten Friedhof der Philister in der Nähe der israelischen Stadt Aschkelon entdeckt. Können nun die letzten Rätsel des biblischen Volkes gelöst werden?

          3 Min.

          Die Sonne brennt auf die Plane über der Grube. Darunter ist es heiß wie in einer Sauna. Den Archäologen steht der Schweiß auf der Stirn. Mit Pinseln legen sie behutsam jeden einzelnen Knochen frei. Gut 3000 Jahre lang bedeckte Sand die Skelette am Rand der israelischen Hafenstadt Aschkelon. „Bisher fanden wir keine Riesen“, sagt Lawrence Stager scherzend. Der amerikanische Professor spielt auf Goliath an, den David im Zweikampf mit seiner Steinschleuder tötete. Glaubt man der Bibel, war der Philister zwei oder drei Meter groß. Vor 31 Jahren begann der weißbärtige Amerikaner Stager damit, am Strand von Aschkelon die Geschichte des rätselhaften Seefahrervolks zu erforschen. Kurz bevor die Grabungen zu Ende gingen, entdeckten die Archäologen den ersten Friedhof der Philister.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Das klingt nicht sonderlich aufregend, ist aber eine Sensation. Denn die Knochen werden dabei helfen, endlich zu erfahren, wer die Philister wirklich waren, über die man bis heute nicht viel weiß – außer aus den wenig vorteilhaften Berichten in der Bibel. Sie kommen nicht nur im Alten Testament schlecht weg. Mit ihrem Namen bezeichnet man umgangssprachlich Spießbürger und engstirnige Menschen. „Davon kann keine Rede sein. Die Philister waren richtige Kosmopoliten, die am östlichen Mittelmeer Handel trieben und gern Wein tranken und nicht Bier, wie die Ägypter und Mesopotamier“, sagt der mittlerweile emeritierte Harvard-Professor.

          150 Skelette geborgen

          Aschkelon war eine der insgesamt fünf Philister-Städte an der Mittelmeerküste. Auch in Gaza waren sie einst zuhause. Bis zu 12000 Menschen lebten in der quirligen, weltoffenen Hafenstadt. Sie handelten mit Ägyptern und Griechen. Ihre Toten begruben sie vor der hohen Stadtmauer. „Wir werden ihre Geschichte erzählen“, sagt Daniel Master, „und nicht mehr die Geschichte über sie“. Der Schüler und Nachfolger von Lawrence Stager hat mit seinen gut 100 Mitarbeitern bis Anfang Juli fast 150 Skelette aus den beiden drei Meter tiefen Gruben geholt. Die Gräber stammen aus der Zeit zwischen dem elften und achten Jahrhundert vor Christus. „Vielleicht werden wir schon bald das Rätsel ihrer Herkunft lösen“, sagt Daniel Master, Archäologie-Professor am Wheaton College. Aus einigen Knochen konnte man DNA-Material gewinnen, das in einem amerikanischen Speziallabor untersucht wird. Dort besitzt man reichlich Vergleichsmaterial und hofft, bald den Vorfahren auf die Spur zu kommen.

          Die peruanische Konservatorin Angelica Isa untersucht ein gefundenes Knochenstück.

          Forscher vermuten, dass die Philister während der Eisenzeit aus Zypern, Griechenland oder Anatolien an die Südküste Palästinas gekommen sind. Ihre schwarz-rote, mit Vögeln, Fischen und Pflanzen verzierte Keramik erinnert an Fundstücke aus dem nordöstlichen Mittelmeerraum, zum Beispiel aus Mykene. Der endgültige Beweis steht aber bislang aus. Sicher ist nur, dass sie keine Semiten waren wie Aramäer, Moabiter und Kanaaniter, die ältesten bekannten Bewohner des Gebiets. Die Bibel stellt die Philister als unbeschnittene Erzfeinde des Volkes Israels dar, die Schweinefleisch aßen. Saul und David mussten immer wieder ihre Angriffe von der Küste aus abwehren. Die Philister waren für die Israeliten zunächst eine große Gefahr. Das ist vielleicht der Grund, weshalb der Philister Goliath in den Erzählungen zum Riesen wurde. Die Herausforderung durch die Philister trug dazu bei, dass die Israeliten damit begannen, ihre Herrschaft effizienter zu organisieren und eine Monarchie zu gründen.

          Behutsam legen Archäologen in Aschkelon neben einem Schädel einen großen Tonkrug neben frei, auf dem eine Schale und darauf ein weiteres kleines Gefäß stehen. Erste Untersuchungen zeigten, dass sie Olivenöl oder parfümierte Essenzen enthielten. In einigen befand sich auch Asche, die möglicherweise von verbrannten Toten stammt. Im Lager der Archäologen holt Sherry Fox noch einmal jeden Knochen aus einem Berg von beschrifteten und numerierten Papiertüten. „Linke Rippe“ steht auf einer von ihnen. Die Überreste eines Menschen passen in eine kleine Obstkiste. Die amerikanische Expertin ist forensische Anthropologin. Bevor sie nach Aschkelon kam, hat sie auf Zypern nach Vermissten des Krieges von 1974 gesucht. Hier begutachtet sie einen Schädel. „Die Frau war wohl 34 Jahre alt und wirkt gesund. Man kann noch die Überreste eines Ohrringes aus Kupfer erkennen“, sagt Sherry Fox. An einigen Skeletten konnten die Archäologen Verletzungen finden, manche Knochen deuteten auf Mangelernährung hin. Um alle Funde aus den Gräbern aufzuarbeiten, werden sie noch Jahre brauchen. Einige von ihnen – aber keine Knochen – sind seit Sonntag im Jerusalemer Rockefeller-Museum ausgestellt.

          Bis zum Eröffnungstag der Ausstellung galt eine strikte Nachrichtensperre. Die Gruben waren mit grünen Planen abgeschirmt und wurden vor wenigen Tagen wieder zugeschüttet. Die Grabungen liefen fast konspirativ ab. Die Archäologen waren besorgt, dass strenggläubige Juden daran Anstoß nehmen und ihre Arbeit behindern könnten – obwohl es sich bei den Toten um Philister und nicht um Juden handelte. Sie erinnerten sich an die Proteste ultraorthodoxer Juden vor sechs Jahren. Damals scheiterte in Aschkelon fast der Ausbau des Barzilai-Krankenhauses. Wegen des andauernden Raketenbeschusses aus dem Gazastreifen sollte ein besonders geschützter Notaufnahmetrakt errichtet werden. Doch auf dem Grundstück befanden sich jahrhundertealte Gräber. Die frommen Rabbiner glaubten der israelischen Antikenbehörde nicht, nach deren Erkenntnissen dort Christen und andere Nicht-Juden bestattet waren. Demonstrationen verzögerten die Fertigstellung des Gebäudes, das dringend benötigt wurde, wie die beiden folgenden Gaza-Kriege zeigten.

          Auch deutsche Fachleute sind an den Ausgrabungen beteiligt: Die Archäologin Lisa Sedlmayr legt eines der Philister-Skelette behutsam mit Pinseln frei.

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